Oracle – oder das Versagen der Community

Hartmut Schlosser

Feindbilder helfen, von den eigenen Problemen abzulenken. Nun dürfte Oracle derzeit die zweifelhafte Ehre zuteil werden, sich in breiten Kreisen der „Java-Community“ zum Feindbild Nr. 1 entwickelt zu haben. Was aber, wenn in der aktuellen Situation die zitierte psychologische Binsenweisheit greift und die gellende Community-Kritik der letzten Wochen vor dem eigentlichen Problem ablenkt? Was, wenn der ausgestreckte Zeigefinger auf „Bösewicht“ Oracle vor allem Indiz für eines ist: Für das eigene Versagen der Java-Community?

Stellen wir im Folgenden ein kleines Gedankenexperiment an: Wie würde ein Befürworter des Oracle-Kurses die zurückliegenden Entwicklungen im Java-Ökosystem bewerten?

Gedankenexperiment

Schauen wir einmal 5-6 Jahre zurück:

  • Sun verdient mit Java kaum Geld. Als potentielle Einkommensquelle behält man sich die Vergabe der Technology Compatibility Kits (TCK) vor
  • Um sich nicht das JavaME-Geschäft kaputt zu machen, legt Sun dem Apache-Harmony-Projekt – einem Community-getriebenen Open-Source-Projekt – eine Field-of-Use-Beschränkung für den Mobile-Bereich auf
  • Spätestens seit der Debatte um Apache Harmony gerät der Java Community Process ins Stocken
  • Die Community reagiert mit verhaltener Kritik – kehrt dem JCP und Heilsbringer Sun jedoch nicht den Rücken und verfällt in eine Art lethargische Wartestellung
  • Statt den JCP zu retten, etablieren Organisationen wie SpringSource, Eclipse, OSGi-Alliance, Google die eigentlichen Java-Standards
  • Sun wird für Java immer irrelevanter und auch die Marktsituation verschlechtert sich für Sun derart, dass einem Patentrechtsstreit mit Google wegen der Android-Plattform aus dem Weg gegangen wird

Wo befindet sich in dieser Situation die Community? Bei Android. Bei Apache. Bei der OSGi-Alliance. Bei Eclipse. Bei SpringSource. Und natürlich bei den unzähligen Unternehmen, die Technologien dieser Organisationen verwenden.

Was die Community nicht leistet, ist eine Weiterentwicklung des JDK.

Was die Community nicht leistet, ist eine Konsolidierung der Java-Plattform auf dem Desktop.

Was die Community nicht leistet, ist eine Standardisierung von Java im Mobile-Bereich, von der alle (nicht nur Google) profitieren.

Und was die Community vor allem nicht leistet, ist, Sun dazu zu bewegen, Java in offene und demokratische Strukturen zu überführen.

Wie ging es weiter?

  • Oracle übernimmt Sun und stößt mit dem neuen Wind, der durch das Java-Lager weht, viele Sun-Mitarbeiter vor den Kopf, die das Weite suchen
  • Oracle evaluiert die Sun-Projekte in Hinblick auf Wirtschaftlichkeit. Als Ergebnis davon:
    • schließt Oracle OpenSolaris (ein reines Sun-Projekt, an dem die „Community“ kaum Anteil hatte)
    • stoppt Oracle JavaFX Script und kündigt an, JavaFX über ein Java API wiederbeleben zu wollen
    • legt Oracle eine realistische Roadmap für JDK7 in 2011 vor und verlegt die kritischen Projekte „Closures“ und „Modularisierung“ ins JDK8 in 2012
    • unternimmt Oracle wenig Anstrengungen zur Rettung des hoffnungslosen Falls JavaME
  • Stattdessen verklagt Oracle Google wegen Android
  • IBM kündigt an, Oracle bei der Arbeit am OpenJDK zu unterstützen
  • Auch RedHat und die Eclipse Foundation sagen ihre Unterstützung zu
  • Oracle bekennt sich zur Relevanz und Reform des JCP

Die Schlussfolgerung: Nach Jahren der Stagnation geht es wieder voran mit Java!

Doch was denkt dabei die „Java-Community“? Große Teile fühlen sich ausgeschlossen und vor den Kopf gestoßen, weil sie von Oracle vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Das Unwohlsein könnte aber auch daher rühren, dass Suns jahrelange Untätigkeit vielen sogenannten Community-Vertretern insgeheim gar nicht so unrecht war, konnten sie die fehlenden Weiterentwicklungen doch selbst in die Wege leiten – und gutes Geld damit verdienen.

Was sie damit angerichtet haben, ist ein zersplittertes Java-Ökosystem, in dem Innovationen stets auf die lange Bank geschoben werden.

Und so schließt der Befürworter des Oracle-Kurses mit seinem Fazit:

Das Problem ist nicht die starke Hand Oracles, sondern das Versagen der Community in den letzten Jahren!

Plausibilität

Wie gesagt, handelt es sich hier um ein Gedankenexperiment: So könnte die Weltsicht eines Befürworters des neuen Java-Kurses aussehen. Eingeflossen in das Experiment sind allerdings durchaus Argumente, die in den letzten Tagen in den Fußnoten oder Kommentaren einschlägiger Blogveröffentlichung und JAXenter-Berichten zu finden waren.

I think the reactions towards Oracle acquisition of Sun simply imply „resistant to change“. At the end of the day, JCP is still a collaboration-oriented process. Pipo Sellado

Wenn ich mir vom Weihnachtsmann etwas wünschen dürfte, dann wäre es ein richtig gutes JavaFX das sich an Microsofts WPF orientiert, und unter der Haube auf SWT aufbaut und für Desktop UND ODER RichClient Anwendungen taugt. […] Oracle und IBM sollten doch sowas hinkriegen oder nisch 😉 James

Lange hätten sich die anderen Key-Player Suns Untätigkeit nicht mehr angeschaut und entsprechende Weiterentwicklungen selbst eingeleitet. Das geht mit Oracle nicht mehr. Steve

Ich schreibe seit über 10 Jahren Programme mit Java – das ging lange auch sehr gut ohne „Community“, oder? Günter

Nun nochmals zur Diskussion: Wie plausibel ist diese Sicht der Dinge? Welche Argumente sind stimmig, welche nicht?

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Hartmut Schlosser
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