Perspektivenwechsel

Projektleiter Quo Vadis?

Da habe ich jetzt ja ordentlich was zu verdauen. Aber dieses Tuckman-Modell erklärt tatsächlich sehr gut, warum unser Team sich nicht selbst steuern konnte. Der Projektleiter hat nicht durch die Teambildungsphasen geführt. Wie denn auch? Er kannte das Modell ja nicht!

Das sollten wir nächstes Mal besser machen. Jetzt kennen wir das Modell. Wenn der Projektleiter jedoch durch die Teambildungsphasen führt, kann er dann noch Bestandteil des Teams sein und am Ende sogar mitprogrammieren? Hört sich schwierig an. Ich frage also „Hey Psycho! Wie sieht das aus mit dem mitprogrammierenden Projektleiter?“ und bekomme die Antwort, die ich befürchtet hatte: „Pustekuchen“ (der Psycho formuliert das natürlich in seiner eigenen komischen Psychologensprache). Da würden Rollenkonflikte entstehen, die sich schwer bis gar nicht beherrschen lassen.

Das ist jetzt aber sehr unangenehm. Wir sind ja nur eine kleine Firma mit kleinen Projekten. Wir können uns das nicht leisten, einen Full-Time-Projektleiter im Team zu haben, der nicht mitprogrammiert. Wie sollen wir das denn in Einklang bringen? Darauf hat der Herr Psychologe keine Antwort. Das müssten wir schon selbst für uns herausfinden.

Noch einmal zurück auf Start. Was wäre, wenn wir gar keine Projektleiter mehr hätten? Wer führt dann durch den Teambildungsprozess? Der ScrumMaster (mein Germanistik studierter Bruder wies mich darauf hin, dass es in Germanistik-Fachkreisen für diese CamelCase-Schreibweise „ScrumMaster“ einen Fachausdruck gibt: „Binnenmajuskel“. Ernsthaft. Gucken Sie bei Wikipedia nach – Binnenmajuskel! Da soll noch mal einer sagen, Germanisten hätten keinen Sinn für Humor!) Den hatten wir bisher etwas stiefmütterlich behandelt. OK, ich geb’s ja zu: Wir haben ihn vollständig ignoriert. Denken wir das also mal weiter: Wir schaffen den Projektleiter komplett ab, das Team steuert sich selbst und der ScrumMaster führt durch den Teambildungsprozess. Und dafür muss der ScrumMaster auch nicht full-time im Team sein – allenfalls während der Anfangsphase. Er könnte gleichzeitig als Entwickler in einem anderen Team oder als ScumMaster für mehrere Teams arbeiten. Hört sich soweit nicht mehr abwegig an. Ich denke, das sollten wir ausprobieren. Aber dafür muss sich ja gleich unsere ganze Organisation ändern. Das dauert.

Perspektivenwechsel

Nachdem ich jetzt eine Nacht darüber geschlafen habe, finde ich den Ansatz mit ScrumMaster und ohne Projektleiter immer besser. Ich habe jetzt auch eine Idee, wie ich die Umsetzung beschleunigen kann und sich nicht gleich unser ganzes Unternehmen ändern muss. Wenn ich das nächste Mal einem Projekt als Projektleiter zugewiesen werde, werde ich mich dem Team als ScrumMaster vorstellen und keine Anweisungen geben, wie Dinge umzusetzen sind. Damit ich mich nicht in Rollenkonflikte verwickle, werde ich mich als nicht zum Team gehörend definieren. So kann ich Diskussionen moderieren, ohne mitreden zu müssen. Für die Zeit neben der ScrumMaster-Aufgabe werde ich mir vom Team Aufgaben geben lassen, die nach Meinung des Teams gut zu delegieren sind – vielleicht Arbeiten am Build-System etc. Ja, ich glaube, das ist ein guter Plan! Da hat mich der Psycho doch noch auf eine gute Idee gebracht.

Dipl.-Inform. Stefan Roock ist Senior IT-Berater bei der akquinet it-agile GmbH in Hamburg. Er verfügt über mehrjährige Erfahrung aus agilen Softwareprojekten (Scrum, XP, FDD) als Coach, Trainer, Projektleiter und Entwickler. Er ist Autor der Bücher „Software entwickeln mit eXtreme Programming“ und „Refactorings in großen Softwareprojekten“.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.