Später als geplant

Oracle sieht „reaktives Programmiermodell“ für Java EE 8 vor – und verschiebt den Release-Termin

Hartmut Schlosser
Java EE

(c) Shutterstock / Jeffrey B. Banke

Oracle hat sich weiter zu seiner Strategie für Java EE 8 geäußert. In einer Telefonkonferenz des JCP-Exekutiv-Komitees präzisierte Oracle die Pläne, Java EE für die Cloud optimieren zu wollen. Gleichzeitig wurde bestätigt, was viele bereits befürchtet hatten: Der ursprünglich geplante Release-Termin für Java EE 8 wird nicht zu halten sein.

An der Sitzung des Exekutiv-Komitees wurde Oracle durch Anil Gaur vertreten, der als Oracle Group Vize-Präsident für Java EE und den WebLogic Server verantwortlich zeichnet. Das lang erwartete Update über Oracles Pläne zur Zukunft von Java EE leitete Gaur mit der Einschätzung ein, die Programmierung von Enterprise-Anwendungen befinde sich derzeit in einem Umbruch: Immer mehr Anwendungen sind verteilter Natur und werden in Cloud-basierten Umgebungen deployt.

Statt also wie bisher vollausgestattete, Java-EE-zertifizierte Applikationsserver wie Glassfish, WebLogic oder WildFly zu nutzen, auf die mehrere Anwendungen aufsetzen können, besteht die neue Marschrichtung darin, Anwendungen über modulare Laufzeitumgebungen, die sich jeweils lediglich um eine einzige Anwendung bzw. einen einzelnen Service kümmern, in verteilten Cloud-Systemen zu betreiben.

Für diese neue Generation von Anwendungen soll Java EE laut Gaur nun fit gemacht werden. Dafür benötige man ein neues Programmiermodell, das auf den Cloud-Ansatz zugeschnitten sei und ein hohes Maß an Flexibilität und Zuverlässigkeit sowie gute Skalierungseigenschaften biete. Gaur nutzte zur Beschreibung dieses Modelles den Begriff „reaktiver Programmierstil“, was man als Anlehnung an die Werte das reaktiven Manifest interpretieren kann. Im reaktiven Manifest wird ein Software-Architekturstil beschrieben, der antwortbereite (engl. responsive), widerstandsfähige (resilient), elastische und nachrichtenorientierte (message driven) Anwendungen hervorbringt.

Des Weiteren sieht die Oracle-Strategie für Java EE wohl so aus, Features wie HTTP/2- Support, State Management, Mehrmandantenfähigkeit, O-Auth und OpenID Connect in der Plattform zu verankern. In den Mitschriften zur JCP-Sitzung, die öffentlich zugünglich sind, heißt das im Wortlaut:

The platform needs a new programming model that’s geared towards reactive style programming for building large-scale distributed applications that are loosely coupled. In addition, we would like to see HTTP/2, Config, State management, Eventual Consistency, Multi-tenancy, O-Auth and OpenID Connect get included in the platform.

Gaur präzisiert damit die bereits von Thomas Kurian in einem Interview angedeuteten Pläne für Java EE und bestätigt die Aussage, man sei bereits in Gesprächen mit großen Java-EE-Anbietern. Darüber hinaus wolle man „bald“ auch Community-Mitglieder wie die Java Champions und Java-User-Gruppen zur Umsetzung dieser Roadmap konsultieren.

MicroProfile, Rückwärtskompatibilität, Release-Termin

Soweit, so gut. Vieles dieser Ankündigungen war auf inoffiziellen Wegen bereits durchgesickert. Neue Details wurden dann aber in der anschließenden Fragerunde offenbart. Gefragt nach dem tatsächlichen Release-Datum für Java EE 8 kündigte Gaur an, dass der geplante Termin sich definitiv ändern werde. Ursprünglich war das Release von Java EE 8 für das Jahr 2017 vorgesehen, ein Termin, der nun nicht mehr zu halten ist.

Genaueres zur Release-Planung konnte Gaur allerdings dann doch nicht nicht nennen – er erwarte, mehr dazu auf der JavaOne-Konferenz, die vom 18. bis 22. September stattfindet, sagen zu können. Auf jeden Fall habe man die Absicht, den Java-EE-Release-Zyklus weiter von demjenigen für Java SE zu entkoppeln, so Gaur weiter. Resultat daraus wäre, dass einige Java-EE-8-Features auf Java SE 8, andere bereits auf Java SE 9 aufsetzen würden.

Eine weitere Frage bezog sich auf die Initiative Microprofile.io, die sich bekanntlich während Oracles langer „Schweigephase“ zur Java-EE-Strategie  gebildet hatte. Red Hat, IBM, Payara und andere Organisationen aus der Java-EE-Community hatten ihre Absicht erklärt, ebenfalls eine Erweiterung des Java-EE-Programmiermodells anzustreben, um auf der Basis von WildFly Swarm und begrenzten Java-EE-Komponenten wie JAX-RS, CDI und JSON-P Cloud-basierte Microservice-Anwendungen zu ermöglichen.

Auf die Frage von Martijn Verburg, Leiter der Londoner Java-User-Gruppe LJUG, ob Oracle plane, mit dem Microprofile.io-Team zusammenzuarbeiten, antwortete Gaur, er würde eine solche Zusammenarbeit begrüßen. Man sei auch bereits mit Red Hat in Gesprächen darüber, wie die Microprofile-Initiative mit Oracles Java-EE-Strategie zu vereinen sei. Eine abschließende Klärung dieser Frage sei aber noch nicht erzielt worden.

Alex Blewitt äußerte schließlich das Interesse seines Arbeitsgebers Credit Suisse, Java-EE-Anwendungen aufgrund sehr sensibler Daten wie bisher On-Premise und nicht in der Cloud betreiben zu können. Gaur stellte daraufhin klar, dass man mit Java EE 8 keinesfalls die Rückwärtskompatibilität zu früheren Versionen verletzten möchte und es somit auch weiterhin möglich sein soll, On-Premise-Anwendungen auf die klassische Art und Weise zu betreiben.

Quo vadis Java EE?

„Java EE will continue to evolve“ – diese Highlevel-Botschaft brachte Oracle im JCP-Meeting an den Mann. Die Gründe für den langen Stillstand und die fehlende Kommunikation mit der Community wurden indes weiterhin nicht transparent. Auch ob Oracle bereits an technischen Lösungen für die Umsetzung der skizzierten Java-EE-Roadmap gearbeitet hat, wie gelegentlich spekuliert wurde, bleibt unklar.

Immerhin gab Gaur die Absichtsbekundung aus, künftig eng mit der Community zusammenarbeiten zu wollen und Initiativen wie das Adopt-a-JSR-Programm der Java User Groups mit einzubeziehen. Hier hatte Bruno Souza, der mit der basilianischen SouJava die größte JUG leitet, kommentiert, dass Java EE historisch sehr offen und partizipativ entwickelt wurde und die fast einjährige Funkstille Oracles für Java im Ganzen sehr ungesund war. Er hoffe, dass dies nicht wieder vorkommen werde.

Gaur sagte, er verstehe diese Kritik und betonte dann, dass Oracle durchaus daran gelegen sei, mit der Community und dem JCP zusammenarbeiten, um etwas ausliefern zu können, das Entwickler nützlich und aufregend fänden.

Anil said he understood. Oracle intends to work with the community and the JCP. They want to deliver something that developers will find useful and exciting.

Warten auf die JavaOne

Das nächste Zusammentreffen des Exekutiv-Komitees wird ein Face-to-Face-Meeting auf der JavaOne sein. Dann sollte Oracle – wie angekündigt – Genaueres über die Roadmap für Java EE 8 zu sagen haben. Denn viele Fragen sind noch offen, zum Beispiel darüber, wie genau das „reaktive Programmiermodell“ in der Java-EE-Plattform zum Tragen kommen soll. In der Community wird dies jedenfalls schon ausgiebig diskutiert:

 

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Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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