Noch hat Oracle Java nicht getötet – Noch nicht!

Hartmut Schlosser
©Shutterstock/ CREATISTA

Oracle hasn’t killed Java — but there’s still time – so titelt Andrew C. Oliver  in einem Artikel auf InfoWorld, der seither kontrovers diskutiert wird. Olivers Grundaussage: Oracle hat Java keine großen neuen Ideen zu bieten. Die Bilanz nach der Sun-Übernahme: Der Java-Core stagniert, Java EE ist tot, die Zeiten von Spring sind vorbei – nur die JVM floriert. Wird Oracle Java bald den Rang ablaufen?

Oracle – Java: steht das Ende bevor?

Die kurze Antwort lautet: Nein! Doch um zu verstehen, warum nicht, müssen wir uns Andrew C. Oliver Argumente genauer anschauen:

Java Core

Mit Java 7 und 8 hat Oracle seit der Sun-Übernahme im Jahr 2009 zwei Releases gestemmt. Oliver meint nun, Java wäre damit zwar durch Syntax-Spielereien für Entwickler ein wenig interessanter geworden.  Die große Vision, wie das einstige „Write Once, run everywhere“, fehle allerdings.

With Java 7 and Java 8, we got developer porn, but no new ideas or big ideas.

Was anderswo, beispielsweise durch Typesafe in Scala entwickelt wurde, sei von Oracle aufgenommen worden und dann in Java eingeflossen, was innovationsfreudige Entwickler irgendwie besänftigte und motivierte, doch in den großen Unternehmen mit ihren Java-Projekten zu bleiben.

So Typesafe stuck things into Scala, developers talked up those features, then they went into Java. This allowed the developers stuck in big companies who dreamed of writing Scala to use their favorite candy with a slightly wonkier syntax in Java.

Java EE & Spring

Java EE laufe der Industrie hinterher, lautet Olivers Einschätzung. Gebremst durch den Java Community Process, habe Java EE nur nachträgliche Standardisierung zu bieten, während sich die wahren Innovationen außerhalb von Java EE abspielten: Oliver nennt OpenShift, Hadoop, Android.

Die Ausgliederung des Spring Frameworks in das Unternehmen Pivotal deutet Oliver als Zeichen, dass Spring quasi abgewickelt wird – in einem „inkohärenten Unternehmen“, das so disparate Dinge wie Cloud, Data Warehousing, Hadoop und Spring zusammenbringen wolle. Das sei zwar nicht direkt Oracles Fehler, spreche aber für die verpasste Chance, das Java-Enterprise-Ökosystem wirklich zu einem strategischen Business-Faktor für Unternehmen zu machen.

Olivers Fazit: Es fehlt die große Vision für Java, die neue Unternehmen zu Java tendieren lassen würde. Die großen Ideen seien Cloud, NoSQL und Big Data – und auf diesem Gebiet habe Oracle nichts wirklich Innovatives beizutragen. Stattdessen zehre Oracle lediglich vom Verbreitungsgrad Javas, ohne die nötigen Führungsqualitäten mit zu bringen, um Java für die Herausforderungen der Zeit zu wappnen.

I don’t think Oracle knows how to create markets. It knows how to destroy them and create a product out of them, but it somehow failed to do that with Java. I think Java will have a long, long tail, but the days are numbered for it being anything more than a runtime and a language with a huge install base. I don’t see Oracle stepping up to the plate to offer the kind of leadership that is needed. It just isn’t who Oracle is.

Durchatmen.

Neue Ideen Fehlanzeige?

Es lohnt sich kaum, auf die offensichtlichen Ungenauigkeiten des Artikels einzugehen (Project Lambda != Scala). Stattdessen wollen wir hier einmal der Hauptthese nachgehen, Oracle, und damit irgendwie auch Java, hätten keine neuen Ideen zu bieten. Doch dafür müssen wir ganz vorne anfangen…

Was ist Java?

Java ist eine Programmiersprache. Was Java aber Ende der 90er zum Erfolg verholfen hat, war die Einbettung der Sprache in die JVM, die Java-Programme Plattform-übergreifend betreiben ließ.

Und heute?

Ist es genauso. Weder damals noch heute kann man Java als sonderlich innovative Programmiersprache bezeichnen (Objektorientierung etwa wurde früher als Java durch Sprachen wie Smalltalk etabliert). Doch lässt sich Java eben weder damals noch heute auf eine Programmiersprache reduzieren, sondern muss im Zusammenhang mit der JVM und dem darauf aufbauenden Ökosystem betrachtet werden.

Was sich seit den Gründertagen in der Tat geändert hat, ist der enorme Verbreitungsgrad, den Java und die JVM-Plattform erreicht hat. Doch was heute weiten Teilen der Industrie gerade deshalb wichtiger ist als aufregende Innovationen, ist die Stabilität im Kern: Verlässlichkeit, Rückwärtskompatibilität und moderate Modernisierung sind die Akzente, die Oracle seit der Sun-Übernahme gesetzt hat – und damit sind viele mit Oracle in seiner Rolle als Java-Hüter zufrieden.

Als „große Idee“ schreibt Oracle darüberhinaus an die Wand, Java als Sprache des Internet der Dinge zu etablieren – und wenn man den Analysten Glauben schenkt, nicht ohne Chancen auf Erfolg. Innovativ wird zudem die JVM selbst ausgebaut – um beispielsweise JavaScript-Engines wie Nashorn zu ermöglichen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen

Wichtiger als „die große neue Vision“ ist, dass der Java-Kern Innovationen im Ökosystem ermöglicht. Und man muss kein „Oracle-Fan“ sein, um zu sehen, das genau das der Fall ist. Android ist Java. Hadoop ist Java. Neo4J, Lucene, & Elasticsearch sind Java. Genauso gehören Scala, Groovy, JRuby und Clojure zum Java-Ökosystem. Lediglich darüber, ob Java ein Treiber auf dem Cloud-Sektor darstellt, kann man diskutieren. Doch auch hier stehen mit Cloud Foundry, Jelastic und CloudBees spannende Projekte bereit.

Die Kritik an Java EE ist, gelinde gesagt, nicht nachzuvollziehen. Olivers „Java EE läuft der Industrie hinterher“ muss beantwortet werden mit: Java EE ist ein Industrie-Standard und als solcher immer „später“ als Speerspitzentechnologien. Und genau das macht den Erfolg von Java EE aus.

Und Spring? Lassen wir hier den Kommentator „John“ sprechen:

Spring is one of the most exciting, creative and active frameworks on any platform. Go and read about Spring Boot for a start.

Innovation ohne großen Knall

Innovation kommt nicht immer mit einem großen Knall daher, sondern liegt oft in vielen kleinen Maßnahmen, die eine Technologie auf verschiedenen Ebenen voranbringen und im Gesamtbild modern und zukunftstauglich machen.

Der große Knall ist oft schnell wieder verklungen. Was bleibt ist…. Java.

Aufmacherbild: Funny guru sitting lotus style von Shutterstock / Urheberrecht: CREATISTA

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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