Lizenzsuppe

Open Source, Ja Bitte

Markus Stäuble

In den letzten Monaten haben Sie schon einiges an Lizenzwissen durch die Lizenzsuppe mitbekommen. Bereits an diesen kurzen Exkursen haben Sie gesehen, wie komplex Open Source von einer juristischen Seite sein kann. Zu komplex? Im stressigen Projektalltag kann man sich weder als Entwickler noch als Projektleiter mit solchen Lizenzen auseinandersetzen. Machen wir es uns doch einfach, bauen wir am besten alles selbst und verzichten auf Open Source. Nur, wann implementieren wir dann die gewünschten Anforderungen vom Kunden?

Implementieren oder verwenden?

Softwareprojekte werden vor allem wegen vorhandenen funktionalen Anforderungen ins Leben gerufen. Zu diesen funktionalen Anforderungen gesellen sich natürlich auch viele gewichtige nichtfunktionale Anforderungen. Ein System mit schlechten Performanceeigenschaften wird seinen Weg nicht in die Produktion finden. Um aber möglichst viele Entwicklerkapazitäten für Fachanforderungen zur Verfügung zu haben, bietet es sich an, für nichtfunktionale Anforderungen auf vorhandene Bibliotheken zu setzen. Wobei Open Source sich bei Weitem nicht auf nichtfunktionale Anforderungen beschränkt.

Für den Bereich Java steht ein großer Fundus an weit entwickelten Bibliotheken für unterschiedlichste Zwecke zur Verfügung. Bei einer neuen Bibliothek stellt sich sofort die Frage, woran man festmachen kann, ob diese eingesetzt werden kann oder nicht. Nachdem erstmal die Eigenschaften oder die Anforderungen abgeglichen wurden, folgt als nächster Schritt der Blick auf die Lizenz. Was aber tun, wenn die Bibliothek alle Anforderungen bis auf wenige erfüllt? Nach einer anderen Bibliothek Ausschau halten oder gleich etwas Eigenes entwickeln?

Sollte keine alternative Bibliothek auf dem Markt sein, bleibt immer noch die Möglichkeit, die vorhandene Bibliothek zu erweitern. Der erste Schritt, bevor über eine Erweiterung nachgedacht werden kann, ist die verwendete Lizenz. Sollte diese keine Copyleft-Effekte (z. B. Apache-License-Version 2.0) besitzen, kommt eine Änderung für ein kommerzielles Projekt in Frage. Wichtig bei der Änderung ist, dass die Lizenz bei der Bibliothek auch mit ausgeliefert wird. Die Änderungen müssen bei einem Projekt ohne Copyleft-Effekte nicht veröffentlicht werden. Trotzdem darf man als Projektteam nicht einfach die Lizenz verschweigen. Sollten die Änderungen nicht zurückgespielt werden, hat man die Nachteile, dass man bei zu tiefgreifenden Änderungen nicht von den Weiterentwicklungen der Bibliothek profitieren kann.

Sag Ja zu Open Source

Wenn man daran denkt, statt dem Einsatz von Open Source auf Eigenentwicklung zu setzen, muss man sich vor Augen führen, welche Menge an Aufwand bereits in die betreffende Open-Source-Software geflossen ist. Beim Abgleich mit einer Eigenentwicklung sollte bei passender Lizenz ernsthaft darüber nachgedacht werden, die Open-Source-Variante einzusetzen und diese entsprechend abzuändern. Eine Entscheidungshilfe gibt der vorhandene Bugtracker und das Log der Versionskontrolle. Sollte beides nicht vorhanden sein, sollten Sie von einer Erweiterung absehen. Wenn aus geschäftspolitischen Gründen eine Rückspielung der Änderungen nicht möglich ist, sollten Sie unbedingt daran denken, den Quellcode bei sich zu lagern. Ansonsten ist eine reibungslose Fehlerbehebung nicht gewährleistet.

Wenn möglich, sollten die Änderungen aber zurückgespielt werden. Dadurch kann das eigene Projekt wieder von Weiterentwicklungen profitieren. Dies entspricht auch mehr dem Sinne von Open Source. Würde keiner zurückspielen, gäbe es auch kein Open Source.

In diesem Sinne sollten Sie vor Neuentwicklung den Markt prüfen, ob nicht eine Bibliothek mit passender Lizenz existiert. Bei den meisten Projekten ist diese Lizenz auf der Startseite zu finden. Einen schönen Monat und denken Sie daran: Bald ist Kürbiszeit und dieser eignet sich hervorragend für eine Suppe.

Markus Stäuble ist Senior IT-Consultant bei einer internationalen Werbeagentur. Er schreibt regelmäßig Artikel für diverse Fachzeitschriften und gibt sein Wissen gerne in Vorträgen wieder.
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