Mylyn dreht den Spieß einfach um

Mylyn Project Lead Mik Kersten im Gespräch

Mit dem Eclipse Europa Release wurde auch die neue Version Mylyn 2.0 geliefert. Aber was genau hat sich seit Mylyn 1.0 getan? Wir haben die Gelegenheit genutzt, mit Mik Kersten, Project Lead von Mylyn, ein Gespräch zu führen und ihn zum aktuellen Stand des Projekts, den wichtigsten Neuerungen und den Visionen für die Zukunft von Mylyn zu befragen.

Eclipse Magazin: Mik, wie entstand die Idee für das Task-fokussierte Interface Mylyn? Hat sich die Nutzung von Eclipse seit der Veröffentlichung von Mylyn geändert?

Mik Kersten: Das Task-fokussierte Interface wurde aufgrund eines Mangelzustands entwickelt. Unsere Beobachtungsgabe ist wirklich eine der wertvollsten Ressourcen, die wir haben. Während sich die Leistung unserer Computer in den letzten Jahrzehnten drastisch erhöht hat und ebenso die Größe der Software-Systeme, mit denen wir arbeiten, ist unsere Fähigkeit, Informationen abzuarbeiten, jedoch die gleiche geblieben. Die aktuellen Benutzerschnittstellen-Technologien sind einfach nicht für die Datenmenge gerüstet, mit der wir heutzutage arbeiten.
Wechselt man von einem 20- auf einen 40-Zoll-Bildschirm, verdoppelt sich die Produktivität nicht einfach, da uns die herkömmlichen Entwicklungs-Werkzeuge viele unwesentliche Elemente der gesamten Systemstruktur zeigen. Nur eine geringe Teilmenge dieser Struktur ist für die Aufgabe, die wir gerade bewältigen müssen, wirklich relevant. Das Ergebnis ist, dass wir Zeit damit verschwenden, ständig die Informationen zu suchen, die wir für unsere Arbeit brauchen. Das Task-fokussierte Interface dreht den Spieß um und zeigt nur die Teile des Systems an, die für unsere Aufgabe relevant sind.

„Mylyn zeigt nur das an, was für unsere Aufgabe relevant ist.“

Die Offenheit und Erweiterbarkeit von Eclipse haben es möglich gemacht, diese neue Herangehensweise der Benutzerschnittstelle zu implementieren, ohne dass die Entwickler dabei ihre vorhandenen Werkzeuge aufgeben mussten. Ich bin sehr dankbar, dass die Eclipse-Plattform diese Art von Innovation zulässt und ich hoffe, dass ein Teil des kontinuierlichen Wachstums von Eclipse darauf zurückgeführt werden kann, dass dieses Task-fokussierte Interface eben nur für Eclipse verfügbar ist.

EM: Wohin geht die Mylyn-Reise? Welche neuen Funktionalitäten sind geplant?

Kersten: Wir verbessern kontinuierlich die Integration von Tasks und Kontexten in die Eclipse-Plattform und IDE. Für die aktuelle Mylyn-2.x-Version stand die Verbesserung der bestehenden Benutzerschnittstelle an, die Erstellung von Tasks sollte vereinfacht und die Fokussierungsmöglichkeiten für sehr lange Task-Listen sollten verbessert werden. Für Mylyn 3.0 haben wir einige weitere interessante Verbesserungen geplant, wie etwa eine Umgestaltung des Task-Editors und mehr Funktionalitäten für die Verwaltung von Task Repositories und lokalen Tasks. Eine weitere Änderung, die in Mylyn 3.0 einfließen wird über die ich mich sehr freue, liegt in der ersten wesentlichen Verbesserung des Task-Kontext-Modells und der Fokus-Unterstützung seit Mylyn 1.0. Die meisten Änderungen, die wir geplant haben, verfolgen das selbe Ziel: sicherzustellen, dass so wenig Klicks wie möglich nötig sind, um an die Informationen zu kommen, die man gerade für die Arbeit braucht.

EM: Wird es in den kommenden Eclipse Releases Änderungen in der API geben, sodass mehr Konfigurationsaspekte über Extension Points abgedeckt werden?

Kersten: Ja, Mylyn 3.0 (Ganymede) wird im Vergleich zu Mylyn 2.0 (Europa) einige Veränderungen in der API mit sich bringen, da die bisherigen APIs und Extension Points komplett überprüft werden. Eine große und interessante Herausforderung bei der Entwicklung der Mylyn APIs ist, dass wir uns in einem ganz neuen Gebiet befinden. Wir haben uns beim Wachstum der API bisher auf Integrator-Beiträge und unsere sich stetig entwickelnden Referenz-Implementierungen verlassen, wie etwa den Bugzilla-Konnektor und die Java-Bridge. Die API-Veränderungen zwischen den Versionen 1.0 und 2.0 haben es möglich gemacht, dass Integratoren eine Reihe von Konnektoren entwickelt haben, die auf der heutigen Liste mit Erweiterungen auf unserer Website zu finden sind. Die API-Änderungen in Version 3.0 werden es um einiges einfacher machen, Konnektoren zu entwickeln und neue Arten von Integration ermöglichen, welche die Ideen von Tasks und Kontext in unserem Arbeitsalltag sichtbarer machen werden.

„Version 3.0 wird die Entwicklung von Konnektoren vereinfachen und neue Arten der Integration ermöglichen.“

EM: Welche weiteren Funktionalitäten zur Kommunikation und Zusammenarbeit gibt es heute und welche weiteren sind für die Zukunft geplant?

Kersten: Das Ziel von Mylyn war immer, Eclipse-basierte Technologie zu entwickeln, welche die Zusammenarbeit über asynchrone Kommunikation und Tasks unterstützt. Für Entwickler, die mit Mylyn arbeiten, wird die Task-Liste zu einer „Next Generation Inbox“, mit der man die gesamte Programmierarbeit für den Tag koordinieren kann. Das Feature von Mylyn, welches das Fokussieren von Tasks einer laufenden Woche möglich macht, hat auch zum Vorteil, dass Informationsüberlastung viel einfacher bewältigt werden kann als in einem konventionellen E-Mail-Posteingang.
Diejenigen, die davon täglich Gebrauch machen, können bestätigen, dass diese Herangehensweise fantastisch gut funktionieren kann, wenn alle Mitarbeiter des Teams ein unterstütztes Task Repository benutzen. Allerdings kann das synchrone Zusammenarbeit nicht vollständig ersetzen und letztlich arbeitet vielleicht auch nicht jeder, mit dem man kommuniziert, mit Mylyn. Für die Zukunft ist geplant, eine bessere Integration von Mylyn mit anderen Kollaborationstechnologien zu gewährleisten. Beispielsweise haben wir kürzlich die Unterstützung des Imports und Exports sowie der Drag & Drop-Funktion verbessert, sodass ein Task in eine Skype-Unterhaltung eingefügt werden kann. Der Empfänger kann dann einfach den Task in seine Liste integrieren, inkl. des Kontextes und der Repository-Information. Außerdem experimentiert auch das Eclipse Communication Framework (ECF) gerade mit der Unterstützung asynchrone Zusammenarbeit über Tasks. In anderen Worten: Es wird eine bessere Interoperabilität zwischen Tasks und anderen Kollaborationstechnologien geben.

EM: Gibt es Deiner Meinung nach Situationen, wo die Nutzung von Mylyn keinen Sinn macht?

Kersten: Man kann mit Mylyn die Produktivität um einiges verbessern, aber es kommt auch darauf an, wie gut Mylyn mit anderen Tools, die genutzt werden, integriert ist. Die Größe des Systems, das entwickelt werden soll, spielt auch eine Rolle. Ist z.B. kein Mylyn-Konnektor für das verwendete Task Repository verfügbar, ist es nicht möglich von der der Task-fokussierten Zusammenarbeit zu profitieren. Wenn eine Programmiersprache benutzt wird, für die keine Mylyn-Bridge erhältlich ist, ist es nicht möglich Mylyns Vorteile hinsichtlich der Verringerung der Informationsüberlastung zu nutzen. Genau deshalb ist es im Mylyn-Projekt so wichtig, dem Eclipse-Ökosystem dabei zu helfen, die Anzahl an Konnektoren und Bridges zu erhöhen.
Abgesehen von den Fällen, bei denen es an der Integrierung scheitert, kann ich mir nur wenige Szenarien vorstellen, in denen die Nutzung von Mylyn keinen Sinn macht. Diese sind z.B. wenn man das verwendete System perfekt kennt, sodass gesuchte Klassen immer direkt geöffnet werden können, oder wenn man gar nicht mit anderen Entwicklern zusammenarbeiten muss. Diese Situationen sind aber eher die Ausnahme als die Regel, sonst wäre der Job eines Programmierers ja auch wenig dankbar und langweilig.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.