"Paradigmenwechsel bieten große Chancen für neue Firmen" - JAXenter

"Paradigmenwechsel bieten große Chancen für neue Firmen"

PETER PAGEL, MIRKO SCHREMPP

Professor Dr. August-Wilhelm Scheer ist Gründer und derzeit Aufsichtsratsvorsitzender und Chief Technology Advisor von IDS Scheer, emeritierter Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität des Saarlands und Präsident des BITKOM. Außerdem ist er passionierter Jazz-Saxofonist. Business Technology hatte Gelegenheit, mit ihm über die Zukunft und Vergangenheit der deutschen IT-Branche zu sprechen.

Auf der CeBIT war Green-IT das große Thema. Wie sehen Sie in diesem Bereich die deutsche IT-Industrie aufgestellt?

Dr. August-Wilhelm Scheer: Da sehe ich in der Tat eine Chance und das nicht nur, weil es auf der CeBIT ein Thema war. Es gibt schon länger Ansätze von sehr interessanten Unternehmen in Deutschland – zum Beispiel beim Bau von energiesparenden Rechenzentren. Wir haben in vielfältiger Form die Möglichkeit, die Prozesse zu verbessern, sodass auch in anderen Branchen die Energieerzeugung und -verteilung, aber auch der Energieverbrauch optimiert werden. Durch Sparen kann man viel mehr Effekte erzeugen, als durch das Erschließen neuer Energiequellen. Schon Ernst Ulrich von Weizsäcker hat in dem Buch „Faktor vier“ die Idee gehabt, mit der Hälfte des Ressourcenverbrauchs den doppelten Wohlstand zu erzeugen. Die Spareffekte werden wegen der hohen Energiepreise besonders deutlich. Diese Energiethematik ist sehr gut geeignet, Innovationen zu fördern, die sich vermarkten lassen. Die Automobilindustrie in den USA hat das Potenzial angesichts der gestiegenen Spritkosten jetzt auch erkannt – dagegen hat die deutsche Automobilindustrie schon lange Lösungen auf dem Markt. Auch die IT-Industrie kann hierzu ihren Teil beitragen.

Wie hat sich eigentlich die ITK-Branche seit der Gründung von IDS Scheer entwickelt?

Scheer: Ich habe das Unternehmen 1984 gegründet. Das war der Beginn des Wandels von den Host-Systemen zur Client-Server-Architektur. Seitdem sind noch einige Wellen über die IT-Branche hinweg gegangen, zum Beispiel das Internet oder zuletzt die serviceorientierten Architekturen. Wir haben immer noch Innovationszyklen von schätzungsweise zehn Jahren, bis sich grundlegende Dinge ändern.
Zunächst ist das eine Herausforderung für die vorhandenen Unternehmen. Die müssen die nächste Welle schlicht mitbekommen. Das ist gar nicht so selbstverständlich, weil sich eine neue Welle nicht immer als gänzlich überzeugend darstellt. Sie hat am Anfang meist keinen Vorteil gegenüber der vorhergehenden Welle. Diese ist ausgereift, hat in ihrer Struktur hohe Performance – eine neue Welle fängt in der Regel unter diesem Niveau an. Sie hat aber das Potenzial, wenn sie sich weiterentwickelt, die vorhergehende zu toppen.

Die etablierten Unternehmen leben demnach immer mit dem Risiko, den nächsten wichtigen Trend zu verpassen?

Scheer: Für Unternehmen, die die vorhergehende Welle angeführt haben, ist es schwierig, frühzeitig zu entdecken, dass sie einen Paradigmenwechsel vollziehen müssen. Das hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass viele Unternehmen, die 1984 noch existiert haben, heute nicht mehr am Markt sind. Denken Sie an ein Unternehmen wie Digital Equipment – das war damals das zweitgrößte IT-Unternehmen der Welt. Es hatte als erstes Unternehmen Netzwerkcomputer erfolgreich gemacht und es hatte sehr gute eigene Betriebssysteme, eigene Datenbanksysteme usw. Dann kam die Welle der offenen Systeme, und diese proprietären Systeme gerieten – trotz hoher Performance – ins Hintertreffen. Bei den Datenbanken kam der Wunsch, mit SQL eine Standardschnittstelle zu haben. Die Firmen haben diese Offenheit nicht immer genutzt. Aber allein die Möglichkeit zu haben, war so attraktiv, dass proprietäre Systeme nicht mehr zu verkaufen waren.

Gleichzeitig bieten solche Paradigmenwechsel große Chancen für neue Firmen, die ausnutzen, dass sie noch nicht so viele Kunden haben müssen und dass sie die Performance nicht unbedingt brauchen. Diese Firmen suchen sich die Kunden, die so ähnlich denken wie sie selbst und bereit sind, Entwicklungsschritte mitzumachen. Damit haben diese neuen Firmen eine Chance, in den Markt hineinzuwachsen. So ist es bei IDS Scheer auch abgelaufen. Wir hatten sehr früh die Vorstellung, Informationssysteme prozessorientiert zu betrachten – das war damals neu. Andere haben das nicht gemacht, weil sie andere Vorstellungen hatten. Dies hat uns wiederum die Chance gegeben, uns mit der Zeit im Markt festzusetzen. Wenn die Etablierten das Thema Geschäftsprozessmanagement auch sofort für sich entdeckt hätten, wäre es sehr schwierig gewesen.

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PETER PAGEL, MIRKO SCHREMPP
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