Paradigmenwechsel bei Java: Lösungen statt Debattierclub

Hartmut Schlosser

Ich glaube, der JCP ist nicht mehr länger eine glaubwürdige Institution zur Standardisierung von Java. Mit diesen Worten leitet Java-Veteran und (noch) JCP-EC-Mitglied Doug Lea seine Erklärung ein, warum er nicht ein weiteres Mal für das Java SE/EE Executive Committee (EC) des Java Community Process kandidiert.

In einem offenen E-Mail an das JCP EC erklärt Lea, dass für einen unabhängigen Vertreter des akademischen Bereiches, wie er sich selbst sieht, keine nützliche Rolle im JCP-Komitee mehr auszumachen sei. Zwar seien ursprünglich die Regularien und Prozesse des von Sun installierten JCP durchaus geeignet gewesen, Innovation, Qualität und Diversität zu fördern. Doch hätten sich einige der Regeln als Ursache für Blockaden erwiesen, was für technologischen Stillstand gesorgt habe.

Das eigentliche Problem für Lea sei nun, dass Oracle nicht angetreten sei, diese Stagnations-fördernden Regeln zu verändern, sondern angekündigt habe, diese schlicht zu ignorieren. Der JCP sei demnach zu einem reinen Zustimmungsorgan für die von Oracle initiierten Projekte verkommen.

Rather than fixing rules or ceasing violations, Oracle now promises to simply disregard them. If they indeed act as they have promised, then the JCP can never again become more than an approval body for Oracle-backed initiatives. Doug Lea

Lea fordert deshalb alle anderen EC-Mitglieder auf, ihrerseits zu überprüfen, ob kurzfristige pragmatische Erwägungen tatsächlich den Preis eines unfreien JCP wert seien.

Paradigmenwechsel

Welche Alternative gibt es für den JCP? Doug Lea bemerkt, dass für die Java-Kernplattform nun als einzige für den akademischen Bereich interessante Bewegung das OpenJDK-Projekt in den Vordergrund trete. Dies ist deshalb eine gewichtige Bemerkung, da es sich beim OpenJDK-Projekt nicht um ein Spezifizierungsorgan, sondern zunächst einmal um eine quelloffene Java-Implementierung handelt.

Lea sieht also in dem Modell eines kollektiv entwickelten Stück Software bessere Perspektiven als in einem schlecht funktionierenden Spezifizierungsgremium – und verweist auf Linux, das einen ähnlichen Weg gegangen sei.

OpenJDK is a shared-source, not shared-spec body, so is superficially not an alternative at all. But at this point, a Linux-style model for collaboratively developed common source is likely to be more effective in meeting upcoming challenges than is the JCP. Doug Lea

Die Rolle des JCP würde sich diesem Modell entsprechend im nachträglichen Abnicken von Specs erschöpfen. Der Community rät Lea, nicht mehr auf den bisher gängigen JCP-JSR-Prozess zu setzen, sondern ein alternatives Gremium zur Findung von Konsensen ins Leben zu rufen.

For other efforts, I cannot recommend to anyone that they use the JCP
JSR process, as opposed to some other group/organization/body, to gain
consensus for proposed specifications. Doug Lea

„Code First“ statt „Spec first“ – lauffähige Lösungen statt Debattierclub! Ist das die (bessere) Zukunft für Java?

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Hartmut Schlosser
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