Oracle versus Google: Zum Meinungsstreit über Android

Hartmut Schlosser

Neue Bewegung im Rechtsstreit zwischen Oracle und Google über die von Oracle angemeldeten Copyright- und Patentrechtsverletzungen in der Android-Plattform gibt es eigentlich nicht zu vermelden. Umso heftiger (und vielleicht gerade deshalb) tobt in der Blogosphäre der Meinungsstreit, ob die von Oracle angeführten JavaSE-Quellcodestellen tatsächlich illegal in die Android-Codebasis kopiert wurden.

Hohe Wellen schlug dabei der Blogeintrag „New evidence supports Oracle’s case against Google“ von Urheberrechts-Aktivist Florian Mueller, der Ende letzter Woche verkündete, er habe neue Beweise gefunden, die deutlich dafür sprächen, dass Google in seiner Android-Plattform geschützten Code übernommen habe. Zusätzlich zu den in dem Oracle-Anklagepapier (Exhibit J) angeführten Quellcode-Stellen, die in J2SE und Android identisch sein sollen, präsentiert Mueller 43 Dateien, die ebenfalls Copyright-Verletzungen enthalten sollen.

Mueller zieht das Fazit, dass die von Oracle gerichtlich vorgelegten Beweise nur die Spitze des Eisbergs darstellen könnten und die Chancen Oracles, in der Sache Recht zugesprochen zu bekommen, damit sehr hoch seien:

It seems to me that Oracle has not even presented the tip of the iceberg in its amended complaint. The discovery process could be very fruitful for Oracle, and may become dreadful for Google. Florian Mueller

Reaktionen

Als unhaltbaren Sensationsjournalismus bezeichnet Ed Burnette von ZDNet Muellers Vorwürfe. Gemäß Burnetts Interpretation handelt es sich bei den von Mueller angeführten Codeteilen zum einen um Unittests, die niemals als Teil der Android-Plattform ausgeliefert worden seien. Zum anderen seien 37 der von Mueller entdeckten Dateien in einer Build-Datei für einen irrelevanten Audio-Treiber enthalten, könnten problemlos entfernt werden und seien ebenfalls niemals auf Android-Geräten zum Einsatz gekommen.

Sein Kommentar:

Sometimes the sheer wrongness of what is posted on the web leaves us speechless. Ed Burnette

Prompt antwortet Mueller in einem Folgepost, er habe niemals behauptet, dass seine gefundenen Quellcode-Stellen tatsächlich auch auf Android-Geräten laufen – dies sei letztlich auch völlig irrelevant. Fakt sei, dass diese sehr wohl Teil der Android-Software seien, die unter android.kernel.git.org verteilt würde.

The code on android.kernel.git.org is Android. Florian Mueller

Weitere Stellungnahmen zu Muellers angeblichen Neuentdeckungen gibt es u.a. bei Engadget (pro Mueller) und Ars Technica (contra Mueller) zu lesen.

Gesunder Menschenverstand

Welches Fazit wollen wir an dieser Stelle ziehen? Aus Entwicklersicht hat wohl immer noch JRuby-Mastermind Charles Nutter den interessantesten Beitrag zur Debatte geleistet, in dem er Oracles Forderungen analysiert und zu der Schlussfolgerung kommt, dass die von Oracle eingeklagten Patente in bedenklicher Weise auf sehr allgemeine Prinzipien abzielten und eigentlich die aktuelle Praxis der Patentrechtsklagen für Software auf den Prüfstand gestellt werden sollte.

Doch in der mitunter recht emotional geführten Debatte um die Android-Klage kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch gesunder Menschenverstand und Entwickler-Expertise nicht viel weiterhelfen. Beinhaltet Android Copyright- und Patentrechts-Verletzungen? Das werden wohl Juristen entscheiden und nicht Entwickler!

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.