„Man gewinnt, indem man loslässt“

EM: Wie siehst du in diesem Zusammenhang die klassischen Java-Editionen?

Milinkovich: Java ist natürlich eine wichtige Plattform, Sun hat aber einen großen Fehler begangen: Es wurde bereits in den Anfangstagen von Java entschieden, dass die Versionen ME, SE und EE unterschiedliche Komponentenmodelle haben sollten. Das war eine ganz bewusste Entscheidung und ist nicht einfach zufällig so passiert. Und es war definitiv die falsche Entscheidung. Bei Java wurde die Chance verpasst, eine klare Architektur zu schaffen, so wie es bei Eclipse der Fall ist.
Manchmal hört man jedoch den Vorwurf, dass Eclipse mit seinen über 70 Projekten zu kompliziert sei. JCP umfasst jedoch soweit ich weiß auch über 340 Projekte, das macht die Java-Plattform also auch unheimlich komplex. Die einzigartige Idee von Eclipse, sich auf die OSGi-Standards zu verlassen, wurde ja getroffen, bevor es die Eclipse Foundation überhaupt gab. Die technische Entscheidung erfolgte Ende 2003 und Eclipse 3.0 wurde im Juni 2004 geliefert. Diese Entscheidung hat seit diesem Zeitpunk einen großen Einfluss auf den Erfolg von Eclipse.

EM: Ricco, welche Rolle spielt die Eclipse Foundation für euer Unternehmen? Wurden auch andere Organisationen in Betracht gezogen, bevor ihr euch für Open Source enschieden habt?

Deutscher: Die Deutsche Post hat sich aus strategischen Gründen dafür entschieden, ihr SOA-Framework mit der Hilfe von Sopera als Open Source weiter zu entwickeln. Die Zielsetzung der Post war dabei, langfristig eigene Entwicklungskosten zu reduzieren, Innovation und Standardisierung der Plattform voranzutreiben und diese zu einem Teil eines wachsenden Technology Stacks zu machen. Um das zu erreichen, standen drei Möglichkeiten zur Diskussion: Entweder eine eigene Community aufzubauen, uns der Apache Community oder der Eclipse Community anzuschließen.
Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Möglichkeit, eine eigene Community aufzubauen, so wird schnell klar, dass das quasi unmöglich ist. Apache wäre ein guter Kandidat gewesen, mit dem man die Kosten hätte reduzieren und den Innovationsfaktor steigern können, und es wäre möglich gewesen, ein Standard unter dem Dach von Apache zu werden. Aber die Apache Foundation ist aus unserer Sicht nicht in der Lage, einen Stack zu kreieren, weil sie nicht über die notwendigen Governance-Strukturen verfügt.
Genau das Gegenteil ist bei Eclipse und der Eclipse Foundation der Fall. Die Governance-Strukturen der Community ermöglichen uns, einen großen Schritt in Richtung eines Open Source Technology Stack zu gehen. Daher fiel die Entscheidung ganz klar für Eclipse.
Zusätzlich war OSGi auch ein technologischer Grund, der den Ausschlag für Eclipse gab. Wir dachten, wenn wir OSGi wirksam einsetzen, könnten am Markt zwei Technologie-Standards vereint werden: JBI (Java Business Integration) und SCA (Service Component Architecture), die in der Vergangenheit als konträr betrachtet wurden, was sie aber gar nicht sind. Eines unserer expliziten Ziele mit dem Swordfish-Projekt ist ja auch die Unterstützung beider Standards. OSGi ist demnach sehr wichtig für dieses Projekt.

EM: Wie willst du erreichen, dass sich die User eingebunden fühlen und dass sie feststellen, dass Sie sich einbringen und die Technologie vorantreiben können?

Deutscher: Das ist vor allem eine Kommunikationsaufgabe: Zum einen sprechen wir mit vielen Entscheidungsträgern aus der Industrie, welche die Plattform in den Unternehmen einsetzen wollen. Zum anderen bauen wir Netzwerke zu Entwicklern auf, z.B. auf Konferenzen wie der JAX und in den Gremien der Community. Dabei bauen wir auf ein sehr wirksames Prinzip: nämlich darauf, dass sich Wissen vermehrt, wenn man es teilt.

Milinkovich: Umso offener man ist, umso mehr kann man Gespräche über ein Thema erzeugen. Das zwingt einen wirklich, offen und transparent zu arbeiten und das hilft auch, ein Projekt der Community und den Entwicklern näher zu bringen. Die Entwickler müssen sehen, dass die Zeit, die sie in Gesprächen mit dem Projekt-Team verbringen, zu positiven Ergebnissen führt. Das kann z.B. eine Antwort auf eine Frage sein oder die Lösung eines Bugs oder die Nutzung eines Patches oder Ähnliches. Umso mehr man involviert ist, desto mehr trägt man automatisch bei. Daran erkennt man ein erfolgreiches Projekt.

EM: Mike, welches sind die nächsten Ziele der Eclipse Foundation?

Milinkovich: Zunächst möchte ich daran erinnern, dass Eclipse kein Unternehmen ist, denn ich habe immer den Eindruck, dass es so verstanden wird. Wenn ich gefragt werde, was unsere Strategie ist, antworte ich immer „Keine Ahnung, es kommt darauf an, welche du gerne hättest.“ Wir sind eben eine Community und die Strategie ist eine Sammlung aller Dinge, die innerhalb der Community vor sich gehen. Man darf mich also nicht mit dem CEO eines Software-Unternehmens vergleichen, das bin ich nämlich nicht. Ich bin der Executive Director einer Assoziation vieler Unternehmen, die natürlich in ihrem eigenen Interesse handeln aber auch als Gemeinschaft etwas sehr Neues und Interessantes machen. Es steht also eine ganz andere Dynamik dahinter.
Was ich in der Eclipse Foundation machen kann, ist, Technologiebereiche zu erkennen, in denen wir gerne mehr Bewegung sehen würden und Initiativen nachgehen, bei denen ich hoffe, dass sich mit unserer Unterstützung vielleicht mehr erreichen lässt. In diesem Sinne hoffe ich, dass wir es schaffen, mehr Anwendungs-Frameworks einzubringen und mehr User-Organisationen aus anderen Branchen zu involvieren, damit sie mit Eclipse arbeiten. Initiativen wie das Open Healthcare Project und die Open Financial Market Platform sind dahingehend wirklich vielversprechend.
Es ist natürlich toll für Eclipse, dass sich in anderen Branchen etwas tut, aber es zeigt eben vor allem, dass über den Tellerrand der reinen IT hinaus immer mehr User-Organisationen den Open-Source-Gedanken annehmen. Wenn die User Organisationen erst mal wirklich verstehen, dass sie durch Open Source an Einfluss gewinnen können, indem sie ihre Ressourcen und sich selbst einbringen, bin ich mir sicher, dass es zu einem Wendepunkt in der Software-Industrie kommen wird und die gesamte Beziehung zwischen Anbieter und Käufer sich vollkommen verändern wird. Das ist wirklich eine aufregende Entwicklung, aber ich denke, dass es noch etwas Zeit braucht, vielleicht fünf oder zehn Jahre. Aber man kann jetzt schon erkennen, dass große, konservative Unternehmen in diese Richtung gehen. Wenn sie einmal Geschmack daran gefunden haben, wird sich eine komplett neue Industrie entwickeln.

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