Schaulaufen der M2M-Riesen

M2M Summit 2014: Machine-to-Machine in Reinkultur

Redaktion JAXenter
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Gipfeltreffen der M2M-Giganten: Im Düsseldorfer Congress Center findet zur Zeit der achte M2M Summit statt. Noch bis heute Nachmittag beleuchten Vertreter der Machine-to-Machine-Sparten großer Unternehmen, darunter die Deutsche Telekom, SAP oder IBM, Chancen und Herausforderungen des explosionsartig wachsenden M2M-/IoT-Marktes. In diesem Jahr verlängerte der Veranstalter, die 79 Mitglieder starke M2M Alliance, das Event von einem auf zwei Konferenztage. Flankiert wird die Tagung von den Infoständen der rund 60 Aussteller. Besonders ausgiebig wurde am ersten Tag über Kundenzufriedenheit („Customer Experience“) und Schnittstellen zwischen Technologie und Gesetzgebung diskutiert. Bewusst und selbstbewusst bleibt man dem Kürzel „M2M“ treu – und der damit verbundenen Unternehmenskultur.

Man mag die berechtigte Frage stellen, weshalb in Zeiten des maximalen Hypes um das Internet of Things (IoT) der M2M Summit noch nicht „IoT Summit“ heißt. Hat „M2M“, kurz für „Machine to Machine“, nicht ausgedient? Mitnichten, meint Eric Schneider, Vorsitzender der M2M Alliance. In einer Pressekonferenz auf dem Summit trennte er die Begriffe sauber voneinander ab: M2M sei die reine Konnektivität, die Infrastruktur, aus der das IoT Wert schöpfe. Da das ältere Kürzel unter den alteingesessenen Telekommunikationsunternehmen noch durchaus gebräuchlich ist, wundert es außerdem nicht, dass die M2M Alliance nicht von ihm abrücken möchte.

König Kunde

Vermutlich bewusst weit gefasst ist das diesjährige Motto „From technology to business.“ Bewusst angeknüpft wurde daran aber nicht. Zumindest nicht am ersten Tag der Konferenz. Die Technologien rückten, wie im Vorjahr, in den Hintergrund – auch, wenn es diesmal einen eigenen Track für „Developers and Technologies“ gab, in dem entwicklerweltbewegende Themen behandelt wurden, etwa: Wird sich der LTE-Standard im IoT-Bereich durchsetzen (Joachim Dressler, Sierra Wireless)? Oder: Wie können offene Technologien Entwickler bei den ersten Gehversuchen im Internet der Dinge unterstützen (Benjamin Cabé, Eclipse Foundation)?

Joachim Dressler: LTE für M2M

In besagter Pressekonferenz machte sich Eric Schneider erneut dafür stark, M2M nicht von der Technik her zu denken, sondern „vom Anwender her“ – ein Echo aus dem letzten Jahr. Verständlich, denn immerhin hat Schneider 2014 ein Konferenzpublikum vor sich, das in zu 65 Prozent aus Anwendern besteht, wie er grob schätzt. Insgesamt hat der Summit einen leichten Einbruch an Besucherzahlen zu verbuchen, wie Schneider ebenfalls mitteilt: Letztes Jahr fanden sich knapp tausend Besucher in Düsseldorf ein, 2014 sind es etwa 800.

B2B2C

Erneut stand also nicht der Entwickler als Königsmacher, sondern der Kunde als König im Rampenlicht des gestrigen Summit. So zog sich das Schlagwort „Customer Experience“ wie der berühmte rote Faden durch den ersten Konferenztag: In der Auftakt-Keynote nannte Dr. Alexander Lautz die Kundenzufriedenheit als eine von vier Säulen, auf denen sein Unternehmen, die Deutsche Telekom, sein M2M-Geschäft aufbaut – neben integrierten IP-Netzen, einem großen Partner-Ökosystem und der aus seiner Sicht überaus erfolgreichen B2B-(Business-to-Business)-Strategie.

Neue Töne schlugen die Telekom-Vertreter insgesamt nicht an. Wie im Vorjahr betonten sie, wie wichtig es sei, die Komplexität der technischen Lösungen vor dem Kunden zu verbergen (Complexity to Simplicity) – und das Vertrauen des Kunden zu gewinnen: Wie es Lautz‘ Kollege Jürgen Hase am Ende des Tages in einer Paneldiskussion auf den Punkt brachte: „Es braucht einen vertrauenswürdigen Mittler zwischen Technologie und Anwendern.“ Schließlich stehe eine Menge auf dem Spiel: hohe Investitionen, wertvolle Daten.

All diese Erkenntnisse fasste der Journalist Jeremy Cowan, Moderator des Tages, so zusammen: Die Wertschöpfungskette bedarf einer Verlängerung: Man darf nicht mehr nur in B2B-Kategorien denken, sondern muss den Kunden (Customer) einbeziehen. B2B2C heißt die Lösung. 

Im Treibsand der gesetzlichen Willkür

Zurück zum Datenschutz: Den identifizierte Dr. Marc Jan Eumann, Staatssekretär des Landes Nordrhein-Westfalen, in seiner Eröffnungsrede als eine der zentralen Herausforderungen für den M2M-/IoT-Markt. Auch Dr. Nico Grove, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, betonte in seiner Keynote über Smart Grids die Wichtigkeit von Datenschutz und Datensicherheit in intelligenten Netzen.

Spätestens ab der dritten Keynote rückten dann auch andere Schnittstellen zwischen Politik und Technologie in den Fokus: Matt Hatton von der Forschungs- und Beratungsfirma Machina Research stellte in seiner Ansprache die spannende Frage, inwieweit sich staatliche Regulierungsmaßnahmen auf die Entwicklung des M2M-/IoT-Marktes auswirken. Fakt ist: Solange die Politik nicht mit den Innovationen Schritt halten kann, ist der wachsende M2M-Markt eine Entwicklung der zwei Geschwindigkeiten. Der rasante Fortschritt, dem die Gesetzgebung hoffnungslos hinterherhinkt, schafft juristische Grauzonen. Und dieser „Treibsand regulatorischer Ungewissheit“ sei das derzeit größte Problemfeld – nicht etwa, wie oft behauptet wird, der zu erwartende „Daten-Tsunami“. Als Beispiel nannte Hatton die uneinheitliche Vergabe von (Ruf-)Nummern, fehlende Roaming-Standards (74 Prozent aller Länder der Erde haben hier keinen klaren gesetzlichen Rahmen vorzuweisen), den Mangel an Datenschutzrichtlinien und die ungewisse Zukunft der Frequenznutzung.

Matt Hatton

Standards – wessen Standards?

Gesetzliche Regulierung müsse, wenn sie die richtigen Weichen stelle, kein Hemmschuh sein, sondern könne die Industrie im Gegenteil sogar beflügeln. „Die Industrie braucht vor allem eines: Klarheit“, so Hatton. Seine Mitdiskutanten bei der  anschließenden Podiumsdiskussion sekundierten: Es sei an der Industrie, auf die Gesetzgeber zuzugehen, wie etwa Lautz einwarf. Und an der Zeit, nicht nur technische, sondern auch juristische Standards zu schaffen. Sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten sei auch für erfolgreiche Unternehmen kostspielig. Ähnlich, wie GSM aus Europa kam, könne Europa auch in Sachen Gesetzgebung mit gutem Beispiel vorangehen.

Fragt sich bloß: Wer weiß, welche Standards die besten sind? Die Politik, über deren langsame Mühlen und fehlende Expertise man sich auch auf dem M2M Summit gerne mokiert? Bestimmt nicht. Es braucht also Berater aus der Industrie, aus etablierten Telekommunikationsanbietern zum Beispiel. Für alle, die gern gegen Schulterschlüsse von Politik und Wirtschaft wettern, wird genau das ein gefundenes Fressen sein. Und viele kleinere Anbieter, deren Lösungen durch das Raster gesetzlicher Vorgaben fallen, werden dabei auf der Strecke bleiben.

Nabelschau der Arrivierten 

Trotz des wachsenden Anteils an Anwendern von M2M-Lösungen im Publikum und trotz der Zusammenarbeit von M2M Alliance und Eclipse Foundation: Das „Klassentreffen“, das Eric Schneider und seine Mitstreiter eigentlich überwinden möchten, ist der M2M Summit nach wie vor. Auch wenn der gut gemeinte Versuch unternommen wurde, Entwicklern und kleinen, aufstrebenden Unternehmen eine Bühne zu bieten, überwiegt die Nabelschau der arrivierten Anbieter. Lerneffekte, Inspiration und die großen Richtungsfragen bleiben weitgehend außen vor.

Zu Events, die ihren Teilnehmern nachhaltige Denkanstöße verpassen, gehören Kontroversen, Kreativität und Visionen, die aus der Reihe tanzen. Und natürlich Technologien, die man bis ins kleinste Detail verstehen möchte. All das fehlt bislang auf dem M2M Summit. Schade, denn er hätte das Potential, mehr als ein Schaulaufen der M2M-Riesen zu sein. Wer von der rein begrifflichen Trennung von „M2M“ und „IoT“ nicht überzeugt ist, bekommt hier zumindest vor Augen geführt, dass sich dahinter zwei grundverschiedene Unternehmenskulturen verbergen. 

Auchmacherbild: Word cloud – machine-to-machine von shutterstock.com / Urheberrecht: PlusONE

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1 Kommentar auf "M2M Summit 2014: Machine-to-Machine in Reinkultur"

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Martin
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Auf jeden Fall gut ist, dass auf den Unterschied von <a href="http://www.t-mobile-business.at/tmobile_fuer_ihr_business/machine-to-machine/">M2M</a&gt; und IoT eingegangen wird. Diese beiden Begriffe werden nur allzu gerne gleichgestellt, stellen aber komplett andere Ansätze zur Verfügung.