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Interview mit Bernhard Löwenstein

Machine Learning: „Schritt für Schritt fallen alle moralischen Bedenken!“

Dominik Mohilo

Bernhard Löwenstein

Seit Jahren erfreut sich die LEGO Mindstorms Competition auf der JAX einer gigantischen Beliebtheit: Manche Teilnehmer reisen extra hierfür nach Mainz. Im Interview spricht Bernhard Löwenstein, Inhaber von Lion Enterprises und Chef der LEGO Mindstorms Competition, über die diesjährige Aufgabenstellung, Machine Learning und Künstliche Intelligenz. Außerdem erklärt er, warum und wie Kinder und Jugendliche programmatische Problemstellungen anders lösen als Erwachsene.

Neben der großartigen LEGO Mindstorms Competition hält Bernhard Löwenstein auf der JAX 2018 auch eine Session zum Thema „So begeisterst du deine Kinder für die Informationstechnologie“.

JAXenter: Hallo Bernhard und danke, dass du dir die Zeit genommen hat. Auch in diesem Jahr gibt es auf der JAX wieder die beliebte LEGO Mindstorms Competition, bei der findige Entwickler ihr Können in Sachen Robotik und Roboterprogrammierung unter Beweis stellen können. Nach Highlights wie dem ultimativen Kampf zwischen Robotern und einem Paketauslieferungswettlauf – was ist in diesem Jahr das Thema?

Bernhard Löwenstein: Heuer soll ein Roboterfahrzeug gebaut und programmiert werden, das nach der Landung auf dem Mars ein Team von Wissenschaftlern so schnell wie möglich zur gefundenen Wasserstelle bringt, damit diese eine Kolonie aufbauen können. Auf dem Weg dorthin gibt es natürlich wieder jede Menge Herausforderungen zu bewältigen. Die Marsianer haben bereits angekündigt, dass sie ihren Planeten nicht widerstandslos an die Menschheit abtreten. Darauf möchte ich hiermit bereits alle Teilnehmenden hinweisen 🙂

JAXenter: Du sagst, dass die Roboter so programmiert werden sollen, dass sie eigenständig zur Wasserstelle finden. Verschwimmen da nicht schon die Grenzen zwischen gewöhnlichem „Wenn A, dann B“-Programmieren und Machine Learning?

Bernhard Löwenstein: Obwohl Machine Learning aktuell sehr populär ist, würde ich aus zeitlichen Gründen bei dieser Aufgabenstellung doch eher zu einem klassischen Algorithmus raten.

Macht mit bei der LEGO MINDSTORMS EV3 Competition: „Populate the Mars“

Der Erkundungsroboter Curiosity war erfolgreich und fand nach jahrzehntelanger Suche eine Wasserstelle am Mars. Nachdem sich die Lebensbedingungen auf unserem Heimatplaneten Erde zunehmend verschlechtern, soll so schnell wie möglich ein Team von Wissenschaftlern zum roten Planeten entsendet werden, um dort eine Kolonie aufzubauen. Es liegt nun an dir und deinem Team, einen Roboter zu bauen, der nach der Landung auf dem Mars selbstständig zur Wasserstelle findet. Doch beachte: Möglicherweise sind wir nicht allein im Universum …

Bei der LEGO MINDSTORMS EV3 Competition kann in Teams mit zwei bis acht Personen gearbeitet werden. Als Zeitkontingent stehen 120 Minuten zur Verfügung. Eine vorherige Anmeldung ist nicht nötig, der Wettbewerb ist für alle JAX-Teilnehmer offen. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich: Zu Beginn gibt Wettbewerbsleiter Bernhard Löwenstein eine Einführung in LEGO MINDSTORMS EV3 und das zugehörige Java-API leJOS EV3.

Hier gehts zur LEGO MINDSTORMS EV3 Competition

JAXenter: Was glaubst du, fasziniert die Leute so an Machine Learning? Was findest du persönlich interessant im Hinblick darauf?

Bernhard Löwenstein: Ich denke, dass der Mensch seit jeher davon träumt, ein Ding zu bauen, das ihn selbst noch übertrifft. Wiederum andere wollen eine universale Intelligenz haben, der sie ohne weitere Programmierung alle möglichen Aufgaben zur Lösung übertragen können.

Machine Learning wird meiner Meinung nach von vielen überschätzt. Es gibt Anwendungsfälle, wo dieser Ansatz wunderbar passt (z.B. Mustererkennung), aber viele Probleme sind immer noch auf herkömmliche Weise besser lösbar. Darüber hinaus sehe ich es als sehr problematisch an, dass die Lösungsfindung nicht mehr transparent ist und die gelieferten Ergebnisse nur zu einem bestimmten Prozentsatz korrekt sind. Es mag unbedeutend sein, wenn ein Online-Dienst eine auf einem Bild abgebildete Katze als Hund klassifiziert, aber wir leben heute in einer Zeit, wo bei Laien – und somit auch unseren Politikern – der Glaube an die Unfehlbarkeit von Algorithmen weit verbreitet ist. Vor mehr als 100 Jahren galt die Titanic als unsinkbar, dank Leonardo und Kate wissen wir, wie die Geschichte endete. Eine ähnliche Naivität herrscht heute in Bezug auf die digitale Welt vor.

Machine Learning wird meiner Meinung nach von vielen überschätzt.

Ich hielt noch vor wenigen Jahren Intelligenzen wie sie in „Minority Report“ oder „Terminator“ vorkommen für absolut unrealistisch, doch langsam aber sicher entwickeln wir uns dorthin – und Schritt für Schritt fallen alle moralischen Bedenken!

Dem gegenüber stehen aber auch tolle Fortschritte, die ich nicht schlecht reden möchte. So konnte ich beispielsweise in den letzten 18 Monaten bei diversen Diensten von Google deutliche Verbesserungen feststellen. So lässt sich ein vom Google Übersetzer aus dem Deutschen ins Englische übersetzter Text tatsächlich als sinnvolle Basis zur Weiterarbeit verwenden. Früher waren die meisten Übersetzungen eher der Kategorie „That’s for the sausages!“ (Österreichisch: „Das ist für die Würscht!“, Deutsch: „Zum Vergessen!“) zuzuordnen 🙂

JAXenter: Auf der JAX hast du auch immer deine Humanoiden dabei. Sind für ihre Programmierung auch ML-Algorithmen im Einsatz? Lernen sie?

Bernhard Löwenstein: Ich hätte selbst noch nicht gemerkt, dass sie seit unserem Erstkontakt schlauer geworden wären. Aber vielleicht bluffen sie nur und warten nur auf den großen Moment, um endlich das Kommando zu übernehmen. Sollte ich also eines Tages der JAX fernbleiben, bin ich wohl zum Sklaven meiner Roboter geworden. Eventuell muss ich dann bei Roboterkonferenzen zeigen, wie gut ich Gangnam Style tanzen kann und meine menschliche Intelligenz demonstrieren 🙂

Im Ernst: Pepper Milli und die NAOs Frank und Naomi werden auf klassische Weise programmiert. Das ist aber nicht wirklich eine Einschränkung, denn sie bringen alles mit, was ein zukunftsträchtiger Roboter braucht. So muss ein solcher selbst keine KI besitzen, sondern seine Aufgabe besteht darin, mit verschiedensten Sensoren die Umgebung wahrzunehmen und mit verschiedensten Aktoren auf die Umgebung einzuwirken. Um intelligent herüberzukommen, wird er sich einfach verschiedener in der Cloud laufender Dienste bedienen. Dadurch, dass sie in einer Wolkenmaschine laufen, können sie mit den Daten aller Roboter gefüttert und so viel schneller trainiert werden, als wenn sie direkt auf dem Roboter ablaufen würden. Bereits heute lassen sich so mit dem Pepper bzw. dem NAO spannende Szenarien umsetzen.

JAXenter: Du bringst das Thema Programmierung und Robotik auch einem jüngeren Publikum näher. Worin unterscheidet sich die Herangehensweise an programmatische Probleme zwischen Kindern/Jugendlichen und Erwachsenen?

Wenn wir weiterhin mit unseren Ressourcen so haushalten, werden wir irgendwann einen Ausweichplaneten brauchen.

Bernhard Löwenstein: Die Kinder und Jugendlichen gehen oftmals pragmatischer und problemzentrierter an die Aufgabe heran. Profientwickler neigen zum Over Engineering. Man muss nicht gleich ein Framework schreiben, wenn man bloß einen Roboter ein bisschen in der Gegend herumfahren lassen möchte 🙂

Dafür sind die meisten Oldies aber im Lego-Bauen spitze, denn diese Generationen hatten als Kinder noch Lego-Technik-Sets zu Hause und verbrachten viele Stunden (in meinem Fall eher Jahre) damit, phantasievolle Modelle zusammenzubauen. Wenn ich einen neuen Baukasten zu Weihnachten geschenkt bekam, war spätestens um 2 Uhr nachts das erste Modell zusammengebaut. So eine Begeisterung für eine analoge Technologie zeigen heute nur mehr wenige Kinder – und die Prozentzahl an Kindern, die noch nie mit Lego gespielt hat, steigt in unseren Kursen stetig.

JAXenter: Zum Abschluss vielleicht noch einmal zurück zum Anfang: Glaubst du, dass wir eines Tages – mithilfe von Robotern und Machine Learning – den Mars „urbar“ machen und Menschen umsiedeln?

Bernhard Löwenstein: Ich denke, die Menschheit wird sich nicht auf dem Mars ansiedeln. Eventuell wird aber bald einer aufgrund seiner zahlreichen nicht gehaltenen technologischen Versprechungen von seinen Aktionären per SpaceX-Rakete dorthin geschossen.

Wenn wir weiterhin mit unseren Ressourcen so haushalten, werden wir irgendwann einen Ausweichplaneten brauchen – allerdings mit besseren Bedingungen wie auf dem Mars. Ich sehe uns schon mit Riesenraumschiffen wie die Aliens in „Independence Day“ durchs Universum fliegen – immer auf der Suche nach dem nächsten Planeten, den wir ausbeuten können.

JAXenter: Vielen Dank für das Interview!

Bernhard Löwenstein (b.loewenstein@gmx.at) ist Inhaber von Lion Enterprises (http://lion.enterprises) sowie Gründer und ehrenamtlicher Obmann des Instituts zur Förderung des IT-Nachwuchses (http://ifit.education). Sein gemeinnütziger Verein hat sich mit mehr als 800 durchgeführten Technologie-Workshops in Österreich und Deutschland zu einer der bedeutendsten MINT-Förderorganisationen entwickelt.
Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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