Oracle versus Google: Oracle legt Einspruch im Android-Fall ein

Hartmut Schlosser

Und täglich grüßt das Murmeltier. Wer gedacht hatte, der Patent- und Copyright-Streit zwischen Oracle und Google um Android sei mit dem fast uneingeschränkten Sieg Googles endlich vom Tisch, wurde heute eines Besseren belehrt. Oracle hat sich wieder zu Wort gemeldet und Einspruch gegen das Urteil eingelegt. Willkommen zurück im Urheberrechtswahn!

37 Java APIs hätte Google unrechtmäßig in die Android-Plattform übernommen, hatte Oracle in seiner Klage geltend gemacht, die im August 2010 eingereicht wurde (ja, so lange ist es schon her). Der zuständige Richter Wiliam Alsup hatte sich daraufhin tief in die Materie eingearbeitet und sogar Java gelernt – und am Ende entschieden, dass APIs nicht urheberrechtlich schützbar sind. Eine Frage übrigens, die der Europäische Gerichtshof einige Wochen zuvor ebenso bewertet hatte.

In der öffentlichen Urteilsbegründung hieß es:

To accept Oracle’s claim would be to allow anyone to copyright one version of code to carry out a system of commands and thereby bar all others from writing their own different versions to carry out all or part of the same commands. No holding has ever endorsed such a sweeping proposition.

Auch die Patentforderungen Oracles wurden zurückgewiesen. Am Ende blieben aus dem Korpus von 12 Millionen Lines of Code der Android-Plattform gerade mal 9 Zeilen, in denen Google nachweislich Oracle-Urheberrecht verletzt hat. Schadensersatz muss Google dafür nicht bezahlen, wurde Ende Juni 2012 entschieden. Die Verfahrenskosten von 1.1 Millionen US-Dollar sind allein von Oracle zu tragen. Und dabei hatte Oracle ursprünglich doch eine Summe von mehreren Millarden US-Dollar haben wollen.

Oracle hatte zwar bereits kurz nach der Urteilsverkündung angekündigt, Einspruch einzulegen. Dennoch hat die breite Java-Community gehofft, Oracle würde die Angelegenheit endlich auf sich beruhen lassen und aufhören, die Android-Community zu torpedieren – denn welcher Java-Entwickler hat sich nicht zumindest einmal kurz mit der Programmierung für Android-Devices beschäftigt. Schließlich kann man auch sagen, dass Android Java auf mobilen Devices gerettet und der Enterprise-Sprache Nr.1 einen gehörigen Innovationsschub mitgegeben hat (während Java ME sich aufgrund mangelnder Erneuerungsbestrebungen zum Auslaufgmodell entwickelt hat). Statt der ständigen Opposition hätten die meisten Java-Entwickler wohl lieber Kooperationsprojekte gesehen. Und dass der Einspruch ausgerechnet jetzt, während der großen Java-Konferenz JavaOne kommt, hinterlässt ebenfalls einen faden Nachgeschmack.

Wie schätzen wir nun die Chancen Oracles ein, Google doch noch an den Android-Karren zu fahren? Der Einspruch mag ein natürlicher Reflex der Rechtsvertreter Oracles sein. Doch eigentlich ist es nur schwer vorstellbar, dass das gefällte Urteil grundlegend noch gekippt werden könnte. Oracle mag hoffen, dass ein erneuter Prozess von einem Richter geführt wird, der weniger technisches Verständnis mit bringt. Oracle mag hoffen, den ein oder anderen weiteren Verstoß in Android nachzuweisen – und vielleicht den ein oder anderen Dollar aus Google rauszuholen. Wir vermögen es an dieser Stelle nicht zu sagen.

Allerdings sicher sein dürfte, dass Oracle sich mit dem Nachhaken nicht unbedingt beliebter macht, in einer Java-Community, die es nach innovativen Lösungen mehr dürstet als nach unproduktiven Rechtsstreitigkeiten.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.