Die Flinke Feder von der JAX 2011

Nicht der Rede wert: Open Source

Bernd Fondermann

Das ultimative Abgabedatum für diese Kolumne rückt bedrohlich näher, ich sitze im großen Kongress-Saal auf der JAX 2011 in Mainz und das Dokument vor mir ist das Äquivalent zu einem weißen Blatt Papier: leer. Der Grund: Ich komme nicht zum Schreiben – ich staune nur.

Die Konferenz ist geschäftig, mehr Besucher als je zuvor. Zeitweise zwölf Vorträge parallel. Da kommt das gehirneigene Multithreading kaum noch mit. Schaut man sich ein Thema an, verpasst man garantiert gleichzeitig einen Vortrag, den man eigentlich auch noch gern gesehen hätte. Thematisch ist für jeden was dabei.

Wirklich? Wo ist der Open Source Track? Wo finde ich gezielt den aktuellen Stand rund um das unerschöpfliche Ökosystem Freie Software? Klar, Eclipse ist massiv vertreten. Sicher, Oracle nutzt die Konferenz, um Hudson feierlich an die Eclipse Foundation zu überantworten. Doch das ist wohl eher Open-Source-Außenpolitik und erlaubt dem Entwickler kaum technische Inneneinsichten in ein konkretes Open-Source-Projekt. Zugegeben, Talks wie „Open-Source-Werkzeugkasten für Software-QS“ bieten gezielt einen Überblick über nicht-kommerzielle Lösungen. Aber Open Source nur um des Open Source willens kommt praktisch nicht vor.

Das ist nur dann wirklich erstaunlich, wenn man sich die Gegenwart aus der Warte des vergangenen Jahrzehnts anschaut. Aus der Sicht einer Zeit, in der der Begriff Open Source eine Software abgegrenzt hat von kommerzieller Software; in der die Unsicherheit über die rechtlichen Aspekte und die Brauchbarkeit von Open Source noch Fragezeichen in die Gesichter der Entwickler und ihrer Vorgesetzten geschrieben hat.

Heute lockt ein Open-Source-Projekt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, hinein in die Vortragssäle, Print-Magazine und Weblogs, nur weil es Open Source ist, sondern weil es dabei hilft, ein konkretes Problem zu lösen. Weil man es verstehen und benutzen will (oder muss).

Denn in der Wirklichkeit der JAX ist Open Source überall anzutreffen. Sämtliche Tracks sind durchsetzt mit Open-Source-Lösungen. Spring, Eclipse, OpenJDK, Apache-Projekte, Andoid, Scala. Kaum ein Speaker, der nicht selbstverständlich seinen Beispielcode auf GitHub veröffentlichet. Was sich verändert hat, ist meiner Beobachtung nach, dass fast hinter jeder Open-Source-Technologie ein kommerzieller Ableger steckt, der diese Technologie konkret steuert, vorantreibt und verantwortet. Diese, von JAX-Keynote-Sprecher Iran Hutchinson „Stewardship“ genannte Symbiose stellt einerseits sicher, dass viele Open-Source-Projekte weiterleben. Es zeigt außerdem, dass Open Source von Unternehmensseite weitgehend als Aushängeschild oder Produktstrategie aufgenommen und akzeptiert worden ist. Damit verwischen allerdings auch die Grenzen zwischen „frei“ und „kommerziell“. Außerdem verknüpft sich das Schicksal der freien Software mit dem des steuernden Unternehmens, wie das bei jedem anderen kommerziellen Produkt auch der Fall ist. Geht das Unternehmen unter, oder ändert nur seine Ausrichtung, fallen auch Produkte unter den Tisch. Diese Gefahr gilt im Prinzip genauso, wenn auch vielleicht in geringerem Maße, für Projekte, die bei unabhängigen Foundations wie Eclipse, Apache oder Debian angesiedelt sind.

Wie auch immer jede einzelne Open-Source-Lösung sich in Zukunft entwickeln wird – heute jedenfalls kommt Open Source überall vor, ist aber nicht mehr einer besonderen Erwähnung wert. Und das bedeutet für mich: Mund wieder zuklappen, losschreiben und die Deadline für die Kolumne halten.

Bernd Fondermann (bernd[at]zillion-one.com) ist freiberuflicher Softwarearchitekt und Consultant in Frankfurt a. M. und Member der Apache Software Foundation. Er beschäftigt sich mit innovativen Open-Source-Technologien wie Apache Hadoop oder Lucene und bietet unter zillion-one.com einen Big-Data-Hosting Service an.
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