Sind weniger Fragen manchmal mehr?

New Coder Survey 2017 – so lernen Entwickler entwickeln

Mats Autzen

© Shutterstock / Mix3r

Die Auswertung des New Coder Survey 2017 liefert erste Ergebnisse. Darin geht es um Code Camps, Demografie, Jobs und Schulden. Open Source ist immer gut, und über Fragen lässt sich bekanntlich schwerlich streiten. Vielleicht ist es dafür aber an der Zeit.

Auch in diesem Jahr hat die populäre Open-Source-Community freeCodeCamp ihren New Coder Survey durchgeführt. freeCodeCamp hat sich einen Namen gemacht durch spendenfinanzierte Tutorials sowie Camps und Meetings zum intensiven Lernen von Programmiersprachen. Die Umfrage soll verschiedene Parameter wie Bildungsgrad, Berufswunsch, die Akzeptanz der Tutorials und Camps, sowie Herkunft und Lebenssituation von jungen Programmiererinnen und Programmierern statistisch erfassen. Dabei sind einige interessante Fakten, aber auch ein paar Nebensächlichkeiten zu Tage befördert worden. Aber der Reihe nach, zunächst zur Methode und zur Auswertung Studie. Wer sind die sogenannten New Coder?

Sinn und Zweck der Studie

Die Zielgruppe der Studie waren auch bei ihrer zweiten Durchführung die New Coders: Damit sind Anfänger gemeint, die seit maximal fünf Jahren programmieren bzw. lernen zu programmieren. Gestellt wurden dieses Mal 50 Fragen (2016 waren es noch 48). Gleichzeitig musste nicht alles beantwortet werden, auch Surveys mit vielen Leerstellen sind in die Datenbank aufgenommen worden.

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Alle Daten wurden in einer CSV-Datei anonym aufgenommen und anschließend auf einem GitHub Repository unter einer Open Data Common License kostenlos bereitgestellt. Das Kalkül der Autoren hat sich bereits bewährt: Letztes Jahr hat das liberale Vorgehen dazu geführt, dass viele externe Data Scientisten und Daten Ingenieure sich über den Datenberg hergemacht haben und Dutzende von Auswertungen publiziert haben.

Demographischer Hintergrund

Im Vergleich zum Vorjahr hat die Anzahl der Teilnehmer um ein volles Drittel zugenommen, von 15.000 auf 20.000. Das ist für die Macher der Studie erfreulich, aber damit einhergehen auffällige Veränderungen. Zunächst hat sich der Anteil der Frauen unter den befragten Anfängern von 21 auf 19 Prozent verringert, was aber immer noch doppelt so viele sind wie bei anderen Studien. Die Teilnehmer sind durchschnittlich 28 Jahre alt und coden seit 21 Monaten. Das Positive ist also, dass man auch mit Ende zwanzig oder noch später damit anfangen kann, Programmieren zu lernen.

Die relative Anzahl der US-Amerikaner ist zwar von 38 auf 44 Prozent gesunken, allerdings ist sie insgesamt von 6.200 auf 6.900 angewachsen. Die zweitstärkste Gruppe kommt aus Indien mit zehn Prozent (neun Prozent im Vorjahr), gefolgt von Briten mit fünf Prozent (vier Prozent 2016). Gleichzeitig hat sich der Anteil von Englisch als Sprache des Elternhauses von 54 auf 46 Prozent verringert. Ungefähr 24 Prozent gehören einer ethnischen Minderheit in ihrem Land an. Unterm Strich kann sich freeCodeCamp also damit rühmen, eine wachsende und diverse Kundenschaft zu haben.

Bildungsniveau und andere soziale Faktoren

8 Prozent haben als Wehrpflichtige oder in anderen Formen beim Militär gedient. Die meisten New Coder haben bereits einen Universitätsabschluss: 54 Prozent der Befragten haben mindestens einen Bachelor (58 Prozent im Vorjahr). Viele sind in IT-Studiengängen, aber auch Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler lernen programmieren. Dafür mussten 23 Prozent einen Studienkredit aufnehmen, zudem haben elf Prozent ihre Immobilie mit einer Hypothek belastet.

Es bleibt dabei, die IT findet nicht auf dem Dorfe statt: 43 Prozent der Beragten leben in Großstädten mit über einer Million Einwohnern (2016: 41 Prozent), 23 Prozent in Kleinstädten mit weniger als 100.000 Einwohnern und 35 Prozent in den mittelgroßen Städten (36 Prozent). Die Urbanität bringt den entsprechenden Beziehungsstatus mit sich: Zwei von drei Befragten sind Single. Immerhin 15 Prozent haben jedoch Kinder zu versorgen (2016: 18 Prozent) und sechs Prozent unterstützen andere Familienangehörige wie Eltern und Großeltern.

Überqualifiziert, träumt vom Mittelstand

Die neue Umfrage liefert ein detaillierteres Bild über die angestrebten Entwicklerberufe, weil sich im Gegensatz zum Vorjahr mehrere Antwortmöglichkeiten auswählen lassen. 59 Prozent der Befragten wollen als Full-Stack-Entwickler tätig sein, 50 Prozent im Frontend-Bereich und 40 Prozent im Backend-Bereich. 33 Prozent möchten hingegen Mobile Developer, 24 Prozent Data Scientist und 21 Prozent UX-Designer werden. Zum ersten mal ist Game Designer eine eigene Kategorie, die auch gleich von 23 Prozent angekreuzt wurde. Ebenfalls hinzugekommen ist das prosperierende Tätigkeitsfeld der Security, welches 19 Prozent anstreben.

Konzerne kein Traumziel

Google und Co.? Von wegen! Großkonzerne sind nur für 13 Prozent der Wunscharbeitgeber. 22 Prozent würden lieber für einen mittelgroßen Betrieb arbeiten, 21 Prozent hingegen einen eigenen gründen, 19 Prozent träumen von der Selbstständigkeit und 16 Prozent würden am liebsten bei einem Start-up anfangen. Das Ideal von vielen Programmierern ist also auch über 30 Jahre nach Bill Gates und Steve Jobs immer noch zwischen Homeoffice und Garage angesiedelt.

Ein anderes Bild zeigt die faktische Beschäftigungslage der Befragten: Ca. zwei Drittel sind in irgendeiner Form beschäftigt. 52 Prozent sind tatsächlich in einem IT-Job (2016: 50 Prozent). Aber nur 25 Prozent üben einen richtigen Entwickler-Job aus (2016: 28 Prozent). Letztlich finden 44 Prozent der Befragten, dass sie überqualifiziert für ihren jetzigen Job sind (42 Prozent). 74 Prozent sind bereit, für einen neuen Job umzuziehen (77 Prozent). Auch der Pendlerstatus wurde erfragt und tatsächlich fahren 38 Prozent mindestens eine Stunde zur Arbeit. Zusammen mit den Verschuldungen lässt sich also sagen, dass viele angehende Programmierer_innen große Mühen auf sich nehmen, um ihren Traumjob zu erreichen.

Programmieren lernen – auf allen Kanälen

Die beliebtesten Ressourcen zum Coden sind, neben freeCodeCamp mit 72 Prozent, vor allem Stack Overflow mit 62 Prozent und W3Schools mit 54 Prozent. Codecademy kommt auf 53 Prozent und Mozilla’s Developer Network auf 35 Prozent, Udemy auf 29 Prozent und CSS Tricks auf 26 Prozent. Doch auch andere Medien als Blogs und Portale standen im Fokus der Umfrage.

Unter den Podcasts sind Code Newbie mit 24 Prozent und JavaScript Jabber 27 Prozent am beliebtesten. Insgesamt hat die Zahl der Podcast-Hörer unter den Befragten stark zugenommen, von 26 Prozent im Vorjahr auf 37 Prozent. Drei Viertel der Befragten schauen sich außerdem Videos an. Bei der Frage nach den beliebtesten YouTube-Channels vereint freeCodeCamp mit 46 Prozent die meisten Stimmen auf sich, gefolgt von Google Developers mit 27 Prozent und MIT Open Courseware mit 26 Prozent.

Ein weiteres Ziel der Befragung war es, die Rolle von Bootcamps und anderen Programmier-Seminaren zu untersuchen. Weniger als die Hälfte hat ein Bootcamp persönlich besucht und nur sechs Prozent waren in einem Intensiv-Camp. Allerdings waren 82 Prozent der Teilnehmer von Bootcamps zufrieden und würden die Erfahrung weiterempfehlen. 33 Prozent mussten sich jedoch Geld leihen, um daran teilzunehmen. Das hat sich häufig ausgezahlt, denn 58 Prozent der Teilnehmer von Bootcamps haben inzwischen einen Vollzeitjob als Entwickler.

Das Fazit und die Grenzen der Transparenz

Das Fazit der Autoren nach einer ersten Auswertung lautet, dass die selbstständige Einteilung von Ressourcen für das Erlernen von Programmieren extrem wichtig sind. Unausgesprochen bleibt, dass die Studie wissenschaftlich untermauern soll, dass Code-Camps eine sinnvolle Investition sind. Damit wird nicht die eigene Kundschaft durchleuchtet, sondern natürlich auch für die eigenen Angebote geworben, und wenn dieses Ergebnis von anderen Analysten bestätigt und in die Welt getragen wird, umso besser für freeCodeCamp.

So gut gemeint die transparente Open-Source-Studie es auch sein mag – Neutralität und Aussagekraft müssen kritisch hinterfragt werden, wenn alle gestellten Fragen mit „freeCodeCamp ist am besten“ beantwortet wurden. Schließlich soll Open-Source nicht nur einen Schein der Neutralität erzeugen, sondern sie auch Tatsächlich herstellen.

Das Problem zeigt sich ebenfalls in der Veränderung der Sozialstruktur der Teilnehmer: Wenn die Teilnehmer durchschnittlich ein Jahr älter geworden sind und inzwischen seit 21 Monaten statt seit elf Monaten coden, braucht es keinen Schein in Statistik, um daraus zu interpretieren, dass hier überwiegend ein sehr ähnliches Stammpublikum erneut befragt wurde. Das mag eine Planung des eigenen Angebotes für eben diese natürlich einfacher machen. Gleichzeitig sollte allerdings niemand mit allzu vielen neuen Erkenntnissen gegenüber letztem Jahr rechnen.

Weniger Fragen sind mehr

Außerdem vergeudet der Survey 2017 so manch eine Frage auf Privates und Nebensächliches. Es ist ein offenes Geheimnis, dass weniger Fragen zu mehr vollständig ausgefüllten Fragebögen führen. Man kann darüber streiten, welches Thema wichtig ist, aber die technischen und pädagogischen Aspekte sollten im Vordergrund bleiben und so konzise wie möglich erfragt werden. Die Frage, ob die Befragten beim Militär waren, wird erst dann wertvoll, wenn auch hinterfragt wird, ob damit Studium oder Code Camps finanziert wurden.

Anstatt also jedes Jahr einen ähnlichen Datensalat zuzubereiten, sollten zwischenzeitlich auch andere Möglichkeiten in Betracht gezogen werden: Aufwendige qualitative Interviews könnten genaue Rückschlüsse darüber liefern, wie genau ein junger Programmierer oder eine Programmiererinnen seinen/ihren Lebensweg dahin bestritten haben, was die größten Hindernisse waren und wo es noch hingehen soll. Oder auch, warum freeCodeCamp einen hohen Frauenanteil hat. Es steckt also noch viel Potenzial in dieser Sache, und es sollte zukünftig auch überlegt werden, ob, Open Source hin oder her, ein unabhängiges Portal nicht doch neutralere Ergebnisse liefert.

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Mats Autzen
Mats Autzen
Mats Autzen studiert Politische Theorie an der Goethe Universität Frankfurt am Main und arbeitet seit September 2016 als Werkstudent bei Software & Support Media. Vorher hat er Politikwissenschaft sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Aachen studiert.
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