"Privatsphäre und Datenschutz sind nicht gleichbedeutend"

Könnte man angesichts dieser Möglichkeiten nicht einfach sagen, lasst uns doch alles offenlegen?

Peter Schaar: Diese Idee haben ja manche im Moment, Stichwort Post-Privacy. Allerdings halte ich das wiederum für keine positive Vision, weil Zwangsöffentlichkeit das Private sozusagen als dialektisches Gegenstück zur Öffentlichkeit vernichtet und damit auch die Öffentlichkeit selbst. Wer damit rechnet, dass sein gesamtes Verhalten registriert wird, hält sich mit Meinungsäußerungen zurück und nimmt nicht an Demonstrationen teil − das gilt zumindest für die meisten Menschen. Ich denke, man muss sich darüber im Klaren sein, dass sich Öffentlichkeit und Privatsphäre einander bedingen – jedenfalls ein Stück weit. In dem Moment, in dem ich mich öffentlich äußere, muss ich mich meiner eigenen Interessen und meiner Rolle vergewissern. Gegebenenfalls mache ich das auch vertraulich im Austausch mit Dritten und da möchte ich natürlich nicht, dass alle Vorüberlegungen und Interessensbekundungen in diesem Stadium bereits der Öffentlichkeit, also auch Menschen, denen ich zu späterer Gelegenheit in einer anderen Konstellation begegne, vorab bekannt sind. Genau das aber ist ein Problem. Heute ist sehr viel mehr über eine Person bekannt, ehe man überhaupt jemanden kennenlernt. Ich sehe darin ein großes Problem.

Welche Mechanismen gibt es, um dem gegenzusteuern?

Peter Schaar: Indem man sich zum Beispiel dafür einsetzt, nicht in jeder Situation identifizierbar zu sein. Es muss die Möglichkeit geben, sich etwa in Internetforen über Krankheiten, politische Ansichten oder auch über Datenschutz auszutauschen, ohne die volle Identität preiszugeben. Meine Dienststelle betreibt zum Beispiel ein Datenschutzforum im Internet, das recht rege und erfolgreich genutzt wird (www.datenschutzforum.bund.de). Wenn wir in diesem Forum eine Real-Name-Pflicht einführen würden, sich also jeder mit Namen und gegebenenfalls weiteren Angaben identifizieren müsste, dann könnte das dazu führen, dass jemand, der sich aus seinem Betrieb oder seiner Verwaltung mit einer Frage an die Community wendet, bei seinem Arbeitgeber Nachteile befürchten müsste – das kann durch die Möglichkeit zur Verwendung von Pseudonymen vermieden werden. Selbstverständlich gibt es einzelne Nutzer, die ihren eigenen Namen verwenden, das steht auch jedem frei, aber die meisten Nutzer schreiben unter Pseudonym, um unerkannt zu bleiben.

Anonymität im Internet sicherzustellen ist nicht einfach. Das führen uns nicht nur Hollywoodfilme regelmäßig vor. Auch im echten Leben, gibt es immer wieder den Zugriff Einzelner auf persönliche Daten, seien es Administratoren oder Dienstleister, die zwischengeschaltet sind, weil sie die Server betreiben, oder Behörden der Strafverfolgung. Sind da nicht schon allein durch die Technologie und unterschiedlichen Interessen Sicherheitslücken gegeben?

Peter Schaar: Das zentrale Problem sind die Datenverknüpfung und die datenmäßige Kooperation unterschiedlicher Akteure. Dass also der Provider, der dem Nutzer die IP-Adresse zuordnen kann, mit einer Stelle, die auf die publizierten Inhalte Zugriff hat, zusammenarbeitet. Auf diese Art und Weise können die Nutzer wieder reidenitifiziert werden. Aber da sehen wir einen ganz großen Interessenkonflikt, bei dem es einerseits darum geht, sich als Nutzer tatsächlich frei auszutauschen, und andererseits die legitimen oder auch nicht legitimen Zwecke zu sehen, diese Anonymität zu brechen. Das ist ein Konflikt mit dem wir im Informationszeitalter einfach leben müssen. Wir müssen beides sicherstellen, einerseits Transparenz, andererseits den Schutz der Privatsphäre. Die Wahrung der konkurrierenden Interessen, etwa bei der Verfolgung von Urheberrechtsverstößen oder bei der Kriminalitätsbekämpfung, ist nicht immer einfach.

Diese Verknüpfung von Informationen spielt auch in den Industriebereich hinein. Die Kommunikation und der Datenaustausch in der B2B-Kommunikation verschiedener Unternehmen nehmen stetig zu. Vor allem mit dem Ziel, den Wert gemeinsamer Geschäftsmodelle durch die Kombination von Daten erhöhen zu wollen.

Peter Schaar: B2B gehört wohl eher in die Bereiche, die zunächst nicht so viel mit Datenschutz im engeren Sinne, sondern IT-Sicherheit zu tun haben. Dort aber, wo B2B beinhaltet, die Profile der Nutzer zusammen zu führen, seien es Persönlichkeitsprofile, Usertracking-Daten oder Ähnliches, wird es kritisch.

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