Wie agile Praktiken die Energie zum Sprudeln bringen

"Man sollte täglich im Büro spielen!"

Spielerische Elemente sind integraler Bestandteil vieler agiler Methoden. Wer spielt und Spaß bei der Arbeit hat, ist nicht nur zufriedener sondern oft auch kreativer und produktiver. Insofern sind agile Praktiken näher am Menschen als andere Management-Praktiken – sagt Christiane Philipps von Daily Deal GmbH, die diese Erkenntnis in ihrer interaktiver Session „Retrospektiven – Wider die Macht der Verdrängung“ auf demAgile Day der JAX 2010 erlebbar machen wird. Vorab erklärt Sie im Gespräch mit JAXenter, warum regelmäßige Retrospektiven nicht nur zu den wichtigsten agilen Vorgehensweisen zu zählen sind, sondern auch Spaß machen!

JAXenter: Hallo Frau Philipps! Weshalb macht es Ihnen Spaß, sich mit agilen Praktiken zu beschäftigen?

Christiane Philipps: Weil agile Praktiken näher am Menschen sind als alles andere im Pr

ojektmanagement- und Softwareentwicklungsbereich, was ich bisher kennengelernt habe. Es wird nicht verleugnet, dass Projekte von Menschen gemacht werden und von diesen beeinflusst, sondern dieser Aspekt wird in den Mittelpunkt gestellt.

JAXenter: Agile Vorgehensweisen lassen sich zum großen Teil ja fast spielerisch einführen. Läuft man bei diesen spielerischen Elementen nicht Gefahr, dass vieles von den Teammitgliedern eben NUR als Spiel wahrgenommen, sprich: nicht ernst genug genommen wird?

Christiane Philipps: Nein, das ist nicht meine Erfahrung, eher im Gegenteil: Ich bin überzeugt davon, dass spielerische Elemente, Spaß im Arbeitsalltag immer noch zu kurz kommen. Oft gilt noch das Vorurteil: Was Spiel und Spaß ist, kann nicht gleichzeitig gute, solide Arbeit sein. Das ist meiner Meinung nach völlig falsch. Spiel bedeutet Kreativität, Energie, oft auch Wettbewerb, Höchstleistung. Was wir mit Spaß tun, gelingt uns leichter und schneller. Es gibt uns Energie und wir geben unsere Energie mit Freuden in das Arbeitsergebnis hinein.

Unternehmen wie Google haben das Prinzip des Spielens erkannt und fest in ihre Arbeitsumgebung integriert: Ich habe mir die Google-Büros in Seattle und Zürich ansehen können und hatte manchmal den Eindruck, ich befände mich in einem Kindergarten – doch die Arbeitsresultate von Google sprechen für sich. Das Feature des Flugmodus von Google Earth ist ein gutes Beispiel: Es sei, so sagte man mir in Zürich, kein geplantes Feature gewesen, sondern im Rahmen der 20%-Regelung (die Google-Mitarbeiter können 20% ihrer Arbeitszeit für eigene, oftmals spielerische Projekte ohne Vorgabe ihres Arbeitgebers verwenden. Das kann der Versuch sein, einen Teleporter zu bauen wie auch eben dieses Flugmodus-Feature).

Ich glaube sogar, dass das Gegenteil Ihrer Annahme der Fall ist: Gerade nach der Einführung agiler Methoden kommt normalerweise doch die ein oder andere Schwierigkeit im Arbeitsalltag auf. Um die Energie, die die Umstellung auf Agile mitgebracht hat, nicht verpuffen zu lassen, sollte man sich im Alltag noch viel mehr wirklicher Spiele bedienen: sowohl um die Motivation der Mitarbeiter zu steigern als auch um Prinzipien agiler Arbeitsweisen anhand von Spielen zu verdeutlichen.

Mir fällt ein Beispiel aus meiner eigenen Arbeit ein: An einem Tag, der von allgemeiner Lustlosigkeit geprägt war, brachte jemand von uns, der für einen Vortrag ein Spiel einüben musste, 20 Tennisbälle mit und suchte ein Dutzend Freiwillige. Mit Mühe ließen sich diese finden, da eigentlich jeder gerade „ernsthafte“ Arbeit zu tun hatte. Das Spiel dauerte mit Erklärung nur ca. 10 Minuten, aber während dieser 10 Minuten geschah ein völliger Wandel in der Gruppe: Müde Leute wurden plötzlich munter, Gesichter und Augen fingen an zu leuchten, die ganze Gruppe sprudelte vor Energie. Es wurde viel gelacht und plötzlich waren wir wieder ein Team. Diese Energie konnten wir danach mit in unsere Alltagsarbeit hinein nehmen. Und ganz nebenbei habe ich damals anhand dieses Spiels die Bedeutung von Retrospektiven begriffen.

Man sollte täglich im Büro spielen!

JAXenter: Wie kann man erreichen, dass der Übergang zu agilen Vorgehensweisen nicht als von außen aufgedrängt wahrgenommen wird?

Christiane Philipps: Man kann Menschen meiner Meinung nach nicht zur Agilität zwingen. Dann finden sie immer Gründe, warum Agile nicht klappt. Man kann nur Einzelne und Gruppen mit dem agilen Virus infizieren und ihnen sagen: „Probiert es selbst aus!“, sie dabei unterstützen und für Fragen zur Verfügung stehen. Ich glaube, am wichtigsten ist es, anderen die Geisteshaltung hinter Agile nahe zu bringen. Techniken kann jeder lernen, aber ohne eine Veränderung in der Einstellung werden agile Techniken nicht oder nur eingeschränkt zielführend sein. Das führt dann zu Frustration. Wollen wir wirklich agile Teams, geht die Arbeit im Kopf los, nicht mit dem Backlog.

JAXenter: „Wider die Macht der Verdrängung“ heißt Ihre Session auf dem Agile Day der JAX 2010, in der Sie die Technik der „Retrospektive“ näher beleuchten. Was bringt es, regelmäßig zurückzuschauen?

Christiane Philipps: Retrospektiven sind wichtig und werden doch allgemein gerne unterschätzt. Deborah Hartmann-Preuß hat auf den XP Days 2009 gesagt: „Dürftest Du nur eine agile Technik verwenden – wähle Retrospektiven“. Und sie hat in meinen Augen Recht. Ein riesiger Vorteil agiler Herangehensweisen sind kurze, regelmäßige Iterationen. So hat man die Chance, auf einen überschaubaren Zeitraum zurückzublicken und hat das, was gut und schlecht lief, noch sehr genau vor Augen.

Um als Team ein wirkliches Learning zu erreichen, muss man allerdings die positiven und negativen Punkte auch benennen. Nicht benannte Lernerfahrungen gehen im Alltagsstress wieder unter.

Eine Retrospektive ist ein Bewusstmachungsprozess. Das tut manchmal, bei schlechten Sprints, weh. Die Versuchung ist groß, den Finger nicht auch noch in die Wunde zu legen. Nach meiner Erfahrung wird gerade dann sehr gerne auf eine Retrospektive verzichtet, entweder weil Team-Mitglieder negative Kritik an ihrer Person fürchten oder weil es ihnen unangenehm ist, welche an anderen anzubringen. Doch gerade im diesem Moment ist es wichtig, zurückzuschauen und zu analysieren – und mit diesem Wissen nach vorne zu gehen. Umso bedeutsamer ist es, auf eine gute Team-Kultur zu achten, in der Kritik konstruktiv formuliert wird und auch Raum für Fehler sein darf. Die Retrospektive muss vom Team als geschützter Raum empfunden werden, in dem Dinge ausgesprochen werden können.

Mit meinem jetzigen Team machen wir Wochensprints und am Ende jedes Sprints eine Retrospektive. Wir fragen uns „Was ist gut gelaufen?“ und „Was können wir besser machen?“. Die Formulierung ist mir wichtig, denn auch wenn die Betrachtung eines schlecht verlaufenen Sprints nicht unbedingt angenehm ist, so muss trotzdem der Fokus auf Verbesserung und Lernerfahrung liegen, nicht darauf, dass alles schlecht war.

Jeder aus unserem Team schreibt seine Erfahrungen auf einen großen Bogen Papier und wir lassen diesen mindestens eine Woche an der Wand im Teamraum hängen, denn wir wollen die Lernerfahrung in den nächsten Sprint hinübernehmen.

JAXenter: Ihre Session ist ja Teil des interaktiven Tracks des Agile Day. Mit welchen interaktiven Elementen wollen Sie Agilität erlebbar machen?

Christiane Philipps: Das sei noch nicht verraten – ich schätze neben Interaktivität auch Spontaneität, das eine sollte durch das andere belebt werden. Wenn ich vorher eine Agenda veröffentliche, wird es nicht mehr spontan.

Nur soviel dazu: Auch ich als Session-Leiter werde agil und daher iterativ vorgehen und meinen Plan der Wirklichkeit, die ich in meiner Session vorfinde, anpassen.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Gespräch!

Christiane Philipps ist IT & Quality Assurance Manager mit starkem Fokus auf Agile und Agile Leadership. Seit über 10 Jahren arbeitet sie fest und als Consultant für und mit Web-Unternehmen, seit Januar 2010 als Chief Technology Officer (CTO) beiDailyDeal.de, dem deutschen Start-Up im Bereich Couponing und Social Live Shopping. Davor war sie Head of Quality Assurance bei den VZ Netzwerken. Ihr Blog findet sich aufwww.bitsandcolors.de
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