Attention, Please: Modernes UX-Design, Teil 1

Mehr als nur ein schöner Look: So funktioniert modernes UX-Design

Felix van de Sand

© Shutterstock / 0beron

Erfolgreiche Produkte sind nicht nur funktional, sondern erfüllen auch im Hinblick auf die Nutzerfreundlichkeit ihren Zweck: Die User Experience muss stimmen. In unserer neuen Artikel-Serie „Modernes UX-Design“ erklärt Felix van de Sand, Managing Director und Co-Gründer von COBE, was User Experience eigentlich bedeutet und wie man sein Produkt praktisch bestmöglich auf den Nutzer und dessen Verwendung hin optimiert.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer

Für viele Anbieter von Websites und Apps ist eins längst klar: Das digitale Zeitalter wird bestimmt vom Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Egal, ob großer Konzern oder kleines Startup – wer erfolgreich sein will, kann sich diesem Kampf nicht entziehen. Der Gewinner ist derjenige, der nicht nur sporadisch die Aufmerksamkeit der Nutzer erreicht, sondern sie langfristig binden kann. Während früher ein provokanter Werbeslogan ausreichte, um Produkte verkaufen zu können, müssen Unternehmen für eine langfristige Bindung der Konsumenten heute tiefer in die Trickkiste greifen. Schließlich ist das massive Angebot an digitalen Produkten heute so groß, dass auch Funktionalität und Ästhetik längst Hygienefaktoren geworden sind.

Was also macht ein erfolgreiches Produkt tatsächlich aus? Wie können Unternehmen mit digitalen Produkten das „Battle for Attention“ für sich gewinnen? Die Antwort liegt im magischen Dreieck zwischen Nutzer, Produkt und Marke – und in der steigenden Bedeutung von UX-Design.

Die drei wichtigsten Zutaten für erfolgreiches UX-Design

1. User-centered Design: Der Nutzer steht im Mittelpunkt

In der digitalen Produktentwicklung ist er der ultimative Kampfbegriff der letzten Jahre: User-centered Design. Der Begriff beschreibt eine Herangehensweise, bei der die Bedürfnisse der Nutzer maßgeblich die Konzeption und den gesamten Prozess der Produktentwicklung bestimmen. So soll die Relevanz der Produkte und die Passfähigkeit ihrer Funktionen für die Zielgruppe sichergestellt werden.

Im Rahmen von Methoden wie Design Thinking werden Nutzer durch verschiedene Maßnahmen mit einbezogen. Frühzeitig werden Prototypen mit echten Nutzern getestet, sodass schnell klar wird, ob dem Nutzer das Produkt gefällt und er sich darin zurechtfindet. Aufbauend auf diesem frühen und direkten Feedback können bei der Entwicklung sofort entsprechende Anpassungen vorgenommen werden.

Auch wenn die frühzeitige Integration des Nutzers zunächst scheinbar kosten- und zeitintensiv ist – im Vergleich zu einem Produkt, das nicht von der Zielgruppe angenommen wird, kann viel Geld und Ärger gespart werden. Besonders durch Remote User Testings, die von Nutzern direkt Zuhause durchgeführt werden können, ist es mittlerweile möglich, alle denkbaren Zielgruppen mit einzubeziehen – auch wenn sich diese über die gesamte Welt verteilen oder unterschiedlichen Altersgruppen entstammen.

2. Pragmatische und ästhetische Qualität: Usability als neuer Hygienefaktor

Nutzer sind pingelig: Apps und Websites, die nicht sofort überzeugen können, sind für viele Anwender meist schnell aus dem Spiel. Deadlinks, lange Ladezeiten, aufwändige Anmeldeprozesse, unerwünschte Informationsflut und nervige Pop-up-Fenster, die den User-Flow unterbrechen, sind nur einige Beispiele für Ärgernisse, die den Nutzer schnell dazu bewegen, einem digitalen Produkt den Rücken zuzukehren. Technisch einwandfreie Funktionalität ist damit der erste Hygienefaktor, den es zu berücksichtigen gilt.

Ein zweiter wesentlicher Hygienefaktor ist die intuitive Bedienbarkeit: Nutzer haben keine Lust, sich lange durch ein Produkt zu klicken, um endlich das zu finden, was sie suchen. Eine große Fülle an Menüpunkten mit unverständlicher Beschreibung und vielen verschachtelten Unterseiten wirkt ebenso abschreckend wie lange und schwierig zu verstehende Texte. Der Mehrwert muss für den Nutzer innerhalb kürzester Zeit eindeutig ersichtlich sein.

Waren all diese Aspekte früher ein echter Erfolgsgarant, werden sie heute längst von Nutzern vorausgesetzt. Und auch die ästhetische Qualität ist heute für viele Nutzer nur noch ein reiner Hygienefaktor.  Ansprechende, modern gestaltete, digitale Produkte begeistern viele User – denn sie machen den Alltag schöner und verleihen dem Nutzererlebnis einen besonderen Charme. Und dennoch: Eine App, die optisch nicht ansprechend ist, können sich Unternehmen heute schlicht nicht mehr leisten, ohne dabei öffentlich in der Luft zerrissen zu werden.

3. Hedonische Qualität: Erlebbare Markenwerte sind der Schlüssel zur Nutzerbindung

Erfolgreiches UX-Design ist also mehr als nur eine gut funktionierende und ästhetische Benutzeroberfläche. Was langfristig erfolgreiche digitale Produkte ausmacht, ist vor allem die Geschichte, die sie erzählen. Diese macht die sogenannte hedonische Qualität eines Produktes aus. Erfolgreich sind digitale Produkte nur dann, wenn sie es schaffen, den Nutzer emotional zu berühren und im nächsten Schritt eine langlebige Beziehung mit ihm aufzubauen. Ein Produkt muss also eine “Seele” haben. Entsprechend ist die hedonische Qualität entscheidend für den nachhaltigen Erfolg einer App. Doch was bedeutet das?

Jedes Produkt löst bestimmte Assoziationen in uns aus: Helle Farben, zarte Linien und Schattenebenen verbinden wir etwa mit Leichtigkeit. Die Assoziationen, die in unserem Kopf hervorgerufen werden, lassen uns die Geschichte der App lesen. Clevere Unternehmen nutzen diesen neurowissenschaftlich überprüfbaren Effekt, indem sie bestimmte Designelemente als Codes einsetzen, hinter denen sich die Markenwerte eines Unternehmens verbergen. Diese werden dann von den Nutzern der Anwendung dekodiert. So wird die Marke erleb- und fühlbar. Wenn die User merken,  dass diese Werte mit ihren eigenen Werten und Motiven übereinstimmen, können sie sich mit dem Unternehmen identifizieren. So binden sich Nutzer schließlich langfristig an diejenigen Anwendungen sowie die zugehörige Marke, die mit ihrem Lebensstil und ihrer Denkweise zusammenpassen. Will eine Marke also demonstrieren, dass sie dynamisch ist, verwendet sie für ihr App-Design entsprechende Schriftarten, Formen, Farben und Transitions.

Wichtig ist dabei, dass diese Elemente nicht auf Basis freier Vermutung ausgewählt werden. Stattdessen sollte überprüft werden, welche mentalen Konzepte im Kopf des Nutzers entstehen, wenn er an Dynamik denkt und wie diese Konzepte in Designelemente übersetzt werden können. Das ruft wieder den User-centered Design-Ansatz auf die Agenda: Gezielter Research schafft Klarheit darüber, aus welchen Designelementen Nutzer tatsächlich „Dynamik“ herauslesen.

Fazit: Die Story zählt!

Ein guter Look reicht also längst nicht mehr aus, um am Markt erfolgreich zu sein. Daher hat Design heute nicht nur die Aufgabe, eine intuitiv bedienbare, ästhetische Nutzeroberfläche zu schaffen. Gutes UX-Design erzählt immer auch eine Geschichte, die die Markenwerte widerspiegeln sollte. Ein gutes Beispiel dafür ist Apple: Die großen Weißflächen und Abstände zwischen den einzelnen Elementen sollen Exklusivität signalisieren, die schwebenden Elemente, die wir auf jedem Apple-Banner beobachten, stehen für Erhabenheit. Übrigens: Auch die Apple Stores repräsentieren dieses Bild. Große freie Flächen, ein breiter Abstand zwischen den ausgestellten Geräten und eine persönliche Ansprache der Mitarbeiter bieten eine einheitliche Markenerfahrung.

Es geht also darum, die eigene Marke in alle Berührungspunkte mit dem Nutzer „hineinzubacken“. Indem diese Berührungspunkte die gleiche Geschichte erzählen, also mit den Werten der Marke übereinstimmen, wird sie für den Nutzer vertrauenswürdig. Ist die Story konsistent, spannend und glaubwürdig, fühlt sich der Nutzer mit ihr verbunden und macht die jeweilige App zu seinem neuen treuen Begleiter.

Verwandte Themen:

Geschrieben von
Felix van de Sand
Felix van de Sand
Felix van de Sand ist Managing Director und Co-Gründer von COBE. Mit der User-Experience-Identity-Methode hat die Digitalagentur einen eigenen, markengetriebenen Designansatz entwickelt, der regelmäßig mit wissenschaftlichen Partnern überprüft und erweitert wird. Auf dieser Basis entstanden bereits erfolgreiche digitale Produkte für Vodafone, Wirecard und MunichRe.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
4000
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: