Aspekte und Ansätze zur Standardisierung im E-Learning, Teil 1

Pauken nach Standards

Veikko Krypczyk

Was heißt Standardisierung im E-Learning? Bedeutet es, dass Wissen nach einheitlichen Vorgaben vermittelt wird oder beziehen sich die Standardisierungsbemühungen auf die technischen Aspekte. Der nachfolgende zweiteilige Beitrag führt in die Begrifflichkeiten des E-Learning ein und beleuchtet internationale Standardisierungsansätze.

Die schnell fortschreitende Entwicklung im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie gewinnt auch zunehmend an Bedeutung für die Bildung und Wissensvermittlung. Waren früher die klassischen Printmedien, wie Bücher und Zeitschriften, die einzigen Mittel, um seinen Wissenstand als Autodidakt oder in Ergänzung der Teilnahme an einer Bildungsveranstaltung zu erweitern, sind heute eine Reihe von weiteren Entwicklungen hinzugekommen. Beispielhaft seien hier nur genannt: multimediale Lernunterstützung durch TV, Computer-Based-Training und die vielfältigsten Formen der Aus- und Weiterbildung über das Internet. Zur letzten Form sei an dieser Stelle angemerkt, dass es im Bereich des Internets keine scharfe Grenzziehung zwischen Information, Wissensvermittlung und dem Übergang zu einem systematischen Lernen existiert. Beispielsweise kann man sehr einfach eine Recherche zu einem bestimmten Thema mit Suchmaschinen durchführen und so seine Kenntnisse über ein bestimmtes Wissensgebiet erweitern. Selbstverständlich hat man das Problem der Qualität der Informationen an dieser Stelle noch nicht gelöst.

Dieser zweiteilige Artikel beschäftigt sich mit den Aspekten des E-Learnings und speziell mit Fragestellungen der Standardisierung in diesem Bereich. Nachdem Einzelanbieter, Unternehmen, Universitäten und ähnliche Akteure gezeigt haben, welche neuen Möglichkeiten das E-Learning bietet, ist es nun an der Zeit, nach Standardisierungsansätzen in diesem Bereich zu fragen. Im Teil 1 des Beitrages erhalten Sie eine Einführung in den Bereich des E-Learnings. Im Anschluss folgt die Erörterung der Frage nach dem Sinn und Zweck der Standardisierung auf diesem Gebiet. Gegenstand der Betrachtungen sind die Vor- und Nachteile. Schnell wird deutlich werden, dass mit Standardisierung im E-Learning nicht ein standardisiertes Lernmuster, sondern vielmehr die technischen Aspekte gemeint sind. Im Teil 2 des Beitrages, der in der Ausgabe 3.2008 des Entwickler Magazins erscheinen wird, werden einzelne Standardisierungskonzepte im Überblick vorgestellt.

Bei einer Recherche wird schnell deutlich, dass es einer intensiven Beschäftigung bedarf, wenn ein eigenes E-Learning-System auf der Basis existierende Ansätze aufgebaut werden soll. Zumindest finden sich allgemeine Informationen zur Thematik bei den verschiedensten Organisationen und Einrichtungen, darunter zum Beispiel die Fachbereiche von Universitäten. Diese haben sich mit dem Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln auseinandersetzt. Einstiegspunkte können in [1], [2] und [3] gefunden werden. In diesem Sinne kann das Internet als riesige E-Learning-Lernplattform für die Beschäftigung mit dem Thema E-Learning selbst verstanden werden.

E-Learning im Überblick

Der Begriff des E-Learnings ist in der heutigen Literatur weder eindeutig abgegrenzt, noch wird er einheitlich verwendet. Vielmehr unterliegt der Begriff selbst einem stetigen Wandel und wird den aktuellen Bedürfnissen und Entwicklungen angepasst. Eine wörtliche Übersetzung des Begriffs „E-Learning“ führt zur Terminologie des elektronischen Lernens. Im Allgemeinen versteht man darunter die Übertragung und Vermittlung von Lerninhalten über die verschiedene Medien wie das Internet, Intranet, Extranet, TV, Video, interaktives Fernsehen und CD-ROM-Anwendungen. Hier soll unter E-Learning ein übergeordneter Begriff für Software-gestütztes Lernen verstanden werden, das insbesondere durch die Verbreitung und Nutzung der Webtechnologie, wie Internet, Intranet und Extranet gestützt ist (vgl. [4] und [5]).

E-Learning ist interdisziplinär ausgerichtet (Abbildung 1), das heißt, neben der Fachrichtung, in der die Wissensvermittlung stattfinden soll (zum Beispiel Medizin), ist die technische Realisierung eine primäre Frage der Informatik. Die Vermittlung, Präsentation und Gestaltung der Lehrinhalte in didaktischer Hinsicht fällt in den Bereich der Bildungswissenschaften, denn unabhängig von der Methode der Wissensvermittlung gelten die Prinzipien des Lernens und Verstehens. Der Nutzen von E-Learning-Systemen wird heute nicht mehr bestritten. Ein durchgreifender Erfolg auf allen Ebenen (sowohl für die Nutzer, als auch für die Autoren der Wissensinhalte) wird jedoch erst dann festzustellen sein, wenn es gelingt, einen Standard zu etablieren. Die Notwendigkeit der Schaffung von Standards, deren Zielobjekte und Ausprägungen sollen nachfolgend betrachtet werden.

Interdisziplinäre Ausrichtung des E-Learning
Standardisierung im Allgemeinen

Zunächst zu den Gründen für eine Standardisierung. Ein sehr schönes Beispiel findet sich in [6], das hier wiedergegeben werden soll: Haben Sie schon mal in anderen europäischen Ländern Konfektionskleidung gekauft? Viele Leute sind verwirrt durch die verschiedenen Konfektionsgrößen in den einzelnen Ländern:

  • Größe 38 in Deutschland, den Niederlanden und Frankreich entspricht (manchmal)
  • C38 in Norwegen, Schweden und Finnland
  • 40 in Belgien und Frankreich
  • 44 in Italien
  • 44/ 46 in Portugal und Spanien
  • 12 in Großbritannien

Interpretiert man dieses Beispiel aus Kundensicht, so wird sofort die berechtigte Forderung nach einem Standard deutlich. Dieses einfache und plakative Beispiel lässt sich auch auf beliebige Entsprechungen in Technik, Wirtschaft, Konsumgüter – und wie noch gezeigt werden soll – auf den Bereich des E-Learning übertragen. Allgemeingültige Aussagen zu Standards können lauten:

  • Standards tragen zur Vereinheitlichung von Produkten bei, was zu einer Verbesserung der Vergleichbarkeit führt (höhere Markttransparenz)
  • Standards führen langfristig ggf. zum Anstieg des Qualitätsniveaus (Produkte, die einem gewissen Standard nicht genügen, werden am Markt weniger oder nicht nachgefragt werden)
  • Standards erleichtern die Prozesse der am Markt beteiligten Akteure und senken damit die Transaktionskosten (zum Beispiel Kosten für die Auswahl und Kaufentscheidungsprozesse für ein Produkt)
  • Standards für Komponenten und Teilsysteme gewährleisten, dass diese untereinander austauschbar sind und vermeiden damit die Abhängigkeit des Kunden vom einzelnen Anbieter (es kommt also zur Förderung des Wettbewerbe)
  • Standards für Schnittstellen sind notwendig, um komplexe Systeme aus Elementen zusammenzusetzen

Nachteilig bei der Entwicklung eines Standards und bei der Anpassung einer eigenen Produktspezifikation an einen vorgegeben Standard ist, dass in der Regel Kompromisse eingegangen werden müssen. Diese Kompromisse können die Eigenschaften des Produkts in Bezug auf die Erbringung einer Spezialleistung schmälern. Weiterhin ist zwischen Standards und Normen zu differenzieren. Der Textkasten „Standards & Normen“ definiert beide Begriffe.
Für eine Erhöhung der Qualität im Bereich des E-Learnings setzt sich die Qualitätsinitiative E-Learning in Deutschland (Q.E.D.) ein. Ihre Leitziele lauten:

  • Mitwirkung bei der Entwicklung von international anerkannten Qualitätsstandards für E-Learning
  • Förderung einer praktikablen Nutzung und weitgehender Automatisierung von Standards für komplexe multimediale Anwendungen
  • Verbreitung von Standards durch Anwendungsleitfäden und Easy-To-Use-Tools
  • Steigerung des Verbreitungsgrades von E-Learning in Aus- und Weiterbildungsprozessen in KMU
  • Weiterentwicklung von Zukunftsfeldern des E-Learning: Mobile bzw. Nomadic Learning und Einsatz von Rich-Media-Inhalten in neuen Lernszenarien
  • Bündelung von Interessen aller Unternehmens- und Organisationsformen und Vertretung in internationalen Gremien und Verbänden
Standardisierung im E-Learning

Nachdem bereits im vergangenen Abschnitt auf allgemeiner, fachübergreifender Ebene zu Standardisierung motiviert wurde, soll nun speziell auf die Ziele, Zwecke und die Objekte der Standardisierung eingegangen werden. In Anlehnung an Advanced Distributed Learning (ADL) seien einige wesentliche Ziele von E-Learning-Standards genannt und kurz erläutert (vgl. [9]).

  • Erreichbarkeit: Es muss die Möglichkeit bestehen auf die Lerninhalte des Systems von verschiedenen Orten aus zuzugreifen. Man könnte sich hier beispielsweise einen Zugriff auf den Bildungsserver über das Internet vom heimischen PC aus vorstellen.
  • Anpassbarkeit: Die Lernobjekte müssen an die individuellen und organisatorischen Bedingungen (also an den gerade verwendeten Einsatzzweck) anpassungsfähig sein.
  • Wirtschaftlichkeit: Es handelt sich um einen wesentlichen Motivationsgrund für Standardisierungsbemühungen. Durch die Wiederverwendbarkeit von E-Learning-Objekten soll beispielsweise die Produktivität gesteigert werden. So müssen für die Ausarbeitung einer neuen E-Learning-Plattform nicht alle Materialien völlig neu entwickelt werden, sondern es kann auf bereits bestehende Elemente (im Sinne von Vorlagen) zurückgegriffen werden. Dieser Anforderungspunkt korrespondiert mit der Forderung nach der Anpassbarkeit des E-Learning-Systems.
  • Nachhaltigkeit: Die Entwicklung der E-Learning-Plattformen (Learning-Management-Systeme) unterliegt einer ständigen Entwicklung und Anpassung. Neue Versionen mit erweiterter Funktionalität, verbesserter und einfacher Bedienung und weiteren Vorzügen werden in relativ kurzen Zeitabständen verfügbar sein. Dabei muss sichergestellt werden, dass bei einem Update des Systems E-Learning-Materialien weiter bearbeitet und weiter verwendet werden können. Dies kann beispielweise mit einem universellen Dateiformat für die E-Learning-Objekte erreicht werden (beispielsweise mit XML-Datenschemata).
  • Kompatibilität: Es muss sichergestellt werden, dass E-Learning-Objekte, die mit den Tools eines Systems erstellt wurden, auch in Learning-Management-Systemen anderer Anbieter verwendet werden können. Auch die Bearbeitung mit anderen Werkzeugen als bei der Objekterstellung sollte sichergestellt werden.
  • Wiederverwendbarkeit: Einmal erstellte Objekte sollten mehrmals verwendet werden und in unterschiedlichen Kombinationen eingesetzt werden können. Wiederverwendbarkeit muss dabei zwischen unterschiedlichen Kursen eines E-Learning-Systems und bezüglich unterschiedlicher Systeme gegeben sein.

Der Aspekt der Wiederverwendbarkeit kann sich im Bereich des E-Learnings auf eine Reihe von Ebenen beziehen (vgl. [10]). Das sind auf unterster Ebene die einzelnen Lerninhalte (z.B. Texte, Grafiken), auf nächster Ebene können ganze Seiten, Abschnitte oder Lernmodule eines Kurses in einem neuen Bildungszusammenhang wiederverwendet werden. Der erneute Einsatz erstellter Inhalte trägt wesentlich zur kostengünstigen Umsetzung eines E-Learning-Projekts bei – das Rad soll nicht jedes Mal neu erfunden werden.

Nachdem die Ziele der Standardisierungsbemühungen geklärt sind, kann nun auch die Frage nach den Objekten der Standardisierung beantwortet werden. Es sollen Standards für die Beschreibung von Lernobjekten und die Beschreibung von Kursstrukturen geschaffen werden. Unter Lernobjekten versteht man einen Teilbereich des Learning-Management-Systemes. Sie sollen nach der Erstellung für eine bestimmte Aufgabe auch in anderen Umgebungen wieder verwendet werden können. In diesem Sinne könnte man sich vorstellen, dass eine Art Baukastensystem entsteht, das es gestattet, sie zu neuen Strukturen zusammenzusetzen. Um dieser Anforderung gerecht zu werden, müssen die Lernobjekte einen einheitlichen Aufbau und kompatible Schnittstellen aufweisen.

Ein E-Learning-System entsteht erst dann, wenn die einzelnen Lernobjekte zu einem übergreifenden Ganzen – also zu einer Kursstruktur – zusammengefügt werden. Man kann sich vorstellen, auch die Strukturen von Kursen, die Einbindung der einzelnen Objekte, deren Reihenfolge und Navigation einer Standardisierung zu unterlegen. Somit sind Standards und Spezifikationen zu schaffen für

  • das Auffinden von Lerninhalten
  • für Übungen und Tests
  • zur Erhebung der Lernleistung
  • für Architekturmodelle
  • für Austauschprotokolle
  • für Qualitätssicherungsverfahren
Überblick zu den Initiativen

Sozusagen im Vorgriff auf die Inhalte des zweiten Teils des Beitrages werden in Abbildung 2 die einzelnen Standardisierungsbemühungen (und Organisationen) dargestellt. Das sind:

  • AICC: Aviation Industrie Computer Based Training Committee
  • ADL: Advanced Distributed Learning Initiative mit SCORM: Shareable Courseware Reference
  • Alliance of Remote Inductional Authoring and Distribution Networks for Europe
  • IMS: Instructional Management Systems Project
  • IEEE LTSC: Learning Technology Standards Committee des IEEE
  • ISO: International Organisation for Standardization
  • Dublin Core Metadata Initiative

Es wird deutlich, dass eine Zusammenarbeit und damit ein Wissens- und Informationsaustausch untereinander stattfindet.

Kooperationsnetzwerk E-Learning (entnommen aus [4])
Wie geht es weiter?

In den vorangegangen Abschnitten wurden einige Grundbegriffe zum E-Learning und zur Standardisierung vorgestellt und erläutert. Deutlich geworden sind die Notwendigkeiten und die damit verbunden Ziele. Im zweiten Teil des Artikels werden die erwähnten Standardisierungsansätze der einzelnen Organisationen genauer vorgestellt. Damit sollte es möglich sein, einen Überblick über die Thematik zu erlangen.

Standards & Normen

Ein Standard ist eine grundlegende Technik oder ein grundlegendes Verfahren mit weiter Verbreitung und allgemeiner Anerkennung. Die Definition erfolgt durch einzelne Firmen. Der Prozess der Anerkennung vollzieht sich mit Hilfe des Marktes im Sinne einer allgemeinen Akzeptanz, Bezugnahme und Verwendung.
Normen sind Standards. Sie werden allerdings nicht durch Firmen oder den Markt definiert, sondern ihre formale Anerkennung findet in Normenausschüssen statt. Für Deutschland ist das Deutsche Institut für Normung e.V. (DIN) die nationale Normenorganisation und für diesen Prozess zuständig.
Insbesondere kann es in Bereichen, die einer schnellen technischen Anpassungsgeschwindigkeit unterliegen (zum Beispiel auch der Bereich des E-Learning) notwendig sein, schneller zu allgemein verfügbaren Spezifikationen zu gelangen. Um die Lücke zwischen konsensbasierter Normung (also der klassischen DIN-Norm) und der so genannten Werksnormung zu schließen, wurde vom Deutschen Institut für Normung e.V. die Publicly Available Specification (PAS) geschaffen. Ein formaler Normierungsprozess kann danach zusätzlich angestrebt werden (vgl. [7]).
Beispielhaft sei auf die PAS 1032-1 und PAS 1032-2 (Aus und Weiterbildung unter besonderer Berücksichtigung von E-Learning) verwiesen. Interessant ist in diesem Zusammenhang ebenfalls die Beschreibung auf der Internetseite: „Diese öffentlich verfügbaren Spezifikationen identifizieren und beschreiben Prozesse der Planung, Entwicklung, Durchführung und Evaluation von Bildungsprozessen und Bildungsangeboten unter besonderer Berücksichtigung von E-Learning. Sie stellen weiterhin Kriterien zur Prüfung von E-Learning-Produkten zur Verfügung. Obwohl sich diese PAS primär auf elektronisch unterstütztes Lernen (E-Learning) beziehen, sind sie gleichwohl anwendbar auf alle Prozesse in der Bildung und Weiterbildung. Die PAS entstanden im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekts „VAWi – Virtuelle Aus- und Weiterbildung Wirtschaftsinformatik“.

Veikko Krypczyk hat Betriebswirtschaftslehre u.a. in der Fachrichtung Wirtschaftsinformatik studiert. Nebenberuflich ist er als Fachautor für Themen der IT tätig. Weitere Interessengebiete sind die Grafikprogrammierung und die Anwendungsentwicklung mit Hilfe des .NET Framework. Für Fragen und Kommentare erreichen Sie ihn unter veikko2000@yahoo.de.

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Veikko Krypczyk
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