Der Wandel in der Mobilfunkbranche beschleunigt sich

Mobile Welten: Die neue Weltordnung

Kay Glahn

Die Nachricht, dass Google Motorola übernimmt ist Mitte August wie eine Bombe eingeschlagen. Doch zurzeit tut sich noch viel mehr in der mobilen Welt: HP gibt WebOS auf und Steve Jobs tritt zurück. Die Umwälzungen, die mit einer 180-Gradwendung von Nokia begonnen haben, führen nun zu einer radikalen Konsolidierung der mobilen Plattformen.

Wenn man die aktuelle Situation in der mobilen Industrie mit der vor einem Jahr vergleicht, dann wird schnell klar, dass sich der Markt zurzeit in einem starken Umbruch befindet. Der lange erwartete Konsolidierungsprozess der mobilen Plattformen hat nun eingesetzt. Zurzeit verfolgt eine Schlagzeile die nächste und während sich einige Player mit allen Mitteln für die Zukunft wappnen, ziehen sich andere gleich ganz aus dem Markt zurück.

Nokia setzt auf Windows Phone

Angefangen hat alles im Februar dieses Jahres mit der Ankündigung von Nokia, dass man in Zukunft auf Windows Phone von Microsoft als wichtigste Plattform setzen wolle. Die Symbian Plattform, die bis vor kurzem Marktführer bei Smartphones war und immer noch an dritter Stelle nach Android und iOS liegt, soll eingestampft werden und auch Nokias Linux basierte MeeGo Plattform, die man noch vor kurzem mit Intel als Allerheilmittel angepriesen hatte, steht wohl bei Nokia vor dem Aus. Zurzeit schiebt Nokia noch hastig neue Symbian-Geräte mit der neuen Symbian-Version Belle auf den Markt, die laut Analysten-Meinungen problemlos mit iOS und Android mithalten könnten. Während man verspricht noch bis 2016 Updates für das System bereitzustellen, wurden die Symbian-Entwickler schon mal gekündigt und an den Outsourcing-Partner Accenture weitergereicht. Ähnlich triste sieht es bei MeeGo aus. Obwohl Nokia erst kürzlich in Singapur mit dem MeeGo basierten N9 das wohl beste Nokia-Handy aller Zeiten vorgestellt hat, wurde der Produktlaunch bisher immer wieder verschoben.

Abb. 1: Nokias Top-Smartphone N9 wird wohl hierzulande niemals den Markt erreichen (Quelle: Nokia).

Nachdem die Markteinführung jetzt für die wichtigen Märkte Deutschland, England, Japan, Kanada, Schweden und die USA ganz abgeblasen wurde, soll der Verkauf des Vorzeigegerätes laut Werbeanzeigen nun am 9. September in Kasachstan beginnen. Es sieht fast so aus, als wenn MeeGo und der ehemalige Hoffnungsträger N9 bereits abgeschrieben sind. Das Gerät wird also hierzulande wohl niemals auf den Markt kommen. Der Gedanke, dass es in abgewandelter Form mit dem Windows Phone Betriebssystem angeboten werden könnte, scheint gar nicht so abwegig. Böse Zungen bezeichnen Nokias neuen CEO Stephen Elop, der vorher für Microsoft tätig war, auch als Trojanisches Pferd, da er mit der Entscheidung für Windows Phone angeblich seinem ehemaligen Arbeitgeber in die Hände spiele. Nokia hat aber durch seinen Zickzackkurs in den letzten Jahren gezeigt, dass man mit eigenen Mitteln nicht in der Lage war eine langfristige Plattform-Strategie umzusetzen. Das Ziehen der Notbremse und die Partnerschaft mit Microsoft war wohl der einzige Ausweg aus dem Dilemma.

Google kauft Motorola

Den nächsten radikalen Einschnitt hat nun Google durch den Kauf der Mobilfunksparte von Motorola für rund 12,5 Milliarden US-Dollar gemacht. Nachdem die Android-Plattform unter massivem Druck durch Patentklagen vor allem von den Konkurrenten Apple und Microsoft stand und Google mit seinem schwachen Patentportfolio eine äußerst ungünstige Verhandlungsbasis hatte, hat man sich nun durch den Motorola-Deal mit einem Schlag über 18.000 Patente vor allem aus dem Mobilfunkbereich einverleibt. Dieser Schritt wurde von Geräteherstellern wie Samsung und HTC begrüßt, die schon lange auf eine Unterstützung bei den zahlreichen Rechtstreitigkeiten bezüglich der Android-Plattform gewartet haben. Doch ob sie damit langfristig Glücklich werden, ist eine ganz andere Frage. Der Deal sichert zwar vermutlich das Überleben der in der letzten Zeit von allen Seiten angegriffenen Android-Plattform, aber lässt Google nun auch gleichzeitig zum Gerätehersteller und somit zum Konkurrenten seiner eigenen Android-Lizenznehmer werden.

Abb. 2: Mit dem Kauf von Motorola wird Google selbst zum Smartphone-Hersteller (Quelle: Motorola).

Google will Motorola als eigenständiges Unternehmen weiterühren und versichert, alle Lizenznehmer gleich zu behandeln. Es gab auch bereits Gerüchte, dass das nächste Nexus-Gerät mit der kommenden Android Version mit der Bezeichnung Ice Cream Sandwich von LG hergestellt werden solle. Das war allerdings noch vor der Übernahme von Motorola. Google könnte allerdings durch diesen Schachzug beweisen, dass man Motorola tatsächlich keine Sonderbehandlung zukommen lässt. Theoretisch bestünde für Google auch die Möglichkeit, nur die Patente von Motorola einzubehalten und den Rest der Mobilfunksparte weiterzuverkaufen. Aus Googles Sicht macht es aber durchaus Sinn, selber Geräte herzustellen und damit genauso wie der Konkurrent Apple oder der Blackberry Hersteller RIM die Komplette Wertschöpfungskette abzudecken. Durch eigene Hardware könnte man langfristig auch das Fragmentierungsproblem von Android besser in den Griff bekommen. Der Kauf von Motorola durch Google hat nicht nur den Aktienkurs von Motorola in die Höhe getrieben, sondern Übernahmefantasien haben auch die Aktienkurse von RIM und Nokia zeitweise beflügelt.

WebOS vor dem Aus

Auch bei WebOS gibt es neues zu berichten. Nachdem HP erst letztes Jahr für rund 1,2 Milliarden US-Dollar den Smartphone Hersteller Palm übernommen hat. Hat HPs neuer CEO Leo Apotheker nun verkündet, dass man neben der Ausgliederung der PC-Sparte auch die Produktion von WebOS-Smartphones und Tablets einstellen werde. Der ehemalige CEO von SAP will HP radikal umbauen und dabei den Fokus stärker auf Software und Cloud-Dienste setzen. Obwohl HP noch Lizensierungsmöglichkeiten für WebOS prüft, werden zurzeit bestehende Bestände an Smartphones und Tablets verramscht. HPs ursprünglich 499 US-Dollar teures TouchPad war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, nachdem es in den US für 99 US-Dollar angeboten wurde.

Abb. 3: Die Restbestände des gerade erst gelaunchten iPhone-Konkurrenten HP Touchpad wurden zu spotpreisen verramscht. (Quelle: HP).

Die Website DigiTimes will allerdings erfahren haben, dass der Smartphone-Hersteller Samsung überlege, WebOS zu kaufen, um gegen Google und Apple anzutreten. Aus Samsungs Sicht würde das durchaus Sinn machen, denn nachdem man in der letzten Zeit verstärkt auf die Android-Plattform gesetzt hatte, ist nach der Übernahme von Motorola durch Google nicht wirklich klar, ob man sich bei Samsung auf Android verlassen kann oder ob man als direkter Konkurrent von Motorola im Smartphone-Geschäft nun von Google benachteiligt wird. Mit der eigenen Smartphone Plattform Bada, von der erst kürzlich die Version 2.0 vorgestellt wurde, hat man bei Samsung allerdings ein weiteres Eisen im Feuer. Was WebOS betrifft, so hätte Samsung nun allerdings eine recht gute Verhandlungsposition, nachdem HP hier bereits Fakten geschaffen hat. Die mehreren zehntausend WebOS Tablets und Smartphones, die durch den Ausverkauf an den Kunden gebracht wurden, würden einem möglichen neuen Besitzer von WebOS zusätzlich zugutekommen. Denn die Nutzer wären Potentielle WebOS App-Kunden.

Steve Jobs tritt zurück

Auch bei Apple gibt es eine einschneidende Veränderung. CEO Steve Jobs hat angekündigt, aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme den Chefposten aufzugeben. Sein Nachfolger wird Tim Cook. Obwohl oft befürchtet wurde, dass Apple ohne Steve Jobs nicht an seinen bisherigen Erfolg anknüpfen könne, sind diese Bedenken vermutlich nicht zutreffend. Dass Jobs sich früher oder später zurückziehen würde, ist seit langem bekannt und er hatte lange genug Zeit, das Unternehmen darauf vorzubereiten. So wird Cook beispielsweise mit einem Umfangreichen Aktienpaket belohnt, wenn er Apple mindestens 10 Jahre die Treue hält. Hierdurch wird weiterhin ein sehr vorausschauendes Handeln möglich, das in der Vergangenheit vermutlich Apples beste Waffe gegen die Konkurrenz war, die teilweise in regelmäßigen Abständen ihre Strategie ändert und CEOs am laufenden Band durchwechselt. Apple kann weiterhin sehr Erfolgreich sein, muss allerdings mit innovativen Produkten und Diensten dafür sorgen, dass sein Vorsprung vor Konkurrenten erhalten bleibt, die nun erkannt haben, dass man in der mobilen Welt am erfolgreichsten ist, wenn man wie Apple die gesamte Wertschöpfungskette inklusive App Store und Hardware kontrolliert.

Diesem Trend folgt auch Amazon. Laut Berichten der New York Post wird Amazon bereits Ende September oder Anfang Oktober ein eigenes Android-basiertes Tablet auf den Markt bringen und damit in Konkurrenz zu Apple treten. Während allerdings bei Apple die Inhalte den Verkauf der Geräte ankurbeln, wir Amazon wohl eher ein günstiges Tablet anbieten, um den Absatz von Inhalten wie E-Books, MP3s und Android Apps voranzutreiben.

Fazit

Dieses Jahr hat es bereits eine gewaltige Auslese im Bereich der mobilen Plattformen gegeben. Gestärkt aus den Umwälzungen gehen ganz klar iOS, Android und Windows Phone hervor. Der Trend scheint dahin zu gehen, nach dem Vorbild Apples die gesamte Wertschöpfungskette im mobilen Ökosystem abzudecken. Google ist mit dem Zukauf von Motorola auf gutem Wege dahin. Die Firma beschwichtigt zwar die anderen Gerätehersteller und beteuert Motorola nicht bevorzugen zu wollen, doch auch beim Xoom Tablet hat man das mit der Bereitstellung von Android 3.0 alias Honeycomb bereits getan. Ob Microsoft auch den Weg eines integrierten Anbieters gehen wird ist fraglich, denn damit würde man ebenfalls potentielle Lizenznehmer von Windows Phone vergraulen. Die intensive Partnerschaft mit Nokia könnte allerdings ein erstes Anzeichen dafür sein. Andere Hersteller wie Samsung oder HTC müssten sich dann eine neue Strategie überlegen. Ein möglicher Ausweg hierfür wäre der Kauf von WebOS. Vielleicht leben ja totgesagte tatsächlich länger.

Kay Glahn ist unabhängiger Technologieberater mit den Schwerpunkten mobile Applications und Services. Er berät internationale Kunden bei der Umsetzung von Projekten im Mobile-Bereich.
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Kay Glahn
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