Die Flinke Feder

Open Firma

Bernd Fondermann

Warum um alles in der Welt sollten Unternehmen ihre Mitarbeiter an Open-Source-Projekten arbeiten lassen? Qualitätsarbeit liefern, die der Wettbewerber mit einem einfachen Subversion Checkout in die eigenen Produkte integrieren kann? Sich abgeben mit der so genannten „Community“, jener lästigen Ansammlung von Nerds, die alles immer besser wissen und dann doch nichts Handfestes beitragen? Naheliegend ist die Mitarbeit auf Technologiefeldern, die unter dem Begriff „Emerging“ fallen, die also noch im Entstehen sind. Hier ist der Kuchen noch nicht verteilt, Märkte entwickeln sich erst und es gibt noch keine abgesteckten Claims, Marken, lang laufende Supportverträge.

Emerging Technologies sind für mich so faszinierend wie entstehende Galaxien für einen Astronomen. Bei Apache haben solche Projekte immer eine Rolle gespielt. Alles begann mit der Innovation seiner Zeit, dem Apache-Webserver. Spätere Innovationen waren beispielsweise Cocoon oder Ant, die ganz neue Herangehensweisen in den Bereichen Content Rendering und Build vorgeführt haben.

Derzeit steht der so genannte „NoSQL“- bzw. „BigData“-Bereich im Fokus: Viele neue Softwareprojekte entstehen, die von Leuten ausprobiert und zum Einsatz im professionellen Umfeld erwogen werden.

Immer wieder sind Open-Source-Projekte die Plattform, eine Technologie und ein zukünftiges Produkt auf den Markt zu tragen. Online stellen, bloggen, Feedback einsammeln, verbessern und von vorne. Der Schwerpunkt der Unternehmen liegt dabei meist auf Consulting, Schulung, Produkt-Add-ons, Wartung. Start-ups scheren die Open-Source-Entwickler um sich, die immer mehr Zeit mit ihren früheren Hobbyprojekten verbringen und nun in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt damit zu bestreiten. Solche Firmen sind in den letzten Monaten um Apache CouchDB, Hadoop und Cassandra entstanden. Auch auf dem Feld Apache Lucene gibt es eine spürbare Dynamik. Besonders eindrucksvoll ist der Fall von Damien Katz, der aus dem Lotus-Team bei IBM ausstieg, um CouchDB zu erfinden. Er verkaufte sein Haus, lebte einige Monate von seinem Ersparten und hatte Fortune: Sein Plan ging auf, heute ist couch.io der mit Venture-Kapital ausgestattete, kommerzielle Ausleger für CouchDB. Auch andere Couch Committer sind bei dem Unternehmen eingestiegen.

Hätte Katz sein Projekt allein auf dem heimischen Rechner entwickelt, und nicht als Open Source zugänglich gemacht – niemand hätte in die Tasten gegriffen, um ihm zu helfen. Niemand von uns könnte heute sein Produkt downloaden, ausprobieren und seinen Erfinder in die Lage versetzen, damit Geld zu verdienen.

Unterstützung erhoffen sich auch Unternehmen aller Größen, wenn sie eigene interne Projekte „opensourcen“. Wenn andere sich für die Mitarbeit begeistern, dann können eigene Mitarbeiter andere Aufgaben übernehmen. Die Kosten sinken, man bekommt die Leistung der Freiwilligen geschenkt. Diese Rechnung geht nicht immer auf. Bedingung ist: Das Projekt muss Ausstrahlung haben, darf nicht zu kompliziert für den Einstieg sein und keine riesengroße Entwicklungsmannschaft verlangen.

Hier seien exemplarisch die Jetzt-Oracle-früher-Sun-Projekte OpenOffice (jetzt LibreOffice), OpenSolaris und MySQL genannt. Vielleicht haben Sie schon mal in deren Quellcode geschaut? Nein? Dann geht’s Ihnen ähnlich wie mir.

Für jene Kategorie kommerzieller Software, die man, statt sie sang- und klanglos einzustellen, lieber in ein Open-Source-Projekt verwandelt, während man sich gleichzeitig komplett aus der Entwicklung zurückzieht, hat sich der Name „Abandonware“ etabliert. Gibt ja auch viel bessere Presse, generös etwas an alle zu verschenken, als verunsicherten Kunden beibringen zu müssen, warum sie in Zukunft keine neuen Releases mehr erwarten dürfen. Dem versucht Apache mit dem Incubator vorzubeugen. Erst wenn Projekte auch wirklich Resonanz finden, können sie volle Apache-Projekte werden.

Es ist erfolgsentscheidend, dass Projekte eine diverse Entwicklerschaft haben und auf neutralem Boden gepflanzt werden. Neben Apache ist sicher die Eclipse Foundation dafür ein Beispiel. Nur in solchen Ökosystemen gehen andere das Risiko ein, ihre Energie in etwas zu stecken, das auch nicht über Nacht einfach von Managern abgesagt werden kann.

Bemerkenswert ist, dass auf vertikalen Märkten spezialisiertes Open Source kein großes Thema ist. Frameworks und Infrastrukturprodukte hingegen erreichen eher eine kritische Masse an Community. Wer hätte schon davon gehört, dass sein Arzt für eine freie Praxissoftwarelösung Bug-Reports schreibt oder Mitarbeiter von Kernkraftwerken auf Userlisten nach den neuesten Patches für ihre Steuerungsrechner fragen? Ein einsamer erfolgreicher Versuch kommt mir in den Sinn: Apache OFBiz, kurz für „Open for Business“, eine E-Commerce- und ERP-Lösung. Doch auch diese kann man schon wieder in die Infrastrukturschublade stecken.

Jedem Unternehmen, das eigene Software als Open Source zur Verfügung stellen möchte kann man nur anraten, sich mit dem Thema vorab intensiv zu beschäftigen, eine Strategie zu entwickeln und auch Kapazitäten für die Zeit nach dem Veröffentlichen der Sourcen einzuplanen.

Bernd Fondermann (bernd.fondermann@brainlounge.de) ist freiberuflicher Softwarearchitekt und Consultant in Frankfurt a. M. Er beschäftigt sich mit innovativen Open-Source-Technologien wie Apache Hadoop und Lucene und ist Member der Apache Software Foundation und Vice President Apache Labs.
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