Oracle-Strohmann oder Java-Repräsentant: Hologic stellt sich vor

Hartmut Schlosser

Der letzte Tag der Executive-Committee-Wahlen des JCP ist angebrochen – eine Wahl, die eine Kontroverse über das von Oracle nominierte Unternehmen Hologic ausgelöst hat, das in der Java-Community bisher kaum in Erscheinung getreten ist und nach eigenen Angaben stark von Oracle-Technologie Gebrauch macht. Will Oracle hier ein linientreues Unternehmen in das JCP EC einschleusen? -, hatten verschiedene Community-Vertreter gefragt. Hologic-Kandidat Scott Shapiro hat sich nun zu Wort gemeldet und seine Position klar gestellt.

Auf dem JCP Message Board „Ask the JCP EC 2010 Candidates“ hatte Java-ME-EC-Mitglied Sean Sheedy Fragen an die Kandidaten über deren Motivation für ihre Kandidatur gestellt. Auch Scott Shapiro von Hologic antwortet und bestätigt zunächst, dass sich Hologic auf eine Anfrage Oracles hin aufstellen ließ. Hologics Absicht sei es, eine bisher noch nicht vertretene Endanwender-Perspektive in den EC einzubringen. Gemeinsam mit den anderen EC-Mitgliedern wolle man daran arbeiten, Java, Java-Standards und den JCP weiter voran zu bringen.

An effective JCP is the key toward future progress of the Java platform. Scott Shapiro

Auf die Frage, für wie „frei“ die Java-Plattform gehalten wird, verweist Shapiro auf Javas Kompatibilität und Portierbarkeit, welche sie für Enduser interessant mache. Der JCP und das JSPA seien wichtige Bausteine für diese „Offenheit“, welche letztlich den Erfolg von Java ausmache.

The JCP allows corporations and individuals alike to share their expertise and experience to define and influence the direction of the technology in an open forum. I believe JSPA captures this spirit of „openness“ but am interested in working with the EC to improve it. Scott Shapiro

Die kritische Frage kommt zum Schluss: Wie würde Hologic sich in einem Umfeld verhalten, in dem der Grad der „Offenheit“ von den Motiven einzelner Mitglieder, die für die größten Investitionen in die Plattform verantwortlich zeichnen, beeinflusst wird?

Hologics Interessen seien nicht mit den Interessen Oracles gleichzusetzen, antwortet Shapiro. Hologic sei daran interessiert, Flexibilität, Kompatibilität, Performanz und Stabilität aller Java-Systeme bei Hologic zu garantieren – und damit seien auch Nicht-Oracle-Technologien gemeint.

As a corporate nomination, obviously I will be motivated by own company’s interests. These interests are not Oracle interests, but I fully expect them to align most of the time. Be clear, our use of Java technology goes beyond Oracle systems. While Oracle-based systems will benefit from Java standards coming out of the JCP, our interests lie in the flexibility, compatibility, performance, and stability of all Hologic Java systems. Scott Shapiro

Der JCP selbst habe zwar zukünftig einige interne Probleme zu bewältigen, sei aber dennoch fähig, konfligierende Interessen auszugleichen.

While there may be some flaws in the JCP, we are confident it can used to bring corporate and individual interests together for setting standards without sacrificing the core principles of Java compatibility. Scott Shapiro

Wer ist Hologic wirklich?

Sichtbar bemüht zeigt sich Shapiro, für Hologic ein eigenes „Java-Profil“ herauszuarbeiten. Doch wer ist Hologic wirklich?

Hologic, das auf seiner Webseite mit dem Slogan „The Woman´s Health Company“ auftritt, ist auf die Herstellung und Belieferung von gynäkologischen Diagnosesystemen wie Mammographen und Knochenscanner spezialisiert. Die eingesetzten IT-Systeme sind offenbar auch Java-basiert (neben .NET und C#), wobei der Einsatz von Oracle-Technologie immerhin so weit geht, dass zahlreiche gemeinsame Pressemitteilungen und auch unten stehendes Video „Hologic and Oracle: Leading in Women’s Health Care“ veröffentlicht wurden.

Gräbt man ein wenig tiefer in der Beziehungsgeschichte zwsichen Hologic und Oracle, erfährt man, dass Hologic sich im Jahr 2002 an Oracle wandte, um einen effektiveren logistischen Bereitstellungsprozess für die hergestellten Apparate-Teile zu gewährleisten. Das Projekt namens „One Hologic Implementing Oracle“ beinhaltete die Investition von 4,4 Millionen US-Dollar in die Implementierung einer Oracle E-Business Suite. Berichten zufolge resultierte das Projekt in Einsparungen von 3,5 Millionen US-Dollar (die Investitionskosten bereits abgezogen) sowie in einer Reduzierung der Lieferzeit von Einzelteilen von 4 ½ Monaten auf sieben Tage. Voller Lob äußern sich Hologic-Offizielle über die Einführung der Oracle-Lösung:

From a purchasing and planning perspective, the Oracle modules have enabled significant efficiencies. The Oracle module supplies detailed information that can be sorted in a variety of ways that was not possible with our previous system. Bill Ryan

Repräsentativ ja – aber wofür?

In der offiziellen Vorstellungsrunde der EC-Kandidaten wird Hologics Scott Shapiro folgendermaßen beschrieben:

Scott has worked to streamline data and business processes through integration among Oracle, Siebel, Websphere, and custom applications. Oracle E-Business Suite serves as Hologic’s ERP, providing core business functionality and organizational data. Scott’s application team builds the necessary integration points between Oracle and all other Hologic systems. Scott recognizes the underlying power and flexibility of Java in Hologic’s core technologies.

Oracle-Verantwortlicher Adam Messinger hat die Nominierung von Hologic letzte Woche damit begründet, dass Hologic ein typischer Repräsentant einer großen Teilmenge der Java-Community sei.

The fact is that a big part of Java’s success is driven by thousands of developers at small and mid-size companies like Hologic. These developers, who are working squarely in the Microsoft sweet spot, are on the forefront of our competition with .NET. Hologic has bet their business on Java — not as a supplier of Java, but as a consumer — and we think having their perspective on the EC is valuable. They are absolutely representative of a large cross section of the Java community. Adam Messinger

Hologic – ein Unternehmen, das repräsentativ für kleine und mittlere Unternhemen ist, deren Business auf Java-Technologie basiert. Damit könnte Messinger durchaus Recht haben. Genauso richtig ist aber auch, dass Hologic repräsentativ für kleine und mittlere Unternehmen ist, deren Business auf Oracle-Technologie basiert.

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Hartmut Schlosser
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