Ergebnisse des Webcast zur neuen Strategie von Oracle

Oracle/Sun präsentiert: Die Zukunft von Java

Vom Silikon-Chip bis zur fertigen Anwendung – dies ist laut Larry Ellison, CEO von Oracle, das neue Credo bei Oracle nach der Fusion mit Sun. Die neue Strategie wurde gestern in einem fünfstündigen Webcast live der Community vorgestellt, und die Botschaft war deutlich: In einer im IT-Sektor einzigartigen Konstellation halte Oracle einen kompletten Stack von Hardware, Infrastruktur, Datenbanken, Middleware und Business-Applikationen in den Händen und werde sich nun darauf konzentrieren, die einzelnen Komponenten in performante Gesamtsysteme zu integrieren, die allen Konkurrenzprodukten – von IBM bis HP – überlegen seien.

In der gestrigen Oracle-Show, die zeitweilig an amerikanischen Wahlkampf erinnerte, wurde vor allem gefeiert – nämlich die nach neun zähen Monaten von der Europäischen Kommission genehmigte Übernahme von Sun durch Oracle, die den neuen IT-Riesen in eine Marktposition auf Augenhöhe mit IBM und HP katapultieren soll. Und neben der Schulterklopferei und den zweckoptimistischen Harmoniebekundungen (Larry Ellison: „Sun hat im Vergleich zu IBM und HP das beste Entwicklerteam und auch die Kultur, die am besten zu Oracle passt“) wurde nebenbei auch die zukünftige Ausrichtung der einzelnen Technologiebereiche vorgestellt.

Die Zukunft von Java

Mit Spannung erwartet wurden die Äußerungen der Oracle-Chefs zu Java – doch wer hier einen konkreten Maßnahmenkatalog erwartet hatte, wurde enttäuscht. Wie schon in früheren Verlautbarungen wurde bestätigt, dass Java selbstverständlich ein zentraler Bestandteil der Oracle-Strategie bleiben wird. Viel Geld werde in die Förderung und Weiterentwicklung von Java fließen. In Java SE 7 werden Modularisierung, Unterstützung von Multicore-Programmierung und Integration alternativer Sprachen im Vordergrund stehen. HotSpot und JRockit bleiben für Oracle strategische JVMs, und die besten Features beider Virtual Machines sollen konvergieren.

Insgesamt soll die Java-Plattform vereinfacht und für eine Vielzahl neuer Deployment-Architekturen optimiert werden. Interessant sicherlich die Anmerkung, dass die Java ME und Java SE APIs vereinheitlicht werden sollen, um dem Paradigma „Write once, run anywhere“ ein Stück näher zu kommen.

Auch Java EE soll durch offene Modularisierungsstandards erweitert werden. Neue Leightweight Server Profile, UI und Rich Internet Applications, Skripting und dynamische Sprachen sowie einen optimierten Web Services Stack liegen zudem in Oracles Planungshorizont.

Spitze Ohren konnte man bei den Aussagen zur Java Community bekommen: Investitionen sollen getätigt werden zur Revitalisierung der Java-Entwicklercommunity, und außerdem ein offenerer, auch für andere Unternehmen mehr partizipatorisch gestalteter Java Community Prozess etabliert werden. Darüber, wie genau diese neue Offenheit und „Partizipation“ aussehen wird, darf weiterhin spekuliert werden.

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Klarheit im IDE-Salat

Wird Oracle, das traditionellerweise die Entwicklungsumgebungen Eclipse und JDeveloper einsetzt, auch das von Sun in die Ehe gebrachte NetBeans weiterpflegen? Es wird! Vertraut man der gestrigen frohen Botschaft zur IDE-Strategie, werden alle drei Java-IDEs mit leichten Schwerpunktverschiebungen weitergepflegt. Jedem Java-Entwickler soll neben der Wahl der Implmentierungstechnologie, der Wahl des Entwicklungsstils und der Wahl der Deployment Plattform auch die volle Bandbreite der IDE-Lösungen erhalten bleiben!

NetBeans soll als leichtgewichtige Java-IDE mit einem Fokus auf Java EE6, Java ME und Skripting-Sprachen weitergepflegt werden. Vergrößert werden soll das Engagement von NetBeans vor allem im mobilen Sektor und dem Tooling für dynamische Sprachen.

Der JDeveloper wird weiterhin als Oracles strategisches Entwicklungswerkzeug zum Einsatz kommen, sich hier wie bisher auf Oracles Middleware und Fusion-Produkte konzentrieren.

Auch Eclipse soll weiterhin unterstützt werden. Oracle bleibt strategisches Mitglied der Eclipse Foundation und wird den Enterprise Pack für Eclipse 11g weiter ausbauen.

Glassfish und WebLogic

Der Glassfish Application Server bleibt die Jave-EE-Referenzimplementierung und soll als unabhängiges Produkt weiterentwickelt werden. Oracles WebLogic Server soll sich daneben auf Oracles Enterprise-Application-Grid-Produkte konzentrieren. Nichtsdestotrotz soll zwischen beiden Lösungen ein Technologieaustausch stattfinden. Im Zeitplan und Distributionsmodell von Glassfish werden keine Änderungen durchgeführt.

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JavaFX

Ein überraschend deutliches Bekenntnis zu JavaFX war von Thomas Kurian, Oracles Executive Vice President of Product Development, zu hören. Aggressiv und dynamisch vorantreiben wolle man die Weiterentwicklung von JavaFX und damit die Programmierung von Rich Internet Applications vereinfachen, die flexibel zwischen verschiedenen Endgeräten portierbar sein sollen – vom Destop zum Handy zum TV-Gerät. Dabei soll eine Interoperabilität zwischen JavaFX, Java, JavaScript und HTML5 angestrebt und die Grenzen zwischen den verschiedenen Technologieansätzen abgebaut werden.

JavaFX soll Oracle ADF (Application Development Framework) und ADF Mobile für Enterprise-Anwendungen ergänzen.

Thomas Kurian: We have a crystal clear idea and focus on how we’re going to execute this.

Larry Ellison und IBM – eine besondere Beziehung

Mit viel Enthusiasmus und in Ärmel-Hochkrempel-Manier wurde die neue Oracle/Sun-Roadmap vorgetragen. Insgesamt zeichnete man das Bild, dass hier etwas Neues, Großes entstehe, mit dem Potenzial, den IT-Sektor nachhaltig zu verändern. Mit gewohnt markigen Worten ging denn auch Larry Ellison zum Abschluss des Webcast in die Offensive.

Nicht nur habe man nun mit den Oracle-Datenbanken, MySQL, Solaris, Sparc, Java etc. die weltbesten Technologien und Komponenten in der Hand, die alle Benchmark-Tests anführten. Darüber hinaus könnten durch die möglichen Synergien zwischen Oracle und Sun in relativ kurzer Zeit neue, integrierte Gesamtlösungen entstehen, die eine „dramatische, nicht nur inkrementelle“ Verbesserung bestehender Lösungen bringen könne. Ellison bemühte hier einmal mehr sein von früheren Veranstaltungen bekanntes Benchmark-Urteil, das der Kombination von Oracle 11g, Sun Sparc und Sun Solaris eine bessere Performanz als IBM DB2 & IBM Power 595 Server bescheinigt. In nur wenigen Monaten habe die Kombination aus Oracle- und Sun-Technologie den Erzrivalen IBM um das Mehrfache überflügelt – was sei dann erst in 12, 24, 48 Monaten zu schaffen?

Flott weiter in Larry Ellisons Duktus der Superlative:

Die weltbesten Server, das beste Betriebssystem, die besten Datenbanken, die beste Programmiersprache habe man nun bei Oracle. Und was habe IBM? Laut Ellison nur eins: ein Problem. „IBM can´t scale“.

Auf lange Sicht würden sich auch Unternehmen wie SAP den Oracle-Lösungen nicht verschließen können: Schon jetzt nutzten SAP und IBM Oracle-Datenbanken: „Ich glaube nicht, dass sie das tun, weil sie mich persönlich besonders gut mögen“, so Ellisons lakonische Bemerkung.

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„We are hiring not firing“

Gewohnt aggressiv führt man also bei Oracle den Konkurrenzkampf gegen Mitbewerber. Eine Frechheit seien auch die Analystenberichte der letzten Tage gewesen, man werde langfristig die Hälfte der Sun-Belegschaft entlassen müssen. „We are hiring, not firing“ war deshalb die zweite große Botschaft des Tages, die Larry Ellison und die anderen auftretenden Sprecher nicht müde waren zu betonen – und auch durch einen entsprechenden Sticker am Anzug (und auf den Präsentationsfolien) in die Welt trugen. Richtig sei vielmehr, dass man bei Oracle/Sun über 2000 neue Entwickler einstellen werde. Kein Wort allerdings davon, dass Ellison an anderer Stelle angekündigt hat, auch knapp 2000 Mitarbeiter aus den Arbeitsverträgen mit dem Konzern zu verabschieden.

Larry for president

Der Webcast endete mit Fragen aus dem Publikum an Ellison, der alle Einwände leichtfüßig parierte:

Ist Oracle zu groß geworden für Innovationen? Keineswegs, so Ellison, denn z.B. auch das Diskettenlaufwerk, unbestreitbar eine der wichtigeren Innovationen der Branche, sei von einem Großunternehmen erfunden worden, nämlich von IBM.

Wird Oracle im Bereich der Consumer-Elektronik einsteigen, wo doch so viel Geld zu machen sei? Wirklich viel Geld zu machen sei im Öl-Geschäft, so Ellison – was aber nicht heiße, dass Oracle nun dort einsteigen werde. Oracles Kompetenz liege ganz klar im Bereich der Datenzentren – nicht beim Bauen von iPhones.

Wieso wird Oracle direkt an die Top 4000 Sun-Kunden verkaufen und das alte Sun-Partnerprogramm, nicht mehr weiterführen? Oracle werde sich auf den Highend-Markt konzentrieren und den Channel-Partnern nicht im Low-End-Bereich in die Quere kommen.

Nur bei einer Frage kam Ellison ein wenig ins Straucheln: Wird sich Ellison, immerhin Leitfigur einer der wichtigsten Wirtschaftszweige, für die nächsten Präsidentschaftswahlen der USA, oder zumindest für die Gouverneurswahlen von Kalifornien, zur Verfügung stellen?

Angesichts des Beliebtheitsgrad des aktuellen Gouverneurs von Kalifornien ziehe es Ellison vor, der Politik lieber dadurch zu helfen, neue Leute einzustellen, viel Geld zu verdienen und jede Menge Steuern zu bezahlen…

Höhepunkte des Webcast können auf der offiziellen Oracle-Webseite eingesehen werden.

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