OpenOffice versus LibreOffice: Wiedervereinigung oder Konkurrenzmodell? - JAXenter

OpenOffice versus LibreOffice: Wiedervereinigung oder Konkurrenzmodell?

Hartmut Schlosser

Hier ein kleiner Auszug aus den Titeleien der Berichte über Oracles jüngste Ankündigung, die kommerzielle Vermarktung der Bürosoftware OpenOffice einzustellen:

  • Ellison’s Oracle washes hands of OpenOffice (The Register)
  • Oracle verabschiedet sich von OpenOffice (sueddeutsche.de)
  • Oracle zieht sich von OpenOffice zurück (teltarif)
  • Oracle trennt sich von OpenOffice (computerbase)
  • Oracle stoppt OpenOffice – Freiheit für die freie Software (n-tv)

Die unterschiedlichen Headlines in den Medien zeugen von einer gewissen Unstimmigkeit darüber, wie Oracles Pressemitteilung denn genau interpretiert werden sollte.

Interpretationsspielraum

Oracle hatte bekannt gegeben, man beabsichtige, OpenOffice nach den Kommerzialisierungsversuchen wieder in ein „rein Community-getriebenes Open-Source-Projekt“ zurückzuführen. Das Problem liegt nun darin, dass aus der knappen Mitteilung nicht hervorgeht, welches Governance-Modell sich Oracle für die Weiterführung von OpenOffice als Open-Source-Projekt vorstellt.

  • Eine neue Foundation-artige Struktur mit Oracle als Primus inter pares, die OpenOffice als Konkurrent zum abgespalteten LibreOffice-Projekt etablieren möchte?
  • Oder wird Oracle Gespräche mit dem LibreOffice-Team führen und sich aktiv an der Zusammenführung der zwei konkurrierende Office-Suiten beteiligen?
  • Oder lässt Oracle das OpenOffice-Projekt nach dem Scheitern der Vermarktungsbestrebungen schlicht fallen und überlässt dem von The Document Foundation getriebenen LibreOffice ohne eigene Beteiligung das Feld?
Hoffnung

In Oracles Pressemitteilung war von einer „Organisation“ die Rede, die auf nicht-kommerzieller Basis die breite Interessenlage der OpenOffice-Community bedienen kann. Cors Nouws von der Document Foundation (TDF), die sich im Zuge der Abspaltung von Oracle gebildet hatte und das LibreOffice-Projekt beherbergt, fühlt sich hier offenbar angesprochen und äußert in seinem Blog die Hoffnung, OpenOffice und LibreOffice in absehbarer Zeit wieder zusammenzuführen.

This is a big step forward in the direction that I expressed as a wish at the time that The Document Foundation started: That the two paths will merge again. And look, as per today Oracle searches [for] a group, a community that does want to give a home to OpenOffice.org. Me thinks that Oracle will get a warm welcome from The Document Foundation. Cors Nouws

Auch Gavin Clarke von The Register zieht durchaus die Möglichkeit in Erwägung, dass Oracle nach all der Kritik vonseiten der Open Source Communities gerade dabei ist, sich vom Saulus in Paulus zu verwandeln und den Umgang mit Open Source Communities grundsätzlich zu überdenken.

Sources close to the company have been telling us lately that Oracle has realized it has taken needless lumps for its actions on open source and Java, and is learning how to work with the open source projects it inherited from Sun. Gavin Clarke

Skepsis

Doch naives Vertrauen in Oracles Großmütigkeit gegenüber Open Source Communities ist derzeit nicht unbedingt eine weit verbreitete Geisteshaltung. Und so zieht auch The Register die möglichen politischen Erwägungen Oracles mit in die Betrachtungen ein:

Oracles Kerngeschäft liegt sicherlich im Server-Bereich, eine erfolgreiche Desktop-Bürosoftware stand niemals im Oracle-Portfolio. Dementsprechend verfügt Oracle über wenig Erfahrung in diesem Bereich und müsste nach dem Abgang der Community zu LibreOffice ein neu engagiertes Entwickler-Team aufbauen. Versucht Oracle also, sich eines teuren und brotlosen Projekts zu entledigen und die ganze Arbeit der Community aufzuhalsen?

Ebenso könnte Oracles größter Konkurrent IBM, der sich bekanntlich zur Zusammenarbeit mit Oracle am OpenJDK-Projekt durchringen konnte, in den Verhandlungen auf eine Beendigung Oracles OpenOffice-Ambitionen gepocht haben, meint The Register.

As for politics: one of OpenOffice’s biggest proponents is IBM, and the systems giant that Oracle has courted to carve up Java’s development cannot have been happy by the implications of last year’s divorce on the development of OpenOffice. [.] It’s entirely possible, therefore, that IBM has spoken to Oracle and made it realize that it’s better for OpenOffice, IBM, and for everybody if Oracle just lets go of this one. Gavin Clarke

Fazit

Wie dem auch sei, ein wichtiger Punkt in den folgenden Gespächen wird sein, ob Oracle an den Namensrechten für OpenOffice festzuhalten gedenkt. Ein solcher Schritt würde von großen Teilen der LibreOffice-Entwicklerschaft schwerlich akzeptiert werden können. Indes gibt es Indizien dafür, dass Oracle die Pläne für eigene kommerzielle Bürosoftware tatsächlich revidiert hat. Die Webpräsenz der noch im Dezember 2010 vollmundig angekündigten Cloud Office, einer kommerziellen mobilen OpenOffice-Erweiterung, scheint vom Netz genommen worden zu sein. Möglich, dass die Cloud Office bald als quelloffenes Projekt wieder zum Vorschein kommt – sei es nun bei einem wiedervereinigten OpenOffice oder einem LibreOffice-Konkurrenten OpenOffice.

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Hartmut Schlosser
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