Oracle und die Arroganz der Macht

Hartmut Schlosser

Die offizielle Pressemitteilung Oracles zur Annahme der Java Specification Requests (JSR) 336 und 337 für Java SE7 und SE8 enthält den Untertitel: „Technical Roadmap Endorsed by All Major Java Players“. Ist diese Aussage richtig? Wurde die Technologie-Roadmap für Java von allen großen Java-Playern bestätigt?

Von offizieller Oracle-Seite heißt es, eine überwältigende Mehrheit habe sich in den Exekutiv-Komitee-Abstimmungen für die beiden JSRs ausgesprochen und so den Weg freigemacht für die Erfüllung der von Oracle eingegangenen Verpflichtung, Java schnell voran zu bringen und den Prozess der Standardisierung durch den Java Community Process (JCP) zu unterstützen.

Explizit wird erwähnt, der ratifizierte Fahrplan für Java SE 7 und Java SE 8 sei unter Einbezug von Community-Feedback entstanden. Er sehe eine Standardisierung der Technologien für Java SE 7 im Jahr 2011 (verbesserte Entwickler-Produktivität, dynamische Typisierung und Performance-Verbesserungen) und Java SE 8 (Java-Modularisierung und erweiterter Multi-Core-Support) in 2012 vor.

Hasan Rizvi, Senior Vice President von Oracle Fusion Middleware und Java, wird mit den Worten zitiert, Oracle erkenne die Anstrengungen an, die im Executive-Komitee und der gesamten Java Community unternommen würden, diesen wichtigen Schritt für die Java-Plattform zu unterstützen.

Adam Messinger, Vice President Oracle Fusion Middleware, stellt die Ratifizierung in den Zusammenhang des OpenJDK-Projekts und der Kollaborations-Zusage von IBM und Apple.

Together, these developments demonstrate a renewed energy behind Java and strengthen its future as the language and platform of choice. Adam Messinger

Die Arroganz der Macht

Die Pressemitteilung ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Erstens durch das, was sie nicht enthält, zweitens durch den Subtext der Aussagen.

  • Unerwähnt bleibt die Tatsache, dass die meisten der Mitglieder des Exekuitv-Komitees ihre Zustimmung nur unter starken Vorbehalten gegen die von Oracle vorgelegten Lizenzbedingungen abgegeben hatten.
  • Nicht zur Sprache kommt, dass die Anfragen der Java-Community-Vertreter im JCP EC, die Vorbehalte gegen die Lizenzbedingungen offen zu diskutieren, ignoriert wurden.
  • Kein Wort wird auch über die Nein-Stimmen der Apache Software Foundation, von Google und dem nach der Wahl zurückgetretenen Tim Peierls verloren.

Gravierender als diese dem Marketing geschuldeten Auslassungen ist indes der Subtext der Pressemitteilung.

Die Apache Software Foundation, die zweifellos einige der populärsten Java-Open-Source-Projekte überhaupt auf den Weg gebracht und mit Apache Tomcat den Java-Server-Bereich entscheidend mitgeprägt hat, wird durch den Untertitel „Technical Roadmap Endorsed by All Major Java Players“ explizit aus dem Kreis der wichtigen Java-Player ausgeschlossen. Auch der Nein-Stimmer Google, mit dem Oracle bekanntlich wegen Android in Clinch liegt, wird als Gewicht im Java-Bereich ignoriert.

Dies ist schon ein starkes Stück und kann als bewusste Provokation gewertet werden. Fast schon ironisch klingt es da, wenn Oracle sich in der Pressemitteilung explizit auf den Einbezug des Community-Feedbacks für die Aufstellung des Plans für SE7/8 beruft. Eher der Wahrheit entspricht, dass Oracle breite Teile der Community ausschließt und die dort geäußerten Bedenken nicht ernst nimmt.

Entweder ist Oracle hier ein PR-Fehler unterlaufen oder man hat sich bewusst dafür entschieden, Apache und Google – und damit zwei wichtige Java-Communities – in einer öffentlichen Pressemitteilung zu verhöhnen.

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Hartmut Schlosser
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