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Interview mit Sebastian Faulhaber

„Man sollte auf Standards setzen und nicht für jede Applikation ein Silo aufbauen“

Kypriani Sinaris
Sebastian Faulhaber

Sebastian Faulhaber

Auch wenn es iOS, Android und Co. nun schon seit einigen Jahren gibt, der Markt ist immer noch unübersichtlich und wenig standardisiert. Die Entwicklung von mobilen Applikationen und die sichere Anbindung an die Enterprise-IT stellen viele Organisationen immer noch vor große Herausforderungen. Dennoch lohnt sich der Aufwand. Die Kombination von mobilen Ansätzen mit Business Process Management verspricht noch schnellere und effizientere Prozesse im Unternehmen. Wir haben JAX Speaker Sebastian Faulhaber im Interview gefragt, wie Standardisierung und Automatisierung in diesem Modell gemanagt werden können und wie konkrete Use Cases aussehen können.

JAXenter: Du hast in deiner Session auf der JAX 2016 über schnellere und effizientere Prozesse mit Mobile und BPM gesprochen. Eine schwierige Frage zuerst: Welche Herausforderungen kann es da geben, sowohl für die Unternehmen als auch für die Entwickler?

Sebastian Faulhaber: Mobile ist zur Zeit ein Thema, das für viele Unternehmen spannend ist. Denken wir zurück: Ich habe mein erstes iPhone 2008 gekauft als ich in den USA im Urlaub war. Der gesamte Markt ist vor etwa 8 Jahren entstanden, wir haben also extrem wenige Standards. Das macht es natürlich für viele Unternehmen zu einer riesen Herausforderung, Mobile mit existierenden Technologien wie BPM im Unternehmen effizient einzusetzen. Ein Thema wäre z. B. Security, wo man im Mobile-Kontext einfach komplett umdenken muss.

Du kannst gar nicht mehr so stark kontrollieren, was deine Anwender mit deiner Mobile-Applikation machen.

Wenn du dir vorstellst, dass bisher in der traditionellen Welt eigentlich alles im eigenen Daten-Center stattgefunden hat, dann ist es heute dagegen so, dass viel im Mobile-Bereich – auf dem Handy – funktioniert. Du kannst also gar nicht mehr so stark kontrollieren, was deine Anwender mit deiner Mobile-Applikation machen. Ob sie eine bestimmte Version haben, ob sie einen bestimmten Security-Fix installiert haben – die Sicherheit, das ist eins der zentralen Themen.

JAXenter: Du spricht es selbst schon an, Standardisierung ist ein großer Faktor – es gibt viele Entscheidungen, die man auf dem Weg treffen muss. Macht man beispielsweise eine native App oder macht man eine Cross-Plattform-App? Was ist deine Meinung dazu?

Sebastian Faulhaber: Im Kontext von Standardisierung ist die Frontend-Entwicklung sicherlich ein wichtiger Bestandteil, bei dem sich Unternehmen überlegen müssen, was für einen besonderen Use-Case sie haben. Ob das ein Use-Case ist, der eine native App erfordert, ob er die ganzen Funktionen braucht, die auf einem iPhone- oder Android-Handy vorhanden sind. Wenn man jetzt in Richtung Spiele denkt, dann ist das sicherlich ein Use-Case, bei dem man über native Entwicklung nachdenken muss. Aber wenn wir uns jetzt in die andere Richtung orientieren, z. B. in Richtung der Versicherungen oder Banken, wo es ja eher darum geht, leichtgewichtige Benutzerdialoge oder Applikationen bereitzustellen, die eher auf Benutzerinteraktion aus sind und weniger die ganzen Device-spezifischen Funktionen nutzen, dann kommen eher Themen wie Apache Cordova ins Spiel. Mit diesem Framework entwickelt man ein Mal Code und kann damit dann für verschiedene Plattformen bauen. Das heißt, die Unternehmen haben nur einmal den Entwicklungsaufwand und können die Applikation hybrid – also auf verschiedenen Betriebssystemen – ausrollen. Das ist wirklich ein extrem spannendes Thema.

JAXenter: Welche Bereiche betrifft die Standardisierung noch?

Die Praxis ist heutzutage, dass jedes Projekt ein Silo ist und jeder das Rad am Ende des Tages neu erfindet. Aus Architekten-Sicht muss ich natürlich sagen: So soll es nicht sein!

Sebastian Faulhaber: Neben der eigentlichen UI ist das Thema Standardisierung wichtig, wenn wir uns anschauen, wie Unternehmen denn heutzutage mobile Apps entwickeln. Ich persönlich habe einmal in einer Werbeagentur/Webagentur gearbeitet und wir hatten über uns im Unternehmen eine Marketing-Agentur, die wirklich hübsche Bildchen gemacht haben. Und wenn du dir anschaust, wie die meisten Mobile-Projekte zustande gekommen sind, dann ist das so, dass die Marketingabteilungen in Unternehmen das Budget genau an solche Agenturen gegeben haben. Und du kannst dir vorstellen, die kümmern sich nicht um IT-Standards und um die Technik dahinter, damit die Applikation wirklich sicher im Unternehmen integriert wird. Die Praxis ist heutzutage, dass jedes Projekt ein Silo ist und jeder das Rad am Ende des Tages neu erfindet. Aus IT-/Architekten-Sicht muss ich natürlich sagen: So soll es nicht sein! Wir wollen ja eigentlich Standarddienste haben, die über alle Mobile-Applikation hinweg weiter verwendet oder wiederverwendet werden. Das ist bei der Standardisierung eigentlich der wichtige Punkt: So eine zentrale Plattform zu schaffen, auf die Mobile-Applikationen zugreifen.

JAXenter: Sichwort Automatisierung: Wie kann die Mobile-Komponente die Automatisierung beeinflussen?

Sebastian Faulhaber: Automatisierung ist natürlich auch, wenn wir den Bogen von Standards spannen, ein ganz wichtiger Punkt. Denn in der IT wollen wir vor allem Standards haben, wir wollen automatisierte Prozesse haben und wenn du dir anschaust, wie es in der klassischen Java-Welt ist, dann ist es so, dass wir da schon seit Jahren Buildserver haben und automatisiertes Deployment machen können. In der Mobile-Welt sieht das alles ein bisschen anders aus. Zum Beispiel: Wie kann man eine iOS-App bauen? Was braucht man dafür? Du brauchst Mac-Hardware dafür. Es kommen zwar immer mehr Macs in Unternehmen, aber im Server-Bereich ist es schon eine große Herausforderung, ja. Das heißt, für deine Mac-App brauchst du diese Mac-Hardware, für Windows Phone eine andere, d.h. es ist schwierig, einen automatisierten Build-Prozess darüber zu legen. Es ist wirklich eine Herausforderung, es so anzugehen, dass es im Unternehmen auch umsetzbar ist.

Ein weiterer Punkt ist das Deployment oder die Provisionierung von mobilen Apps. Da geht es darum: Wie verteilt man die Apps? Also ein Kanal ist sicherlich der Appstore von Apple oder der Google Play Store. Im Unternehmensbereich wird’s auch immer wichtiger, sich mit Mobile-Device-Management-Plattformen zu integrieren. Diese Plattformen bieten einen eigenen App-Store, der dann wirklich für die Unternehmens-Apps da ist, denn du willst ja nicht, dass dein Mitarbeiter die Apps von überall her kriegt, sondern er muss sie ja aus einer vertrauenswürdigen Quelle kriegen. Das heißt, wenn es in Richtung Automatisierung geht, müssen wir auch die Integration in diesen Drittsoftware-Plattformen anschauen und da müssen Unternehmen Prozesse implementieren um das hinzukriegen. Und das ist wirklich eine große Herausforderung.

JAXenter: Jetzt mal zu konkreten Beispielen. Wie integriert ihr die Mobile-Komponente in euren Enterprise-Prozessen? Wie kann das konkret aussehen?

Die Idee ist genau diese: Prozessfehler, die Aktivität des Fehlerbehebens, in Richtung des Kunden zu verlagern.

Sebastian Faulhaber: Dazu möchte ich dir ein kurzes Beispiel geben. Ich bin ja jetzt bei Red Hat und war vorher lange Jahre bei der BPM in Beratungsprojekten tätig und wir haben uns insbesondere bei vielen Versicherungskunden mit dem Thema Automatisierung beschäftigt. Wir haben da das sogenannte Konzept von der Versicherungsfabrik umgesetzt, d. h. dass man in der Mitte Prozesse hat, die mithilfe von BPM-Werkzeugen durchoptimiert werden, mit dem Ziel, am Ende des Tages die Arbeit der Sachbearbeiter an den Fällen möglichst zu minimieren, möglichst schnell zu sein und natürlich auch Kosten zu sparen. Wenn du dir jetzt das konkrete Beispiel anschaust:
Du reichst bei einer Krankenversicherung Belege ein, weil du dein Geld wieder haben möchtest. Dann ist es in der Praxis häufig so, dass beim Erkennen dieser Belege Fehler passieren, Zahlen sind z. B. nicht deutlich genug geschrieben oder die Vertragsnummer wurde vergessen und die Versicherung kann es nicht zuordnen. Bisher ist es so, dass das in der Regel häufig von Sachbearbeitern übernommen wird. Und die Idee an der Stelle ist genau diese: Prozessfehler, genau diese Aktivität des Fehlerbehebens, in Richtung des Kunden zu verlagern. Stell dir vor, der Kunde würde dann auf seiner mobile App eine Push-Notification kriegen: „Hier, kannst du dir das mal anschauen, wir sind uns nicht ganz sicher, bist du das wirklich?“ oder „Ist das dein Fall?“ oder „Was ist denn hier das Problem?“ Die Arbeit, die bisher in den Versicherungen stattfindet, wird so nicht nur in Richtung des Kunden verlagert, der Kunde hat natürlich den Vorteil, dass alles schneller geht.

Ein anderer Fall, den wir häufig bei Versicherungen sehen, ist der Wunsch, die Prozesse und das Unternehmen näher an den Kunden zu bringen. Häufig ist es so, dass du noch eine E-Mail oder einen Brief schreiben oder anrufen musst, um bestimmte Dinge einzusehen oder zu ändern. Da ist die Idee einfach, diese ganzen Prozesse in die Hand des Anwenders zu legen/auf das Mobiltelefon zu bringen, damit du deine Verträge anschauen und Fragen stellen kannst und direkt einen Ansprechpartner bekommst – vielleicht sogar chatten kannst. Das führt zu mehr Transparenz: „Was passiert denn momentan mit meinen Fällen, mit den Arztbelegen, die ich eingereicht habe?“ Das bringt Versicherungen zu einer komplett neuen Prozessqualität und das ist das gewisse Etwas, weswegen du dich vielleicht zukünftig für eine andere Versicherung entscheidest.

JAXenter: Was würdest du Entwicklern in diesem Zusammenhang gerne mit auf den Weg geben?

Der Markt ist noch sehr heterogen, sehr variabel.

Sebastian Faulhaber: Also das Wichtige ist: Die Potentiale sind wirklich groß. Der Markt ist noch sehr heterogen, sehr variabel. Meine Empfehlung ist da wirklich, auf Standards zu setzen, dass man also in der Mitte eine Art Plattform implementiert und nicht für jede Applikation ein Silo aufbaut. Man sollte es so machen, wie man es auch schon in der Java-Welt macht, nämlich mit einem zentralisierten Management, zentralisierten Diensten, Wiederverwendung – um da nicht in Chaos zu verfallen.

JAXenter: Vielen Dank!

Weitere Informationen zu dem Thema finden Sie auf dem Blog von Sebastian Faulhaber, hier hat er einen Post zu dem Thema „Faster and more efficient processes by combining BPM and Mobile“ verfasst. 

Sebastian Faulhaber

Sebastian Faulhaber

Sebastian hat über acht Jahre als technischer Berater mit den Schwerpunkten Business Integration und Business Process Management (BPM) bei IBM gearbeitet. In den letzten Jahren seiner Tätigkeit war er an mehreren erfolgreichen BPM-Transformationsprojekten für große Unternehmenskunden aus der Versicherungsbranche tätig. 2013 stieß Sebastian als Solution Architect zu Red Hat. In seiner neuen Rolle setzt er seine umfassende Praxiserfahrung ein, um Kunden bei der erfolgreichen Implementierung der Open-Source-Technologie von Red Hat zu unterstützen.

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Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris studierte Kognitive Linguistik an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie Redakteurin bei JAXenter und dem Java Magazin.
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