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Veronika Afanasyeva und Sandra Bochmann auf der MTC 2017

New Work in der Praxis: Software sollte sich dem Mensch anpassen – nicht umgekehrt

Kypriani Sinaris

© Shutterstock / Rawpixel.com

Unter dem Begriff New Work fallen viele Aspekte zusammen. Einer davon ist laut Sandra Bochmann (Interaktionsdesignerin) und Veronika Afanasyeva (Softwareentwicklerin, beide WPS – Workplace Solutions), dass sich die Arbeitsweise durch geeignetere Soft- und Hardware verändert: Keine Kompromisse mehr, sondern Systeme, die sich der Arbeitsrealität anpassen. Die MobileTechCon Speakerinnen im Interview.

JAXenter: Unter dem Schlagwort New Work fällt vieles zusammen. Was bedeutet der Begriff für euch?

Sandra Bochmann: New Work steht für: ortsunabhängiges Arbeiten, flexible Arbeitszeiten, weniger Hierarchien, Digitalisierung und selbstorganisierende Netzwerke innerhalb einer Organisation. Für uns bedeutet New Work aber auch, dass sich die Arbeitsweise durch die Unterstützung geeigneter Hard- und Software verändert. Diese wird speziell für individuelle Arbeitsaufgaben und Probleme entwickelt, um den Anwender bei seiner Arbeit bestmöglich zu unterstützen. Dabei handelt es sich nicht um Standardsoftware.
Im Zusammenhang mit individualisierter Hard- und Software kann New Work die Digitalisierung im klassischen Sinne umfassen, aber auch die Ablösung bestehender IT-Systeme sowie den Wechsel von individueller Arbeit zu kooperativer Arbeit.

JAXenter: Ist New Work better work? Warum?

Veronika Afanasyeva: New Work ist better work, wenn es an die Arbeitsaufgabe(n) angepasst ist. Mit einer Software, die individuell auf meine Aufgaben zugeschnitten ist und mir an meine Arbeit angepasste Interaktionsmöglichkeiten bietet, kann ich besser arbeiten als mit einer Standardlösung. Manche Aufgaben kann ich besser kooperativ lösen als alleine. Es ist gut, wenn es Hard- und Software gibt, die diese kooperative Arbeit unterstützt. Wenn ich meine Aufgaben ortsunabhängig erledigen kann oder selber meine Arbeitszeiten flexibel gestalten kann, dann habe ich mehr Kontrolle über meine Work-Life-Balance.

JAXenter: Wie würdet ihr die aktuelle Situation in deutschen Unternehmen beschreiben? Habt ihr den Eindruck, dass hier eine New-Work-Kultur herrscht?

Sandra Bochmann: Wir denken, dass eine New Work-Kultur teilweise vorhanden ist, aber in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Start-Ups bieten für diese Kultur eine weitaus bessere Grundlage als beispielsweise große Konzerne. Eine New Work-Kultur wie wir sie über die allgemeine Definition hinaus sehen, ist nach unserer Erfahrung wenig verbreitet. In vielen Branchen wird immer noch analog oder mit Standardsoftware gearbeitet, obwohl die Arbeitsaufgaben mit speziell angepasster Soft- und Hardware besser erledigt werden könnten. Standardsoftware erfüllt ihren Zweck, allerdings passen sich die Menschen dabei eher an die Software an, anstatt die Software an den Menschen und seine Arbeit. Gerade die Digitalisierung ist dabei noch nicht in allen Bereichen angekommen und oftmals findet man individuelle Arbeit vor, obwohl kooperative Arbeit die bessere Wahl wäre. Ein Grund dafür ist unter anderem die fehlende IT-Unterstützung.

Die Arbeitsweise passt sich an die Arbeitsaufgabe an.

JAXenter: Wie sieht euer Arbeitsalltag aus? Lebt ihr die New-Work-Mentalität? Wo merkt ihr Vorteile, wo hapert es noch?

Sandra Bochmann: Bei uns gibt es flache Hierarchien, (teilweise) flexible Arbeitszeiten und Interessengruppen, die sich regelmäßig treffen und Themen diskutieren sowie kleine Projekte entwickeln. Wir selber sind Teil eines 14-köpfigen Scrum-Teams mit festen Zeiten für Stand-Ups und Sprints. In unserem Team bzw. Projekt ist es sinnvoll, kooperativ statt individuell zu arbeiten, da wir beispielsweise Pair Programming nutzen und uns viel austauschen müssen. Obwohl sich Arbeitsmodelle im Sinne von New Work auf den ersten Blick eher weniger zu eignen scheinen, gibt es auch in diesem großen Team Kollegen mit Vier-Tage-Woche und flexiblen Arbeitszeiten.
Insgesamt ist es bei uns aber so, dass individuell auf Bedürfnisse der Mitarbeiter eingegangen wird. Es gibt flexible Arbeitszeitmodelle und Mitarbeiter, die Home-Office machen. Es kommt also ganz auf die Arbeitsaufgabe an, die man hat und die Arbeitsweise passt sich an die Arbeitsaufgabe an.

JAXenter: Ihr sprecht in eurer Session auf der MTC 2017 außerdem über roads – was steckt dahinter?

Veronika Afanasyeva: roads ist ein Softwaresystem zur Baustellenkoordinierung. Das System besteht aus einer Desktopanwendung, einer Touch-Tisch-Anwendung und einem webbasierten Informationsportal. Jede Anwendung übernimmt dabei eine bestimmte Funktion im Prozess der Baustellenkoordinierung. Mit der Desktopanwendung können Baumaßnahmen eingepflegt und bearbeitet werden. Am Touch-Tisch können Maßnahmen in Gruppen koordiniert und Konflikte interaktiv gelöst werden. Das Informationsportal gibt Bürgern die Möglichkeit, sich online über aktuelle und geplante Baumaßnahmen zu informieren. Durch die Kombination dieser verschiedenen Arbeitsplätze können vielfältige Aufgaben und Prozesse miteinander verknüpft werden, um so die Baustellenkoordinierung zu vereinfachen.

Durch die geeignete Unterstützung von Hard- und Software werden Kommunikations-wege kürzer und man kann effizienter kooperativ arbeiten.

JAXenter: Wie profitieren Teams von digitalen Konzepten wie roads? Wie ändert sich ihre Arbeitsweise?

Veronika Afanasyeva: Das Konzept von roads sieht verschiedene Arbeitsplätze innerhalb eines Systems vor. Dabei ist jeder Arbeitsplatz genau auf eine oder mehrere Aufgaben zugeschnitten, sodass die Menschen bei ihrer Arbeit bestmöglich unterstützt werden. Individuelle Arbeiten, wie administrative Tätigkeiten, können alleine am Desktoparbeitsplatz erledigt werden. Kooperative Arbeiten können in Gruppen am Multitouch-Tisch erledigt werden. Alle Beteiligten arbeiten dabei aber auf einem Datenbestand – dem vom roads-System.

Die Arbeitsweise verändert sich dahingehend, dass die Menschen mehr zusammen kommen, um Probleme bei der Maßnahmenkoordinierung zu besprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Diese gemeinsame Arbeit ist im Arbeitskontext der Koordinierung essenziell. Durch die geeignete Unterstützung von Hard- und Software werden die Kommunikationswege kürzer und die Menschen können effizienter kooperativ arbeiten als zuvor.

1481635138912_Afanasyeva_Veronika_wpVeronika Afanasyeva hat zunächst in Moskau Projektmanagement studiert und anschließend Softwaresystementwicklung in Hamburg. Sie arbeitet als Softwareentwicklerin bei der WPS – Workplace Solutions GmbH. Gemeinsam mit weiteren Softwareentwicklern und -architekten sowie Designern entwickelt sie angepasste Soft- und Hardwaresysteme, die genau auf die jeweilige Arbeitssituation des Kunden zugeschnitten sind. Der Schwerpunkt sind Frontends wie Touch-Tische oder Tablets, die durch intuitive Gesten genutzt werden können.1476884877771_bochmann_sandra_wp

Sandra Bochmann ist Interaktionsdesignerin bei der WPS – Workplace Solutions GmbH. Dort arbeitet sie gemeinsam mit Softwareentwicklern und -architekten an angepassten Soft- und Hardwaresystemen, die genau auf die jeweilige Arbeitssituation des Kunden zugeschnitten sind. Der Schwerpunkt sind Frontends wie Touchtische oder Tablets, die durch intuitive Gesten genutzt werden können.

Geschrieben von
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris studierte Kognitive Linguistik an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie Redakteurin bei JAXenter und dem Java Magazin.
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