Auch an der Java-Community geht der Wandel nicht vorüber

Mut zur Offenheit: Microsoft, Open Source und die Java-Welt

Sebastian Meyen
© shutterstock.com/Callahan

Die Ankündigung Microsofts, wesentliche Teile ihrer .NET-Plattform zukünftig Open Source zu entwickeln und unter einer MIT-Lizenz zur Verfügung zu stellen, hat viele in der Software-Industrie überrascht. Weniger überraschend kam die Ankündigung indes für alle Microsoft-Insider, die gerne auf zuvor schon erfolgte Schritte der Redmonder in Richtung Open Source verweisen. Eine spannende Pointe: Die neue Version von .NET soll komplett modularisiert sein. Und was macht indes die Java-Welt? Sie träumt noch immer von Jigsaw. Ein Kommentar.

Seit einigen Tagen steht also der neue .NET Core, sozusagen die JVM der Microsoft-Welt, auf GitHub für alle im Quellcode zur Verfügung. Weitere zentrale Libraries gehören ebenfalls dazu, sodass ein vollwertiges .NET-Server-Framework für die Betriebssysteme Windows, Linux und Mac OSX vorliegt.

Es gibt dabei übrigens auch Teile, die bei der jüngsten Open-Source-Initiative Microsofts ausgenommen wurden – das sind die Windows-spezifischen UI-Libraries WPF und Windows Forms, die ja ohnehin für eine serverseitige Programmierplattform nicht benötigt werden.

Der Schritt ist konsequent und löste in der Microsoft-Entwicklercommunity nicht weniger als ein mittelschweres Beben aus – war man dort praktisch zwei Jahrzehnte in einer Art Komfortzone der eng verzahnten Microsoft-Technologien gut aufgehoben. Aber die Zeichen standen schon seit Längerem auf Änderung: Spätestens der Abgang von Steve Ballmer, dem zweiten CEO der Firma nach Gründer Bill Gates, machte deutlich, dass Redmond das Steuer herumreißen musste, um wieder Bedeutung in der Welt des modernen Softwareengineerings zu erlangen.

Warten auf die Module

Eine spannende Pointe für die Java-Community stellt dabei ein häufig nicht beachteter Aspekt der Meldung dar: Die neue Version von .NET soll komplett modularisiert, d. h. für jeden Entwickler nach Gusto in Teilen mit der eigenen Software auslieferbar sein (mittels der Paketmanager NuGet, Bower und NPM). Und was macht indes die Java-Welt? Sie träumt noch immer von Jigsaw (das mit Java 9 vermutlich erst im Jahr 2016 kommen wird).

Vom Stack zum Zoo

Wer Microsofts Bekenntnisse zu offener Software und offenen Märkten jetzt nicht ernst nimmt, dem ist nicht mehr zu helfen. Mit einem beeindruckenden Cloud-Angebot, das schon seit Langem viele Technologien (wie etwa Tomcat, Docker, Node.js, WordPress) jenseits des Microsoft-Gemüsegartens unterstützt, sowie einer Fülle an Open Source-Ankündigungen allein im Verlauf der vergangenen zwölf Monate beobachten wir derzeit einen Konzern im Wandel.

Dieser Wandel ist dringend notwendig und betrifft im Übrigen nicht nur die Microsoft-Welt! Kunden und Anwender fragen heute nicht nach Technologien, sondern nach Lösungen mit hohem Nutzwert. Wer in diesen Zeiten etwa auf die Limitierungen der einen Technologie oder die Vorteile der anderen Plattform verweist, ohne echten Nutzen präsentieren zu können, führt die falsche Debatte.

Im Übrigen sind auch Java-Entwickler heute gefordert, sich von lieb gewonnenen Gewohnheiten zu verabschieden. Anstatt Experte für einen Software-Stack zu sein, der den Anspruch hat, alle Probleme dieser Welt zu lösen, sollte man sich darauf einstellen, eher einen Zoo an unterschiedlichen Technologien zu beherrschen. Die Java-Welt bietet hier gewiss eine Fülle an Angeboten, aber sie ist eben nicht allein. So zeigte z. B. die eben zu Ende gegangene W-JAX, dass viele der gerade wichtigen Trends gerade nicht  auf Java basieren – etwa Docker, Angular.js oder ein Architekturkonzept wie etwa Microservices.

Was wir brauchen: Offenheit und Mut

Der Wandel ist nicht übersehbar, und Microsoft hat gerade einen bedeutenden Schritt in die richtige Richtung genommen, nicht zuletzt, um seine eigene Zukunft zu sichern. Der Wandel geht aber auch an uns nicht vorüber. Offenheit und Mut zu unorthodoxen Lösungen sollte für alle zum Geschäft gehören.

Aufmacherbild: Vintage tin sign – Open sign – Raster version von shutterstock.com / Urheberrecht: Callahan

Geschrieben von
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen ist Chefredakteur des Java Magazins sowie des Eclipse Magazins. Außerdem trägt er die Verantwortung für Programm und Konzept sämtlicher JAX-Konferenzen weltweit. Er begleitet so die Java-Community journalistisch schon fast seit ihren Anfängen. Bevor er zur Software & Support Media GmbH kam, studierte er Philosophie in Frankfurt.
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