Programmierer im Bademantel

Professionalität als Bürde? Ein Plädoyer für mehr Hacker-Kultur in Unternehmen

Michael Thomas

© Shutterstock.com/Palau

(Geschäfts-)politische Entscheidungen machen eher unangepassten Zeitgenossen den Arbeitsalltag mitunter unnötig schwer, findet der Entwickler und Blogger Bryan Edds. Er wünscht sich eine Abkehr von starren Vorgaben und eine vermehrte Hinwendung bzw. Rückkehr zur Hacker-Mentalität.

Edds bezieht sich in seinen Ausführungen auf einen etwas älteren Rant der Programmiererlegende Linus Torvalds. Dieser hatte „professionelles“ Verhalten hauptsächlich mit gespielter Höflichkeit, passiver Aggressivität, leerem Gerede und hinterhältiger Büropolitik assoziiert. Statt Krawatte und Büro, so Thorvalds, sei ihm der Bademantel und die Arbeit im Home Office lieber.

Edds geht noch einen Schritt weiter: Für ihn ist Professionalität häufig nichts anderes als ein Deckmantel für ein unmenschliches Arbeitsumfeld, das unangepassten Zeitgenossen das Leben zur Hölle macht. Das Problem, so Edds weiter, liegt nicht in der Persönlichkeit der Programmierer, sondern in der Art der Unternehmensführung. Denn das Management verfolgt in der Regel einen ganz bestimmten Ansatz im Softwareentwicklungsprozess – z. B. Agile – dem sich alle Mitarbeiter auf Teufel komm raus fügen müssen. Allen, die sich damit nicht so recht anfreunden wollen, wird gerne pauschal der schwarze Peter zugeschoben.

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Die Folge, so Edds, ist, dass die individuelle Produktivität der Mitarbeiter unterdrückt wird und die Softwareunternehmen ihre Büros mit jederzeit austauschbaren „Codeaffen“ fluten, was wiederum dazu führt, dass das Arbeitsumfeld immer anfälliger gegen Abweichler jeder Art wird. Charakterköpfe haben so mitunter keine Chance.

Mehr Hacker-Kultur

Kann man etwas dagegen tun? Und wenn ja: Sollte man etwas dagegen tun? Für Edds lautet die Antwort auf beide Fragen eindeutig „ja“. Seiner Ansicht nach sollte das Management sich, anstatt scheiternde Projekte ausschließlich den Fähigkeiten oder den Persönlichkeitsmerkmalen der Programmierer anzukreiden, öfter an die eigene Nase fassen und sich fragen, ob nicht auch – zwecks Aktivierung der individuellen Synergieeffekte eines Teams – ein Umbau des Entwicklungsprozesses sinnvoll wäre. Eine Möglichkeit, den Weg dorthin zu ebnen, meint Edds in der Hacker-Kultur zu erkennen.

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Denn diese lege immerhin, im „Kampf gegen die rastlosen Dämonen der Komplexität“, großen Wert auf Ehrlichkeit und direkte Kommunikation. Programmierer, so seine Forderung, sollten sich wieder eine dickere Haut zulegen und echtes Teamwork erlernen, anstatt ihren Mitarbeitern bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken zu fallen oder Konflikte auf eine noch hässlichere Ebene (Manipulation, passive Aggressivität, Kommunikationsverweigerung etc.) zu tragen, was letztendlich immer zu qualitativ schlechterer Software führe.

Schlussendlich, so Edds, müsse sich die Programmierergemeinde entscheiden, ob sie der Meritokratie anhängen oder sich rein (geschäfts-)politischen Entscheidungen unterwerfen wolle. Nicht nur da die Open-Source-Bewegung auf ersterer basiert, fällt Edds die Wahl leicht. Für ihn sind die Programmierer mit Ecken und Kanten, die in manchen Unternehmen durchs Raster fallen, keine Ausschussware, sondern vielmehr eine wertvolle Ressource. Eine Ressource, die bereit ist, von all jenen angezapft zu werden, die bereit sind, maßgeschneiderte Entwicklungsprozesse zuzulassen – und, so Edds, nicht davor zurückschrecken, eine Herde Katzen zu hüten.

Aufmacherbild: hacker von Shutterstock / Urheberrecht: Palau

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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