Mensch versus Methode: Was Software-Entwicklung wirklich produktiv macht

Hartmut Schlosser
©Shutterstock/ Mmaxer

Software-Entwickler sind kreative Menschen. Ein Teil der Faszination des Berufes liegt zweifellos in dem Prozess, aus quasi Nichts ein ausgeklügeltes Etwas zu schaffen – ein „Programm“ -, mit dem sich Dinge in der Welt erledigen lassen. Und da Kreativität keine Grenzen kennt, macht sie auch nicht vor dem Wie dieses Schaffensprozesses halt – immer neue Sprachmittel und Methodologien sprießen deshalb aus dem Boden, mit denen die Software-Entwicklung besser werden soll.

Inwiefern uns diese methodologischen Erfindungen allerdings wirklich weiter bringen, d.h. im Software-Entwicklungsprozess produktiver machen, ist Gegenstand kontroverser Debatten. Ein durchaus negatives Fazit zieht Greg Jorgensen jetzt in seinem Blog „Why don’t software development methodologies work?„: Statt die Produktivitätsgewinne in immer neuen Moden zu suchen – Funktional, Objekt-orientiert, Agile, DevOps, Kanban, Scrum, Top-Down, Bottom-Up, TDD, RAD, Modular, Modell-basiert – liegen die wahren Faktoren für erfolgreiche Software-Entwicklung seiner Meinung nach ganz wo anders.

Mensch versus Methode

Hand auf’s Herz: War Ihr Team nach der Einführung agiler Methoden produktiver? Waren es wirklich die täglichen Standups und regelmäßigen Retrospektiven, die Sie vorangebracht haben? Vielleicht waren in Ihrem Team nicht alle gleich begeistert von Agile – manche sahen es als eine Art Religion, manche haben halbherzig mitgemacht?

Jorgensen findet Methodologien keineswegs per se schlecht. Doch könne man keiner Methodologie zuverlässig Erfolgsaussichten aussprechen. Somit lenkten auch die aktuellen methodischen Debatten von den wirklichen Erfolgsfaktoren ab – und diese sieht Jorgensen viel stärker in den persönlichen Charakteristika der Team-Mitglieder, der Zusammensetzung der Team-Struktur, dem Kommunikationsverhalten, der Motivation, der Freude am gemeinsamen Ziel.

Jorgensens Erfahrung wird durch eine Studie von 2003 untermauert. In People and methodologies in software development zieht Alistair Cockburn das Fazit, dass die menschlichen Faktoren die Grenze jeder Methodologie darstellen:

People’s characteristics, which vary from person to person and even from moment to moment, form a first-order driver of the team’s behavior and results. Such issues as how well they get along with each other and the fit (or misfit) of their personal characteristics with their job roles create significant, project-specific constraints on the methodology.

In dieser Argumentation sind Methoden sogar gefährlich, weil sie die Tendenz haben, die menschlichen Faktoren auszuklammern und Software-Entwicklung zu einem reinen Ingenieurs-Beruf zu machen. Laut Jorgensen werden Methodologien zudem allzu leicht verabsolutiert, was zu Ungleichgewichten innerhalb eines Teams führen kann:

Once a programming team has adopted a methodology it’s almost inevitable that a few members of the team, or maybe just one bully, will demand strict adherence and turn it into a religion. The resulting passive-aggression kills productivity faster than any methodology or technology decision.

Was macht Erfolg aus?

Wenn die These stimmt, dass Dinge wie eine gute Team-Zusammensetzung, Motivation, Kommunikation, etc. jeder Methode vorausgehen, verwundert es, wie vergleichsweise wenig Energie in diese Faktoren investiert wird. Laut Jorgensen sind es Schlüsselpersonen innerhalb eines Teams, die eine gemeinsame Vision haben und so etwas wie eine „konzeptuelle Integrität“ entwickeln, die den Unterschied ausmachen.

Software development projects succeed when the key people on the team share a common vision […]. This doesn’t arise from any particular methodology, and can happen in the absence of anything resembling a process. I know the feeling working on a team where everyone clicks and things just get done. What I don’t understand is why I had that feeling a lot more in the bad old days of BDUF and business analysts than I do now.

Vielleicht haben auch Sie schon in produktiven Teams gearbeitet? Was hat Ihr Team zu einem wirklich guten Software-Entwicklungs-Team gemacht?

Aufmacherbild: 3d illustration of human head with gear wheels inside von Shutterstock / Urheberrecht: Mmaxer

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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