„Man gewinnt, indem man loslässt“

Deutscher: Heute wird Software entweder vom Unternehmen selbst entwickelt, entsprechend der jeweiligen Bedürfnisse, oder die Software wird gekauft. Durch Open Source wird eine dritte Möglichkeit eröffnet, die die Software-Industrie fundamental verändert. Um ehrlich zu sein, auch ich glaube daran, dass Open Source in Zukunft ein sehr erfolgreiches Modell sein wird. Daher ist es wichtig, dass wir diese Möglichkeit vorantreiben und die Vorteile für alle verdeutlichen.

Milinkovich: Es ist leider kein Spaziergang, diese Vorteile zu vermitteln. Open Source wird manchmal einfach konsumiert, weil es kostenlos ist, aber die Möglichkeiten werden im Endeffekt nicht wirklich genutzt. Um wirklich erfolgreich zu sein und zu begreifen, was ich hier unter einer „Wende“ verstehe, muss das Motto „selber entwickeln, kaufen oder zusammenarbeiten“ lauten.

EM: Was muss die Eclipse Foundation im Zusammenhang mit Anwendungs-Frameworks, die auf die Eclipse-Technologie basieren, lernen, um Branchen außerhalb der IT ansprechen zu können?

Milinkovich: Anwendungsentwickler und Produktentwickler sind schon historisch gesehen unterschiedlich. Der typische Anwendungsentwickler fokussiert in der Regel darauf, eine bestimmte Aufgabe zu erledigen, bevor er sich der nächsten Anwendung widmet. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, aber normalerweise läuft es so ab, dass er seine Anwendung fertig stellen will und sich dann an die nächste setzt. Der Produktentwickler auf der anderen Seite weiß, dass er den Code für eine lange Zeit braucht und sie werden einem anderen, rigoroseren Entwicklungsprozess folgen, der mehr auf wieder verwendbare Builds und Management abzielt. Das ist eine andere Kultur und es sind andere Fähigkeiten gefragt. Das haben wir in unserem Projekt im Bereich des Gesundheitswesens, OHF, festgestellt. Die Leute kamen zu Eclipse und sahen sich die Prozesse an und stellten fest, dass die Entwickler CVS verwenden, wieder verwendbare Builds und Bugzilla, um jede kleinste Veränderung nachzutracken usw.
Entwickler, die von großen Produktentwicklungs-Unternehmen kommen, sind wiederum erfreut darüber, dass nur ein einziges Bug-System und ein Source-Code-Management-System genutzt wird und es wieder verwendbare Builds gibt. Das ist viel einfacher als das, was sie tagtäglich in ihrem Unternehmen sehen und dieser kulturelle Unterschied ist deutlich zu erkennen. Das sind die Unterschiede, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, aber wir wollen auf jeden Fall, dass sich diese Business-orientierten Entwickler in Eclipse willkommen fühlen und sicherstellen, dass sie mit Eclipse Erfolg haben. Es wird Zeit und Kraft kosten, aber es motiviert auch zu sehen, dass die User bislang Gefallen daran finden.

EM: Was kann die Software-Industrie im Allgemeinen vom Phänomen Eclipse lernen?

Milinkovich: Dass man gewinnt, indem man loslässt. Ich denke, die überholte Vision der Software-Industrie ist die, dass man mit einem Start-up beginnt, man eine gewisse Dynamik und einen Impuls erzeugt, dann an die Börse geht und irgendwann einen bestimmten Industriezweig vollkommen dominiert. Ich denke, dass diese Idee des Erfolgs in der Software-Industrie immer unwahrscheinlicher wird und dass die Zeit vorbei ist, in der man sich in zehn Jahren von einem Start-up zu einem Unternehmen wie etwa Microsoft oder Oracle entwickeln konnte.
Heute können das nur noch Infrastrukturanbieter erreichen, wie etwa Google oder Facebook. Software wird nur noch als Mechanismus verwendet, um den Konsumenten irgendeine andere Erfahrung bieten zu können. Diese Unternehmen, wie auch immer sie gestrickt sein mögen, könnten ohne den Open-Source-Code, den sie in ihrem Stack benutzen, nicht funktionieren. Es wäre wirtschaftlich gesehen einfach nicht machbar. Software wird also immer mehr zu der Technologie, die praktisch alle interessanten Entwicklungen in der Gesellschaft möglich macht, ob es nun das Fliegen von Flugzeugen ist oder auch das Fahren eines modernen Fahrzeugs. Software ist sozusagen die übergreifende Struktur, die all das zusammenhält.
Der Erfolg eines Unternehmens wurde in der Vergangenheit lediglich dadurch bestimmt, wie gut es sich im Wettbewerb gegen die Konkurrenz durchsetzen konnte. Wir bewegen uns heute allerdings dahin, dass Unternehmen dann erfolgreich sind, wenn die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen gut funktioniert.

EM: Ist dieses Phänomen Software-spezifisch oder kann es auch in anderen Branchen funktionieren?

Milinkovich: Ich denke, es kann auf viele verschiedene Bereiche ausgeweitet werden. Was man genau betrachten sollte sind die Kosten für die ganze Infrastruktur, die man für ein erfolgreiches Produkt braucht. Die immens hohen Kosten für die Infrastruktur stehen in keinem Verhältnis zu dem Bruchteil des Produkts, für den sich der Kunde interessiert. Von daher ist es an dieser Stelle einfach sinnvoll, zusammenzuarbeiten. Es gibt einfach so wenig Unternehmen, die über die Ressourcen verfügen, in ihrer gesamten Lieferkette integriert zu sein, und genau darum geht es hier ja.
Microsoft ist vertikal in seine gesamte Software-Lieferkette integriert. Microsoft kann sich das leisten, weil sie über ein immenses Kapital und über eine gewisse Macht in bestimmten Marktsegmenten verfügen. Aber wenn man von derartigen Ausnahmen mal absieht, gibt es nur sehr wenige Organisationen, die dazu in der Lage sind. Dann muss man anfangen, über Zusammenarbeit nachzudenken. Wenn es dann irgendwann wirklich interessant wird, mit der direkten Konkurrenz zusammenzuarbeiten anstatt mit denjenigen, die einfach nur zur eigenen Lieferkette beitragen, stellt man fest, dass Software wirklich oft auf die gleiche Art und Weise funktioniert.

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