Bezahlen per Smartphone

Mobile Payment: Die Zukunft des Bezahlens

Kay Glahn

© Shutterstock / Pressmaster

Obwohl Deutschland noch immer ein Bargeld-Land ist, tut sich im Moment wieder einiges im Bereich Mobile Payment. Der folgende Artikel soll einen Überblick über den aktuellen Stand des mobilen Bezahlens in Deutschland geben und aufzeigen, was wir in Zukunft in diesem Bereich an Innovationen erwarten können.

Der Begriff Mobile Payment tauchte in den letzten Jahren immer mal wieder auf. Doch was ist mit Mobile Payment eigentlich genau gemeint? Als Mobile Payment bezeichnet man mobile elektronische Techniken zur Initiierung, Autorisierung oder Realisierung von Zahlungen, etwa mittels Mobiltelefonen, Tablets oder Smartwatches. Hierbei verzichten Händler und Käufer sowohl auf Bargeld als auch auf herkömmliche Zahlungsmittel wie Girokarte oder Kreditkarte – zumindest in physischer Form. Auf diese Weise wird das Mitführen des Portemonnaies mit Bargeld oder Karten, zusätzlich zum Handy, überflüssig. Bei richtiger Umsetzung kann dadurch zum einen die Sicherheit erhöht und zum anderen die Geschwindigkeit des Bezahlvorgangs an der Kasse beschleunigt werden. Dennoch besteht, insbesondere bei Letzterem, bei einigen Diensten noch Optimierungsbedarf.

Nur Bares ist Wahres

Obwohl hierzulande das mobile Bezahlen angeblich immer wieder kurz vor dem Durchbruch steht, konnte es sich bisher nicht wirklich flächendeckend etablieren. Zwar kommen ständig neue mobile Bezahlverfahren auf den Markt, die als großer Durchbruch gefeiert werden, doch genauso schnell verschwinden diese Anbieter auch wieder. Hierzu zählen beispielsweise Anbieter wie Cringle, SEQR/Glase oder Yapital. Obwohl es ihnen gelang, eine relativ große Nutzerbasis aufzubauen und mit zahlreichen Partnern aus dem Einzelhandel zusammenzuarbeiten, sind sie wieder vom Markt verschwunden.

Der Umsatzanteil von Bargeld im stationären Handel schrumpft seit Jahren und lag 2018 laut einer EHI-Studie nur noch bei 50 Prozent des Gesamtumsatzes. Nichtsdestotrotz überwiegt in Deutschland immer noch die Zahlung per Bargeld. Lediglich 46,9 Prozent entfallen auf Kartenzahlungen, 2,5 Prozent auf Rechnungskauf und 0,6 Prozent auf sonstige Zahlungsarten wie Mobile Payment. Diese Tendenz bestätigt auch der Adyen Retail Report 2018, demzufolge lediglich fünf Prozent der Konsumenten in Deutschland schon einmal mit ihrem Smartphone im stationären Handel bezahlt haben. Dass die Deutschen so sehr an ihrem Bargeld hängen, liegt hauptsächlich an der Angst vor Datenmissbrauch und Betrug.  Auf der anderen Seite würden laut einer aktuellen YouGov-Erhebung 38 Prozent der Millennials in Deutschland beim Einkaufen gerne mobil bezahlen können. Damit ist die Bereitschaft der 18-34-Jährigen zum Bezahlen per Smartphone deutlich höher als bei der Gesamtbevölkerung, bei der sie lediglich 25 Prozent beträgt.

Ganz anders sieht es im Rest der Welt aus. Vorreiter im Mobile Payment ist China, wo die beiden chinesischen Mobile-Payment-Dienste Alipay und WeChat Pay jeweils rund eine Milliarde aktive Nutzer pro Monat aufweisen. Vom Supermarkt, über das Restaurant bis zum Straßenverkäufer, mobil bezahlen kann man überall. Dies geschieht üblicherweise durch einfaches Scannen eines QR-Codes mit dem Smartphone. Auch in vielen Entwicklungsländern, hauptsächlich in Afrika, sind Mobile Payment Dienste verbreiteter als in Deutschland. Ein Großteil der Bevölkerung verfügt dort über kein herkömmliches Bankkonto, weshalb Mobile-Payment-Dienste wie M-Pesa intensiv genutzt werden.

Die zwei Arten des mobile Payments

Grundsätzlich lässt sich Mobile Payment in zwei große Kategorien einteilen: Proximity Payments und Remote Payments. Beim Proximity Payment befinden sich beide Parteien – also der Käufer und der Verkäufer – bei der Transkation physikalisch am gleichen Ort. Die erforderliche Kommunikation, um den Bezahlvorgang abzuwickeln, geschieht somit direkt. Entweder per Near Field Communication (NFC), QR- oder Barcode oder über andere Funktechnologien wie beispielsweise Bluetooth Low Energy (BLE). Es gibt auch rein präsenzbasierte Ansätze, bei denen per Geo Location überprüft wird, ob sich die beiden Parteien geografisch am gleichen Ort befinden.

Beim Remote Payment hingegen, kann der Bezahlvorgang unabhängig vom Aufenthaltsort des Käufers abgewickelt werden. Hierbei wird entweder eine Netzwerkverbindung oder ein anderes Kommunikationsmedium wie SMS verwendet. Dieses Verfahren wird unter anderem im Mobile Banking, beim Bezahlen in einem Online Shop oder beim Peer-to-Peer Payment (P2P) eingesetzt. Sowohl beim Proximity als auch beim Remote Payment wird üblicherweise eine Mobile App genutzt, mit der der Bezahlvorgang gesteuert wird.

NFC, QR-Code oder MST

Für das Proximity Payment kommen unterschiedliche Technologien zum Einsatz, um mit dem Kassenterminal am sogenannten Point-of-Sales (POS) zu kommunizieren. Die zurzeit am häufigsten verwendete Technologie ist Near Field Communication (NFC). Diese Technologie wird auch beim kontaktlosen Bezahlen via Kreditkarte genutzt und ist inzwischen in vielen Kassenterminals verfügbar. Zum Teil sind Kassenterminals bereits mit der passenden Hardware ausgestattet, obwohl die Funktionalität noch nicht freigeschalten ist. Die Verbreitung nimmt aber stetig zu, was wiederum dem Mobile Payment zugutekommt. Hierbei muss der Nutzer nach Aktivierung in der App lediglich sein Smartphone, ohne weitere Berührung, an das Kassenterminal halten. Anschließend wird der Bezahlvorgang automatisch autorisiert. In den meisten Fällen ist dies in Deutschland bei Beträgen bis 25 Euro ohne Eingabe einer PIN am Kassenterminal möglich. Eine Reihe verschiedener Payment-Dienste, unter anderem Apple Pay und Google Pay, basieren auf dieser Technologie.

Doch welche Vorteile hat der Kunde nun, wenn er statt seiner Kreditkarte das Handy vor den Kartenleser hält? Zum einen geht man davon aus, dass der Käufer sein Handy verhältnismäßig häufiger mitführt als sein Portemonnaie. Durch eine virtuelle Kreditkarte auf dem Handy ist diese demnach öfter verfügbar. Zum anderen erhöht sich durch die Nutzung des NFC Payments via Handy die Sicherheit, da die NFC-Schnittstelle nur dann aktiviert ist, wenn der Nutzer sein Handy eingeschaltet oder es je nach Service per PIN oder biometrisch entsperrt hat. Zum anderen wird bei der Nutzung auf dem Handy, im Gegensatz zur physikalischen Karte, üblicherweise nicht die echte Kartennummer, sondern ein Token übertragen. Das Token dient als Platzhalter für die Kartennummer und wird erst wieder beim Anbieter in die echte Kartennummer übersetzt. Ein Abgreifen der Kartendaten durch Unbefugte wird dadurch also zusätzlich erschwert.

Ein Problem hat der Käufer nur dann, wenn das Kassenterminal kein NFC unterstützt, da das Handy nicht wie eine herkömmliche Kreditkarte durch das Terminal gezogen werden kann. Diesem Problem hat sich Samsung Pay angenommen. Die Verbreitung seines Bezahldienstes soll auch dort beschleunigt werden, wo überwiegend alte Kassenterminals vorhanden sind, die lediglich das Zahlen mit dem Magnetstreifen (Magstripe) unterstützten. Hierfür hat Samsung in neueren Smartphones eine spezielle Hardware integriert, die ein Magnetfeld aussendet, welches das Durchziehen einer Magnetkarte am Kassenterminal simuliert. Durch die sogenannte Magnetic Secure Transmission (MST), die ursprünglich von LoopPay entwickelt wurde, kann jedes herkömmliche Kassenterminal ohne Änderung der Software und Hardware für Mobile Payments eingesetzt werden. Auch die Tokenization der Kreditkartenummer ist hiermit möglich, wodurch die Sicherheit zusätzlich erhöht wird. Ein ähnliches Verfahren hat auch LG unter dem Namen Wireless Magnetic Communication (WMC) in seinen Bezahldienst LG Pay integriert. Beide Technologien sind allerdings für Europa weniger relevant, da hier die meisten Kassenterminals bereits NFC unterstützen.

Einen anderen Ansatz verfolgen die meisten Mobile-Payment-Dienste, die nicht auf einem der großen Kartenschemen wie Mastercard oder VISA basieren. Bei ihnen erfolgt die Kommunikation an der Kasse mittels Quick Response Code (QR-Code) oder teilweise auch mit einem einfachen Barcode. Hierbei scannt entweder der Käufer einen statischen oder dynamischen QR-Code des Händlers mit der Kamera seines Smartphones ab oder der Prozess erfolgt umgekehrt: Ein QR- oder Barcode, der durch die Mobile-Payment-App auf dem Display des Handys generiert wird, wird vom Händler mit Hilfe eines an der Kasse angeschlossenen Barcodescanners ausgelesen. Dienste, die ein solches Verfahren nutzen, sind beispielsweise PayBack Pay oder Bluecode sowie die beiden chinesischen Mobile-Payment-Dienste Alipay and WeChat Pay.

Wer bietet was?

Doch wer bietet nun eigentlich in Deutschland Mobile Payment Dienste an und wie lassen sich diese nutzen? Schon seit geraumer Zeit stellen einige Banken ihren Kunden NFC-basierte Mobile-Payment-Lösungen per eigener Apps bereit, die überwiegend auf PayPass von MasterCard basieren. Auch der Mobile-P2P-Payment-Provider SEQR, der später in Glase aufgegangen ist, hat seit Längerem einen NFC-Payment-Service in seine App integriert, der auch in Deutschland genutzt werden konnte. Bedauerlicherweise hat der Anbieter kürzlich den Betrieb eingestellt.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt WireCard mit seiner Boon App. Diese hat aber den entscheidenden Nachteil, das sie nur als Prepaid Karte genutzt werden kann und zudem mit einer monatlichen Gebühr zu Buche schlägt. Ein automatischer Bankeinzug, der über den Dienst bezahlten Beträge, ist bisher nicht verfügbar.

Apple Pay

Aber auch die großen internationalen Player wie Apple, Google und Samsung wollen natürlich im Mobile Payment Geschäft mitmischen. Während Apple Pay in den USA schon seit mehr als 4 Jahren verfügbar ist, kann der Dienst nun seit Dezember 2018 auch mit einigen deutschen Banken genutzt werden. Obwohl die Liste der unterstützten Banken noch recht überschaubar ist, haben für dieses Jahr eine ganze Reihe weiterer Banken ihre Zusammenarbeit mit Apple angekündigt. Das Zahlungssystem von Apple arbeitet ebenfalls mittels NFC, sowie über die dazugehörige Wallet App. Zahlungen sind zudem über die hauseigene Smartwatch Apple Watch möglich. Apple geht noch einen Schritt weiter und unterstützt neben Proximity Payments auch Remote Payments. Apple Pay kann genutzt werden, um Zahlungen in den dafür vorgesehenen Apps oder im Browser durchzuführen.

Google Pay

Auch Google Pay ist bereits seit 2015 im Einsatz, stand aber ursprünglich nur in den USA zur Verfügung. Seit Juni letzten Jahres ist der frühere, auch als Google Wallet bekannte Payment-Dienst, in Deutschland einsatzbereit. Hier kooperiert Google zurzeit mit der BW-Bank, der Comdirect Bank, der Commerzbank, N26, DKB und Revolut sowie den Finanzdienstleistern WireCard und VIMpay. Unterstützt werden in Deutschland bisher nur Karten von Mastercard und Visa. Seit September 2018 steht der Dienst auch in Deutschland mit Smartwatches mit Googles hauseigenem Betriebssystem Wear OS zur Verfügung. Inzwischen ermöglicht Google zudem die Bezahlung über den Bezahldienst PayPal. Hierbei bucht PayPal die Beträge über das hinterlegte Bankkonto per SEPA Lastschrift ab, sodass der Google-Pay-Dienst auf diesem Wege mit jedem deutschen Bankkonto verwendet werden kann, ohne dass die Bank explizit von Google unterstützt werden muss.

Samsung Pay

Auch Samsung bietet mit Samsung Pay einen vergleichbaren Payment Service an, der im August 2015 in Südkorea gestartet wurde. Wie bereits zuvor erwähnt, kann Samsung Pay den Bezahlvorgang – neben der kontaktlosen Zahlung über NFC -auch als emulierte Magnetstreifenzahlung abwickeln, sollte das Kassenterminal noch kein NFC unterstützen. Obwohl Samsung den Payment-Service zurzeit in einigen Ländern anbietet, ist er in Deutschland offiziell noch nicht verfügbar, da Samsung bisher mit keiner Bank in Deutschland kooperiert. Verfügt man über ein Samsung-Handy mit einer Firmware aus einem unterstützten Land sowie über eine ausländische Kreditkarte von einer unterstützen Bank, kann man diese in der App hinterlegen und den Dienst auch in Deutschland nutzen. Auch Samsung Pay lässt sich auf einer Smartwatch nutzen, zurzeit allerdings nur auf den hauseigenen Galaxy Gear Modellen mit einer passenden Firmware.

Um im Bereich Smartwatches in Sachen Mobile Payment mit Apple und Samsung mithalten zu können,
bieten nun auch Garmin und Fitbit mit Garmin Pay und Fitbit Pay einen entsprechenden Mobile-Payment-Services für ihre Fitnessuhren und Armbänder an. Diese basieren ebenfalls auf NFC und in ihnen lassen sich virtuelle Kreditkarten von den jeweiligen Partnerbanken hinterlegen.

Die Mobile Payment Dienste der großen Anbieter wie Apple und Google haben allerdings nicht den Anspruch, ein eigenständiges Produkt zu sein. Das mobile Bezahlen ist hier ein Feature, das bereits standardmäßig in Android oder iOS integriert ist. Ganz anders sieht es bei Drittanbietern aus, die versuchen, ihren Payment Service als Produkt zu etablieren. Dazu zählen hierzulande beispielsweise Payback Pay und Bluecode.

PayBack Pay

Payback bietet schon seit Jahren ein Treueprogramm an, bei dem es mit zahlreichen Einzelhändlern in Deutschland zusammenarbeitet. Traditionell hat man die Bonuspunkte durch Scannen einer PayBack-Karte an der Kasse erhalten. Schon seit geraumer Zeit ist das Sammeln von Bonuspunkten auch mit Hilfe der PayBack-App auf Android und iOS möglich. Diese App bietet seit Mitte 2016 dem Kunden auch die Möglichkeit, den kompletten Bezahlvorgang mit Hilfe von PayBack Pay abzuwickeln. Der Käufer hat so den Vorteil, nicht mehr zwei separate Karten – die PayBack-Karte und die Kreditkarte – an der Kasse vorzeigen zu müssen, sondern das Zahlen und das Sammeln der Treuepunkte in einem einzigen Vorgang zu erledigen. Hierfür muss der Kunde sich lediglich per PayBack registrieren und seine Bankverbindung in der App hinterlegen. Der Bezahlvorgang funktioniert dann meist durch das Vorzeigen des in der App dynamisch generierten QR-Codes oder alternativ per NFC, je nachdem, welche Technologie der jeweilige Händler unterstützt.

Bluecode

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das in Österreich entwickelte mobile Bezahlsystem Bluecode, das mittlerweile auch in Deutschland verfügbar ist. Während das System in Österreich schon bei einigen Händlern unterstützt wird, ist die Verbreitung in Deutschland überschaubar. Ebenso wie PayBack Pay ist auch Bluecode internationalen Playern wie Mastercard, Visa, Apple oder Google gegenüber unabhängig, da auch hier die Zahlungsabwicklung per Bankeinzug über die in der App hinterlegte Bankverbindung erfolgt. Im Gegensatz zu PayBack Pay arbeitet Bluecode allerdings ausschließlich mit klassischen Barcodes an Stelle von QR-Codes, die dynamisch in der App generiert werden und dann an der Kasse vom Handydisplay abgescannt werden.

Alipay und WeChat Pay

Weltweit sind die chinesischen Mobile-Payment-Dienste Alipay und WeChat Pay wohl die meistgenutzten mobilen Bezahlverfahren. Auch hierzulande bieten bereits einige Händler diese an, allerdings bisher vor allem für chinesische Touristen. Die meisten Deutschen können die Dienste bislang nur über Umwege nutzen, da die per QR-Code funktionierenden Bezahlverfahren eine chinesische Bankverbindung voraussetzen. Wer hierzulande nicht extra ein chinesisches Konto eröffnen will, kann sich zumindest bei WeChat Pay von einem anderen Nutzer per P2P Payment Geld überweisen lassen, das dann als Prepaid-Guthaben für Zahlungen am Kassenterminal zur Verfügung steht.

Auch die Einzelhändler sind dabei

Unabhängig von den Geräteherstellern und den spezialisierten Anbietern von Zahlungsdiensten, hat auch der deutsche Einzelhandel das Potential von Mobile Payment erkannt. Immer mehr Händler bieten inzwischen eine Zahlungsabwicklung über eine eigene App an. Hierzu gehören beispielsweise EDEKA, Marktkauf und Netto. Shell bietet über seine App mit Shell SmartPay ein bargeldloses Bezahlen der Tankrechnung per PayPal – direkt aus dem Auto heraus – an. Auch die Ketten McDonald, Starbucks und Vapiano erlauben über die hauseigenen Apps, die Restaurantrechnung per Smartphone zu begleichen. Oftmals kann man über die App zudem gleichzeitig am Bonusprogramm des jeweiligen Händlers teilnehmen oder kommt wie bei Starbucks nicht drumherum, eine Starbucks Card zu beantragen, da nur über diese ein Prepaid-Guthaben für Zahlungen mit der App aufgeladen werden kann.

Kryptowährungen als Zahlungsmittel

Obwohl der große Bitcoin-Hype aktuell erst einmal verflogen ist, ist das Thema Mobile Payment via Kryptowährung noch lange nicht vom Tisch. Das dezentrale Zahlungssystem ermöglicht Zahlungsabwicklungen unabhängig von großen Kartenanbietern wie VISA und MasterCard. Auch die Abhängigkeit zu den Geräteherstellern wird dadurch abgebaut. Ob sich Bitcoin oder eine andere Kryptowährung als Zahlungsmittel etablieren können, bleibt abzuwarten. Das größte Problem aus Sicht des Nutzers ist wohl die hohe Volatilität der Kryptowährungen. Abhilfe könnte eine Umrechnung in Echtzeit sowie eine Konvertierung in Fiatgeld (auf Händlerseite) direkt nach der Transaktion schaffen. Genau diesen Ansatz verfolgt seit Kurzem der größte Schweizer Online-Händler Digitec Galaxus. Er ermöglicht in seinem Online Shop das Bezahlen mit den Währungen Bitcoin, Bitcoin Cash ABC, Bitcoin Cash SV, Ethereum, Ripple, Binance Coin, Litecoin, TRON, NEO oder OmiseGO. Die Abwicklung der Zahlung erfolgt mit Hilfe des dänischen Startups Coinify, das die Kryptogeldzahlung annimmt und den Betrag in herkömmlicher Währung an den Händler überweist. Um dem Problem der hohen Volatilität bei Kryptowährungen aus dem Weg zu gehen, wird dem Käufer ein für 15 Minuten gültiger Wechselkurs errechnet, sobald er sich für die Zahlung per Kryptowährung entscheidet.

Auch hier ist wieder zu beobachten, dass im europäischen Ausland Bitcoins als Zahlungsmittel sehr viel verbreiteter sind als in Deutschland. Am Amsterdamer Flughafen Schiphol beispielsweise findet man Bitcoin-Geldautomaten, an denen Urlauber übrig gebliebene Euro-Banknoten in Bitcoins umtauschen können. Auch in Österreich gibt es etliche Geldautomaten, an denen sich Bitcoins kaufen und oft auch verkaufen lassen. In der Schweiz ist es noch komfortabler, dort kann man sogar an den meisten Fahrkartenautomaten der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) Schweizer Franken in Bitcoins tauschen.

Die Maschine zahlt selbst

Auch aus der Kombination von Mobile Payments und dem Internet of Things (IoT) ergeben sich interessante Anwendungsszenarien. Obwohl Amazon seinen Dash-Button, mit dem man per Knopfdruck einen vorkonfigurierten Artikel bestellen kann, zunächst in Deutschland nicht mehr anbietet, zeigt dieser Ansatz ganz deutlich, wo die Reise in Zukunft hingeht. Auch der Drucker, der selbständig seinen Toner nachbestellt oder der Kühlschrank, der automatisch aufgebrauchte Lebensmittel nachbestellt, sind Zukunftsszenarien, die schon bald zum Alltag gehören werden. Hierbei bekommt der Nutzer von dem eigentlichen Kauf und dem Bezahlvorgang gar nichts mehr mit, da dieser automatisiert im Hintergrund zwischen Maschinen stattfindet. Allerdings wurden hier, wie im Falle des Amazon Dash Buttons, auch schon Bedenken von Verbraucherschützern geäußert, dass der Käufer hierdurch die Kontrolle über die Einkäufe verliert. Doch wofür benötigt man noch einen Dash Button, wenn sich in Zukunft Alexa um alle Einkäufe kümmert?

Auch was die stationären Supermärkte betrifft, geht Amazon neue Wege. Bei Amazon Go bedient sich der Kunde im Supermarkt und verlässt diesen, ohne einen erkennbaren Bezahlvorgang. Schon beim Betreten des Supermarktes wird der Kunde über seine Amazon App mit Hilfe von Bluetooth oder NFC identifiziert und während seines Aufenthalts erkennt der intelligente Supermarkt automatisch, welche Artikel der Kunde aus dem Regal nimmt. Die Abrechnung erfolgt dann vollautomatisch über die bei Amazon hinterlegte Zahlungsart.

Shopping aus dem Auto

Einen interessanten Ansatz bietet ebenso der Zahlungsdienstleister Concardis zusammen mit dem Autozulieferer IAV über die Lösung Drive2Shop. Der Dienst gleicht während einer Autofahrt die Angebote lokaler Händler mit den Wünschen des Kunden ab, die vorab über den Dienst gesammelt oder per Spracheingabe auf der Fahrt erfasst werden. Die gewünschten Produkte werden dann automatisch bestellt und das Auto navigiert den Kunden direkt zum Händler, wo er die Ware an einem Drive-In-Schalter abholen kann. Wenn der Kunde eintrifft, ist der Einkauf bereits aus dem Fahrzeug heraus bezahlt.

Fazit

Obwohl die meisten Deutschen noch an ihrem Bargeld hängen, steigt auch hierzulande die Akzeptanz mobiler Bezahlsysteme stetig, vor allem bei der jüngeren Generation. Der Bargeldanteil im Einzelhandel sinkt zwar auch in Deutschland und ein geringer Anteil wird bereits durch Mobile Payments abgelöst, trotzdem besteht noch großer Informationsbedarf und zwar nicht nur bei den Verbrauchern, sondern auch bei den Händlern. Beide Gruppen verlieren nämlich aufgrund der vielen unterschiedlichen Mobile-Payment-Lösungen schnell den Überblick. Gerade für Mitarbeiter an der Kasse ist die Vielfalt an Bezahlverfahren eine echte Herausforderung. Aber auch für die Verantwortlichen im Unternehmen ist es oft schwierig, eine klare Strategie zu definieren, da die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Zielgruppen noch nicht wirklich klar sind.

Auch die Banken stehen vor einem Dilemma: Entweder müssen sie unter großem Aufwand eigene Mobile-Payment-Dienste entwickeln und anschließend mit in ihre Banking Apps integrieren – mit der Ungewissheit, ob diese vom Markt angenommen werden – oder sie arbeiten als Juniorpartner mit einem der großen Anbieter wie Apple oder Google zusammen. Das aber bedeutet, dass sie sich deren Bedingungen unterwerfen müssen und ein Stück weit den direkten Kontakt zum Kunden verlieren. Hinzukommt, dass viele Anbieter wie Google oder PayBack fleißig Daten über ihre Nutzer und deren Einkaufsgewohnheiten sammeln. Diese Daten hätte so manche Bank auch gerne selbst und der Kunde würde sie am liebsten gar nicht erst herausgeben, ist jedoch Dank der angebotenen Mehrwertleistungen und Treupunkte oft kompromissbereit.

Ein anderer Trend, der dem Thema Mobile Payment noch eine Kehrtwende bescheren könnte, ist die Verfügbarkeit von Instant Payments, also das Ausführen von SEPA-Überweisungen in Echtzeit, das von zunehmend mehr Banken auch in Deutschland unterstützt wird. Denn der Aufwand, der bisher beim Zahlen am Kassenterminal betrieben wird, basiert allein auf der Tatsache, dass Zahlungen nicht in Echtzeit durchgeführt werden können und man aus diesem Grund einen vertrauenswürdigen Dritten benötigt, der die Erfüllung der Zahlung garantiert. Instant Payments gepaart mit einer entsprechenden App würden dies überflüssig machen, da der Käufer den geschuldeten Betrag noch im Geschäft an den Händler überweist und dieser sofort überprüfen kann, ob er die Zahlung auch erhalten hat.

Bisher hatte Apple oft den richtigen Riecher, um meist nicht wirklich neue Technologien zum richtigen Zeitpunkt in den Markt einzuführen und ihnen damit zum Durchbruch zu verhelfen. Es wird sich zeigen, ob Apple dies auch mit Apple Pay in Deutschland gelingen kann. Doch auch der Ansatz der chinesischen Anbieter Alipay und WeChat Pay ist interessant, die ihre Dienste im Moment flächendeckend in Deutschland ausrollen – allerdings nur für die chinesische Kundschaft. Sobald der deutsche Kunde vom Mobile Payment überzeugt ist und auf den Trend aufspringen möchte, braucht man nur noch die angepassten Apps bereitzustellen, da die gesamte Infrastruktur bereits vorhanden ist.

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Geschrieben von
Kay Glahn
Kay Glahn
Kay Glahn ist unabhängiger Technologieberater mit den Schwerpunkten mobile Applications und Services. Er berät internationale Kunden bei der Umsetzung von Projekten im Mobile-Bereich.
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