Mobile Welten

MeeGo: Konkurrenz für Android?

Kay Glahn

Mit MeeGo haben Intel und Nokia ihre Kräfte im mobilen Linux-Bereich gebündelt und das nächste Betriebssystem für Smartphones und Co. ins Rennen geschickt. Wir wollen uns genauer anschauen, was es mit MeeGo auf sich hat und wie es sich gegenüber Googles Android positioniert. Bisher haben sowohl Intel als auch Nokia mit Moblin und Maemo ihre eignen mobilen Linux-Derivate gepflegt, die sich bisher nur mit mäßigem Erfolg etablieren konnten.

Im Februar haben beide Firmen dann in einer gemeinsamen Pressekonferenz auf dem Mobile World Congress in Barcelona angekündigt, dass man seine mobilen Linux-Aktivitäten zusammenlegen werde und das neue System künftig MeeGo heißen soll. Das Projekt, das bei der Linux Foundation angesiedelt ist, ist ein auf Linux basierendes, quelloffenes Betriebssystem, das in Smartphones, Tablet PCs, Netbooks, netzwerkfähige TV-Geräten und in der Automobilindustrie Einsatz finden soll. Alle Zielplattformen teilen sich dabei einen gemeinsamen Kern, der jeweils um einen passenden User Interface Layer (UX) für jede Geräteklasse erweitert wird. Bei MeeGo handelt es sich um ein Multiplattformprojekt, das die Architekturen x86/Intel-Atom und ARM unterstützt. Die Übertragung auf andere Hardwareplattformen soll ebenfalls jederzeit möglich sein.

Linux mit Qt

Was die Anwendungsentwicklung für die MeeGo-Plattform betrifft, so ist der übliche Weg die Entwicklung in C++ mithilfe des MeeGo SDKs, das auf Qt 4.6.2 basiert. Wichtiger Bestandteil des SDKs ist unter anderem Nokias Qt Creator, der das Erstellen von User Interfaces per Drag and Drop wesentlich vereinfacht. Mit der Übernahme der norwegischen Firma Trolltech vor gut zwei Jahren hat Nokia die Cross-Plattform-Entwicklungsumgebung Qt eingekauft. Obwohl der offizielle Weg für den Entwickler über Qt führt, ist unter anderem auch die Entwicklung von GTK-Applikationen möglich.

Genauso wie Googles Android setzt das System auf einer Linux-Basis auf und ist von Anfang an für Touchscreens, Multitasking und Multimedia entwickelt worden. Künftig soll MeeGo bei Nokia in den High-End Smartphones zum Einsatz kommen, während die Mittelklassehandys weiterhin mit Symbian betrieben werden. Existierende Moblin- und Maemo-Anwendungen sollen ohne größeren Aufwand auf MeeGo laufen. Intel hat mit Moblin vor allem seine ausgefeilten Bedienkonzepte und zahlreiche neue Features, die in den Linux-Core eingeflossen sind, bereitgestellt. Nokia hat durch Maemo besonders durch die Qt-Schnittstellen und -Tools wie den Qt Creator zum Erfolg des MeeGo-Projekts beigetragen. Die aktuell verfügbaren MeeGo-Images eignen sich für das Nokia N900, für Intel-basierte Netbooks mit Atomprozessor und für die künftige mobile Intel-Plattform mit dem Codenamen „Moorestown“. MeeGo 1.1 ist seit Ende Oktober verfügbar.

Das mobile Betriebssystem MeeGo wird eine Schlüsselrolle beim Bestreben von Nokia spielen, sich wieder besser im Premium-Segment des Handymarkts zu positionieren, ließ der Vorstand des finnischen Herstellers Anssi Vanjoki gegenüber dem Wall Street Journal verlauten. Nokia setzt somit bei seinen High-End Smartphones aus dem Multimediabereich voll auf MeeGo und verzichtet im Vergleich zu vielen anderen Handyherstellern konsequent auf Googles Android. Laut Nokia werden alle Smartphones der N-Serie nach dem Nokia N8 unter MeeGo laufen. Das N8 werde somit das einzige Gerät der N-Serie mit Symbian 3 bleiben, aber wahrscheinlich werde es in Zukunft auch Smartphones der N-Serie mit Symbian 4 geben.

Ähnlichkeiten mit Android

Im Vergleich zu Android zeichnen sich auf den ersten Blick eine Reihe von Parallelen ab. So basieren beide Systeme auf einem modifizierten Linux-Kernel, der speziell für den Einsatz auf mobilen Endgeräten optimiert ist. Auch wenn man die Middleware der beiden System Stacks betrachtet, so erkennt man schnell zahlreiche Ähnlichkeiten zwischen den Android Libraries mit ihrem Hardware Abstraction Layer und den MeeGo-Servicekomponenten. In vielen Fällen, zum Beispiel dem WebKit Browser, dem Bluetooth Connectivity Manager oder der OpenGL-Unterstützung, kommen sogar exakt die gleichen Komponenten zum Einsatz. Wesentlich größer werden die Unterschiede, wenn man sich den Runtime Layer beider Systeme genauer anschaut, denn sie stellen zwei sehr unterschiedliche Applikationsplattformen bereit. Bei Android werden die Applikationen in Java entwickelt und dann nach der Konvertierung in ein proprietäres Format auf der Dalvik Virtual Maschine ausgeführt. Lediglich zur Performanzsteigerung können Teile der Applikation mithilfe des Native Developemnt Kits (NDK) in C++ entwickelt werden. Die Dalvik VM bleibt jedoch die zentrale Laufzeitumgebung für alle Android-Applikationen. Beim MeeGo-Betriebssystem hingegen stellt Nokias Qt-Plattform, bei der Applikationen mithilfe des Qt Creators und in C++ entwickelt werden, die zentrale Anwendungsplattform dar. Einzige Gemeinsamkeit bei der Anwendungsentwicklung sind die browserbasierten Applikationen, die mithilfe von HTML und JavaScript entwickelt werden.

Was die Verteilung von Anwendungen angeht, so bietet Google mit dem Android Market einen Appstore an, der inzwischen über mehr als 50 000 Anwendungen verfügt. Doch auch MeeGo-Entwickler können mithilfe geeigneter Verkaufskanäle wie dem Nokia Ovi Store und dem Intel AppUp Center ihre Anwendungen unters Volk bringen. Und Intel versucht sogar mit dem „Intel Atom Developer Program Million Dollar Development Fund“ ähnlich wie Google-Entwicklern die Plattform schmackhaft zu machen.

Während auch bei Android über die Open Handset Alliance (OHA) verschiedene Firmen zu Android beitragen, so wird die Release Timeline und der Inhalt doch vollständig von Google kontrolliert. Obwohl bei MeeGo Intel und Nokia eine entscheidende Rolle spielen, schreibt man sich hier trotzdem mehr Offenheit auf die Fahnen und hat das Projekt bei der Linux Foundation untergebracht.

Android wurde ursprünglich von Google als reines Smartphone-Betriebssystem konzipiert, inzwischen werden aber von den verschiedensten Herstellern angepasste Varianten im Bereich Tablet PCs, Netbooks, TVs und in der Automobilibranche eingesetzt. Diese Zielplattformen werden allerdings bisher bis auf die Google-TV-Plattform von Google nicht offiziell unterstützt. Bei MeeGo versucht man von Anfang an eine breite Palette von Zielplattformen zu definieren. Auch wichtige Firmen der Automobilindustrie haben sich in der GENIVI Alliance zusammengeschlossen, um eine einheitliche und offene Plattform für In-Vehicle-Infotainment-(IVI-)Anwendungen auf Basis von MeeGo zu schaffen.

Fazit

Mit Intel und Nokia versuchen zwei mächtige Player ein neues mobiles Betriebssystem im Markt zu etablieren. Bei Intel steht hier vermutlich vor allem im Vordergrund, ein offenes System für die hauseigene Atomplattform zu schaffen, die in Konkurrenz zur im Moment den Smartphone-Markt dominierenden ARM-Plattform steht. Nokia hat sich von Anfang an gegen Android entschieden und versucht nun, seine Linux-Aktivitäten mit einem starken Partner zu bündeln und ein Gegengewicht zum ebenfalls Linux-basierten Android zu schaffen. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob sich Nokia hierdurch nicht selbst kannibalisiert und das ebenfalls offene Smartphone-Betriebssystem Symbian darunter leidet. Obwohl Android und MeeGo viele Gemeinsamkeiten haben, unterscheiden sie sich wesentlich in der Anwendungsplattform. Hier heißt die Devise Java gegen C++, Dalvik VM gegen nativen Qt-Code. Android hat den entscheidenden Vorteil, dass viele Gerätehersteller das System unterstützen und bereits entsprechende Geräte anbieten oder zumindest angekündigt haben. Intel und Nokia haben hier noch relativ wenig vorzuweisen. Aber es bleibt abzuwarten, ob sie neue Partner unter Herstellern von Smartphones, Tablet PCs und in der Automobilindustrie gewinnen können. Auf jeden Fall ist das mobile Ecosystem wieder um eine wichtige Plattform reicher geworden, die durchaus nicht zu vernachlässigen ist.

Kay Glahn ist unabhängiger IT-Berater mit den Schwerpunkten mobile Applications und Services. Er berät internationale Kunden bei der Umsetzung von Projekten im Mobile-Bereich.
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Kay Glahn
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