Diskussion um die Zukunft von OSGi

OSGi – Back to the Roots!

Hartmut Schlosser

Der OSGi-Standard gehört zu den altehrwürdigen Technologien des Java-Ökosystems. Entsprungen 1999 aus der „Open Services Gateway initiative“ wurden die OSGi-Spezifikationen bald vom Embedded auf den Mobile- und dann den Enterprise-Bereich ausgedehnt. Da indes Oracle OSGi nun als offiziellen Modularisierungsstandard für das JDK ausgeschlossen hat, ist es ruhiger geworden um die Technologie, und so mancher stellt die Frage nach der Relevanz von OSGi heute. Wo sich die OSGi Alliance selbst verortet, und welche Zukunftsaussichten OSGi bescheinigt werden können, haben wir auf dem OSGi Users‘ Forum Darmstadt in Erfahrung gebracht.

„Back to the Roots“ war ein oft gehörtes Schlagwort auf dem Darmstädter Event, an dem mit Dan Bandera (IBM, Präsident der OSGi Alliance), Carsten Ziegeler (Adobe) und Susan Schwarze (ProSyst) hochkarätige Mitglieder des Board of Directors der OSGi Alliance auftraten. Der Grundtenor:  Die tiefe Verwurzelung von OSGi im Embedded-Bereich erweise sich heute als Segen, da sich diese Roots hervorragend in den boomenden M2M/Internet-of-Things-Markt einpassen lassen.

Panel auf dem OSGi Users' Forum: v.rechts n.links: Dan Bandera (IBM), Susan Schwarze (ProSyst), Carsten Ziegeler (Adobe), Dobromir Karamelski (Software AG)

Back to the Roots?

In der Tat: OSGi wurde erdacht aus der Notwendigkeit heraus, möglichst viel Funktionalität auf Ressourcen-beschränkten Devices zu ermöglichen. Einerseits hat OSGi diese DNA in seiner 15-jährigen Geschichte nie verloren, andererseits hatte die Technologie genügend Zeit, um in zahlreichen vertikalen Märkten Fuß zu fassen. OSGi-Technologie findet sich heute im Automotive-Bereich genauso wie in mobilen Endgeräten, durch die großen Java-Enterprise-Server im Finanzsektor sowie in Smart-Home-Lösungen neueren Datums wie die Qivicon-Box – Telekoms Lösung für intelligente Heimsteuerung, die auf dem Event von Jochen Hiller vorgestellt wurde.

OSGi ist heute als Grundlagentechnologie quasi allgegenwärtig, kommentierte OSGi-Alliance-Direktor Dan Bandera, fällt allerdings oft nicht weiter auf. Warum? Weil es funktioniere, weil es keine Fehler produziere. Ein strategisches Ziel für die nächsten Jahre besteht deshalb darin, die Fäden zusammenzuführen und OSGi als Plattform für IoT-Lösungen sichtbar zu machen.

Der schließende Kreis – oder die öffnende Spirale?

Ein Kreis schließt sich – OSGi kehrt dahin zurück, wo es schon immer war: in den Embedded-Bereich, heute in der modernen Spielart des Internet-of-Things. Doch ist dies nur scheinbar ein Kreis. Natürlich hat sich sowohl die IT-Welt als auch OSGi selbst in den 15 Jahren seiner Existenz verändert. Susan Schwarze (ProSyst) benutzt deshalb lieber das Bild der Spirale: Seit dem Start als Open Services Gateway initiative mit einigen Seiten Spezifikationsmaterial hat sich OSGi enorm erweitert und in zahlreichen unterschiedlichen Fachdomänen bewährt. Es hat die Impulse aus dem Mobile- und Enterprise-Markt aufgenommen, um nun als IoT-Technologie die Embedded-Erfahrung auf eine neue Stufe heben zu können.

Industrie-4.0- und Smart-City-Szenarien seien deshalb prädestiniert für OSGi – sozusagen der Sweet Spot, in dem sich Technologie, Fachlichkeit und Wirtschaftlichkeit auf einem gemeinsamen Nenner treffen. Für Schwarze ist OSGi somit eine einigende Kraft, um die Fragmentierung des IoT-Marktes mit seinen proprietären Silos ein Stück weit zu überwinden.

Soll diese Rechnung aufgehen, bedarf es erfolgreicher Pilotprojekte, die laut Schwarze aber bereits vorbereitet werden. Auf dem Diskussionspanel in Darmstadt gab die ProSyst-Vertreterin im OSGi-Alliance-Vorstand denn auch die Ziele aus, OSGi in zwei Jahren offen im IoT-Bereich zu positionieren und weitere Kooperationsprojekte mit Industrie-Partnern, einschließlich Standardisierungskonsortien, zu lancieren. Mit einem Lächeln fügte sie hinzu, dass sie auch gerne hundert User Stories zu erfolgreichen OSGi Deployments veröffentlichen würde.

Alte Zöpfe

„OSGi’s just too much fat“ – wer erinnert sich nicht an James Goslings Worte zu Sun-Zeiten, als es darum ging, einen offiziellen Modularisierungsstandard für Java und das JDK zu definieren. Lange wogten die Diskussionen hin und her, in denen OSGi von den einen als die perfekte und erprobte Lösung des Modularisierungsproblems gefeiert, von den anderen als zu komplex für den Mainstream abgelehnt wurde.

Diese Zeiten sind vorbei, und zwar aus zwei Gründen:

(1)   Wie Sun hat Oracle den eigenen Modularisierungsstandard im Projekt Jigsaw zwar (noch) nicht zustande gebracht. Doch wurden mit Java 8 vier Profile eingeführt, mit denen sich die Java-Plattform auf Ressourcen-beschränkten Devices betreiben lässt. Natürlich fragten auch wir Dan Bandera nach seiner Haltung zu Jigsaw. Seine Antwort: „Jigsaw hat in den letzten Jahren so oft den Fokus verändert, dass ich gar nicht weiß, was es zurzeit eigentlich ist.“ In den meisten Gesprächen mit Industrie-Vertretern hätten sich die vier Profile zudem als ausreichend herausgestellt, um die gängigen Use Cases abzudecken, so Bandera weiter. Die Jigsaw-Debatte scheint damit beendet.

(2)   Die OSGi Alliance selbst hat anerkannt, dass die Entwicklung OSGi-basierter Anwendungen nicht trivial ist. Von nichts kommt nichts, könnte man sagen – wer von den Vorteilen dynamischer Modularisierung profitieren will, muss eine steile Lernkurve in Kauf nehmen. Dan Bandera gibt deshalb als weiteres strategisches Ziel aus, in großem Stile an die Bildungsfront heranzutreten und Tutorials, Demos und Dokumentationsmaterial bereit zu stellen. Zweiter Faktor soll das von Peter Kriens komplett neu entwickelte OSGi Application Framework sein – Codename „EnRoute“ -, mit dem die OSGi-Entwicklung erheblich vereinfacht werden soll. Banderas Formel: „So einfach, dass selbst JavaScript-Entwickler damit programmieren würden“.

Der Blick nach vorne

Die OSGi Alliance blickt nach vorne, und das ist gut so. Denn möglicherweise liegt die Zukunft von OSGi tatsächlich nicht im Java Mainstream, sondern in seiner jahrelang erprobten Tauglichkeit für dynamische Programme, die auch unter den widrigsten Hardware-Bedingungen ein Maximum an Funktionalität, Robustheit und Flexibilität bieten. 

Der Faktor Java kommt OSGi an dieser Stelle sogar in sofern zu Gute, da der M2M/IoT-Markt gerade im Begriff ist, sich Java gegenüber zu öffnen, und auch Oracle als Java-Hüter große Anstrengungen unternimmt, Java als Embedded/IoT-Technologie zu positionieren.

Ob Peter Kriens mit seinem enRoute-Framework Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. Vor 15 Jahren war Kriens maßgeblich daran beteiligt, einen Weltklasse-Industrie-Standard zu entwickeln und zu etablieren. Heute scheint Kriens einen neuen – vielleicht den letzten – Anlauf zu unternehmen, OSGi auch dem Mainstream schmackhaft zu machen. Wer die bisher unter https://github.com/osgi/osgi.enroute vorliegenden Artefakte und Erklärungen zu enRoute durchliest, begreift, dass es Kriens auch darum geht, die seiner Meinung nach „suboptimale“ Nutzung von OSGi etwa in Eclipse sowie die Vereinfachungen etablierter Java-Enterprise-Technologien wie Spring aufzuzeigen und zu überwinden. Wird enRoute das neue Spring?

Wir werden es sehen – und zwar schon in der näheren Zukunft. Noch im Sommer diesen Jahres soll ein erstes Meilenstein-Release von enRoute verfügbar sein. Und natürlich kommen auch die neuen Specs: das finale OSGi Core Release 6 (Juni 2014), der Initial Specification Draft für das OSGi Enterprise Release 6  (Juni 2014) und die OSGi Residential Specification (Q3 2014).

Über das OSGi Core 6 Release hinaus sind Erweiterungen für Cloud-Systeme (RFC 183 „Cloud Ecosystems“ und RFC 182  „REST API“) sowie eine Verbesserung der OSGi/CDI Integration geplant („Brigding OSGi and the Standard Java EE Dependency Model, Publishing CDI Beans as OSGi Services, Injecting OSGi Services in CDI Beans“). Im Gespräch ist darüber hinaus eine Art Marketplace für OSGi Module, der ähnlich wie der Node.js-Marketplace das Finden und Installieren von Modulen erleichtern soll – „damit das Rad nicht 500 Mal neu erfunden werden muss“. Kontrovers diskutiert wurde hingegen das Einrichten und Betreiben eigener Repositorys durch die OSGi Alliance.

Das Glück des Tüchtigen

Zurück zur anfänglichen Frage: Wie relevant ist OSGi heute? Nun, beantworten wir die Frage mit einem Zitat von Dan Bandera aus unserem Interview (das komplette Gespräch finden Sie bald hier auf JAXenter): „Was wir damals vor 15 Jahren für den Embedded-Markt geschaffen haben, erweist sich heute als passend für zahlreiche Anwendungsszenarien, insbesondere für viele Anbieter von IoT-Lösungen. Standen hinter den Entwicklungen der letzten 15 Jahre sicherlich zahlreiche strategische Entscheidungen, so kann man doch auch sagen: Wir hatten Glück.“

Das Glück des Tüchtigen, möchte man da hinzufügen!

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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