"Das haben wir doch schon immer so gemacht!"

Perspektivenwechsel

Stefan Roock und Henning Wolf

In der Kolumne „Perspektivenwechsel“ plaudern Henning Wolf, Stefan Roock und Arne Roock aus dem agilen Nähkästchen. Teil 1: Was sich ein Experte für agile Software-Entwicklung alles anhören muss. Ein offenes Gespräch.

Ich: Hallo! Sie sind hier also die Experten für agile Softwareentwicklung?

Standmann: Wir tun unser Bestes. Was kann ich für Sie tun?

Ich: Ich habe mir jetzt ein paar Vorträge zu dem Thema angehört, agil allgemein, Scrum und XP und so weiter. Ich behaupte ja, dass wir schon immer agil vorgegangen sind.

Standmann: (Oh nein. Nicht schon wieder so einer.) Wohl kaum.

Ich: (Was soll das denn?) So, wie ich es verstanden habe, muss ich schnell reagieren können. Dann bin ich agil. Und wir können schnell reagieren.

Standmann: (Doch, es ist wieder einer von denen.) Bei der Entwicklung auf Zuruf reagiert man auch schnell. Aber das ist nicht agil. Das ist chaotisch. Agil wird es erst, wenn man schnell reagieren kann und trotzdem einen kontrollierten Prozess hat.

Ich: Nee, klar. Entwicklung auf Zuruf machen wir nicht. Der Prozess läuft bei uns kontrolliert. Wir haben alle 2 bis 3 Monate reguläre Releases. Wenn etwas ganz dringend benötigt wird, können wir das innerhalb weniger Tage bereitstellen.

Standmann: Damit sind Sie aber noch nicht agil. Sie müssen zweiwöchige Iterationen bzw. Sprints haben und alle drei Monate ausliefern. Und der Produktverantwortliche priorisiert je Iteration, was gemacht werden soll, und das Team committed sich auf die Arbeit einer Iteration und erreicht in mindestens 90 % der Iterationen auch sein Commitment. Und wenn der Produktverantwortliche ein Iterationsergebnis für releasefähig hält, kann er das Release direkt veranlassen. Die Entwickler müssen dann nichts mehr aufräumen oder zu ende programmieren. Das System ist technisch immer auf einem releasefähigen Stand. Und natürlich brauchen Sie automatisierte Unit- und Akzeptanztests und eine entsprechende Build-Umgebung mit mindestens nächtlichen Builds. Und Sie müssen so hohe Qualität produzieren, dass es nur sehr selten Fehler im zentralen Codebestand gibt, und Ihre Entwicklungsgeschwindigkeit müssen Sie messen und Sie dürfen über die Zeit nicht langsamer werden. Sonst haben Sie nämlich den so genannten inkrementellen Entwurf nicht richtig gemacht. (So, und jetzt kommst du.)

Ich: (Au Backe.) O.K., da sind wir bei Weitem nicht. Aber muss ich das wirklich alles machen? Bin ich nicht mit weniger auch schon agil?

Standmann: (Hm, da habe ich ja schon sehr viel verlangt.) Ich kenne durchaus Projekte, die die genannten Eigenschaften nicht komplett erfüllen und die ich trotzdem agil nennen würde. Da bin ich eben etwas voreilig gewesen mit meiner Forderungsliste.

Ich: (Da bin ich ja erleichtert. Und er gibt zu, dass er falsch lag. Das kennt man ja von so Messefuzzis gar nicht.) Und was genau brauche ich nun?

Standmann: (Will er von mir ein Zertifikat, dass er bereits agil ist und nichts mehr tun muss? Sprechen wir doch mal darüber.) Vielleicht reden wir auf der falschen Ebene miteinander? Wollen Sie von mir eine Bestätigung darüber, dass Sie bereits agil vorgehen?

Ich: Irgendwie schon, wenn ich darüber nachdenke. (Aber warum eigentlich?)

Standmann: (Er ist immerhin ehrlich, das muss ich ihm lassen) Und warum wollen Sie das?

Ich: Ja, das ist eine gute Frage. Das ist mir selbst nicht so richtig klar. Es reden ja alle ständig von agiler Softwareentwicklung. Da entsteht ja schon ein gewisser Druck.
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Stefan Roock und Henning Wolf
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