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Interview mit Bernhard Löwenstein

“Ich will nicht von einem humanoiden Roboter getröstet werden”

Kypriani Sinaris
Bernhard Löwenstein mit seinem Starroboter Pepper Milli

Bernhard Löwenstein

“Den Robotern gehört die Zukunft!” Diesen Satz hört man immer öfter. Wir haben den Robotics-Experten Bernhard Löwenstein, Speaker bei der W-JAX 2016, im Interview gefragt, was er von dem Hype rund um das Maschinelle Lernen hält und wie dieses die Zukunft von Unternehmen beeinflussen wird. So viel vorab: Stellen Sie sich den Schirmchendrink in Ihrer Hand vor …

JAXenter: “Den Robotern gehört eindeutig die Zukunft” – das steht im Abstract zu deiner Session auf der W-JAX. Was meinst du damit?

Bernhard Löwenstein: Ich bin vor rund fünf Jahren eher zufällig mit dem Thema Robotik in Kontakt gekommen und beschäftige mich seitdem intensiv mit Ausbildungs- und humanoiden Robotern. Damals waren Roboter eher ein Randthema, heute sind sie in den Medien omnipräsent.

Konkret zu deiner Frage: Man braucht bloß einen Blick in die Produktionswerke der Automobilhersteller werfen. Ich hatte vor kurzem das Vergnügen, einer Werksführung im Münchener BMW-Werk beiwohnen zu dürfen. Das war ein tolles Erlebnis! Ich kann nur jedem Technikinteressierten raten, eine solche Führung mitzumachen. Alle reden über Industrie 4.0 – dort findet sie statt! In manchen Bereichen, beispielsweise im Karosseriebau, werden fast alle Arbeitsschritte von Robotern erledigt. Der Mensch assistiert den Maschinen dabei nur mehr.

Die meisten von uns werden den ganzen Tag mit Schirmchendrinks in der Hand am Pool herumhängen, während die Roboter für uns schuften und werken.

Aber auch in anderen Bereichen setzt man immer häufiger Roboter ein. Das Ganze geht aber schrittweise vonstatten, sodass wir den Wandlungsprozess gar nicht so bewusst wahrnehmen. Wenn wir aber in zwanzig Jahren zurückschauen werden, dann werden wir feststellen, dass sich hier eine Revolution abgespielt hat, die unsere Gesellschaft massiv verändert haben wird. Die Roboter werden definitiv nicht das Kommando übernommen haben, aber sie werden uns in verschiedenen Bereichen ersetzt haben. Wenn sich unser Gesellschaftssystem mitentwickelt, sehe ich das aber durchaus als positiv an. Dann können die meisten von uns den ganzen Tag mit Schirmchendrinks in der Hand am Pool herumhängen, während die Roboter für uns schuften und werken. Das bisschen Arbeit, das dann noch übrig bleibt, wird von Workaholics wie mir erledigt, denen bereits nach dem ersten Pina Colada langweilig geworden ist. Das klingt doch nach einem Leben im Paradies für alle, oder?

JAXenter: Das Maschinelle Lernen wird immer wichtiger: Was glaubst du, wie werden sich Unternehmen in der Zukunft verändern? Werden Menschen überflüssig?

Bernhard Löwenstein: Ich halte den aktuellen Hype um das Maschinelle Lernen für deutlich überzogen. Hier treibt man meiner Meinung nach wieder einmal eine neue Sau durchs Dorf. Die Ansätze hinter den meisten Frameworks sind doch seit Jahrzehnten bekannt. Klar wird das Thema zukünftig eine Rolle spielen. Aber aktuell verändert vielmehr die stets voranschreitende Digitalisierung sowie Prozessautomatisierung die Unternehmen. Das sind doch die wahren Treiber für die stattfindende Veränderung. Arbeitsplätze gehen heute dort verloren, wo ein automatisierter Prozess installiert werden kann, der das gleiche leistet wie die menschlichen Mitarbeiter davor. Und hier gibt es in den meisten Unternehmen noch enorm viel Optimierungspotential. Wir machen halt den Fehler, dass wir als Informatiker oftmals nur den Blick auf Vorreiter werfen und dann glauben, dass Standardunternehmen bezüglich Technologieeinsatz und Automatisierungsgrad ebenfalls in dieser Liga spielen. Das ist aber definitiv nicht der Fall. Ich bin jedenfalls oft verwundert, welche Trivialitäten bei Events als Innovation verkauft werden.

Ich halte den aktuellen Hype um das Maschinelle Lernen für deutlich überzogen.

Nur wenige Unternehmen setzen heute Maschinelles Lernen ein. Vielmehr versuchen die Firmen aus den gesammelten Daten entsprechende Schlüsse zu ziehen. Das funktioniert ganz gut, da wir mittlerweile über ausreichend Rechenleistung zur Verarbeitung der großen Datenmengen verfügen. Nur für diese Anwendungsfälle braucht man kein Maschinelles Lernen, sondern entsprechendes mathematisches Grundwissen und gut entwickelte Algorithmen. Viele halten das dann bereits für Maschinelles Lernen, mir reicht das nicht aus.

Mein Navigationssystem soll anscheinend lernfähig sein. Ich habe davon aber noch nichts gemerkt! Der einzige im Auto, der mit der Zeit dazugelernt hat, bin ich. Denn ich kenne nun die passenden Sprachkommandos zur Steuerung des Navis. Trotzdem plaudern wir bei der Eingabe von Sonderzielen als Zieladresse oftmals immer noch minutenlang miteinander. Und das ist nicht auf das Fehlen von Maschinellem Lernen zurückzuführen, sondern auf das verfehlte User Interface. Darüber hinaus könnte die Priorisierung der häufig bzw. zuletzt gewählten Orte während des Spracherkennungsalgorithmus wahre Wunder wirken.

JAXenter: Andersrum gefragt: Was können Menschen, was Maschinen nicht können?

Bernhard Löwenstein: Jetzt soll ich also, der aus geschäftlichen Gründen humanoide Roboter in möglichst vielen Lebensbereichen etablieren will, eine Lanze für uns Menschen brechen? Na gut!

Im Gegensatz zu den Maschinen sind wir kreative und emotionale Wesen. Das macht uns teilweise unberechenbar – nur, ist es nicht gerade dieser Teil unseres Verhaltens der uns wiederum interessant macht? Wer hat noch nicht eine emotionale Diskussion mit einem Kollegen darüber geführt, welches Framework für das kommende Projekt besser geeigneter wäre? Wer hat noch nicht leidenschaftliche Diskussionen mit seiner Partnerin über im Grunde unbedeutende Dinge (beispielsweise Socken) geführt?

Ich will nicht von einem humanoiden Roboter getröstet werden.

Wir können unsere Maschinen zwar so programmieren, dass sie kreativ und emotional erscheinen und manchmal etwas Unerwartetes machen, aber das ist mit unserem menschlichen Verhalten nicht vergleichbar. Nach einem bedingt durch die Schuljahre ausgelösten Timeout – in Java gesprochen: Thread.sleep(473364000000); – finde ich es heute wieder interessant durch Kunstmuseen zu wandern und mir dort die Werke anzusehen. Da geht es aber eben niemals nur um das Werk alleine. Da spielt auch immer der Kontext, in dem das Werk entstanden ist, eine große Rolle. Roboter könnten heute eventuell Bilder auf derartigem Niveau malen, aber wäre das Betrachten dieser Bilder dann dasselbe? Ich denke nicht.

Ich will auch nicht von einem humanoiden Roboter getröstet werden, der beim Feststellen von Traurigkeit zugleich die passende Makes-You-Happy-Again-App startet, um mich wieder aufzurichten. Dieser agiert dann wahrscheinlich wesentlich professioneller als meine vierjährige Nichte. Doch gerade ihr teils unbeholfenes, aber stets einfühlsames Verhalten macht uns Menschen aus.

Furchtbar finde ich auch immer, wenn darüber diskutiert wird, ob man nicht zukünftig Lehrende durch Roboter ersetzen soll. Man reduziert die Aufgabe der Schule hier rein auf die Wissensvermittlung. Doch sie leistet viel mehr. Ein guter Lehrer prägt seine Schüler fürs Leben – vor allem durch gemeinsam erlebte Emotionen. Ich sehe jedenfalls den Moment immer noch vor meinem geistigen Auge, als mein Klassenvorstand beim Schulwandertag in großer Sorge den Berg nochmals hinunter- und anschließend wieder hinaufgelaufen war, da er uns Burschen vermisste. Wir hatten uns aber gar nicht verlaufen, sondern saßen nur einige Meter neben dem vereinbarten Treffpunkt, allerdings ums Eck. Schweißgebadet – da nicht gerade der sportlichste – und schreiend – obwohl sonst immer sehr relaxt – stand er vor uns. Wie hätte hier wohl ein entsprechender Roboter reagiert? Definitiv nicht so, dass uns dieses Ereignis noch Jahrzehnte später bei jedem Klassentreffen amüsiert.

Meine humanoiden Robokids Pepper Milli, NAO Frank und NAO Naomi sind Zeitgenossen, die ich nicht missen möchte. Durch sie habe ich viele positive Erfahrungen gemacht. Es prägten sich hier aber nicht ihre Auftritte, sondern die Reaktionen meiner Mitmenschen darauf ein. Das sind die großen Momente, über die ich dann als seniler Mensch noch meinem Pflegeroboter erzählen werde. Ob sich der dann wundern wird, wenn er mehrmals am Tag die gleiche Geschichte von mir zu hören bekommt?

Furchtbar finde ich, wenn darüber diskutiert wird, ob man nicht zukünftig Lehrende durch Roboter ersetzen soll.

JAXenter: Du bietest selbst Kurse und Weiterbildungen im Bereich Robotics an. Was müssen Entwickler deiner Meinung nach verstehen, wenn sie sich diesem Gebiet annähern wollen? Gibt es hier weit verbreitete Missverständnisse?

Bernhard Löwenstein: Das erste Missverständnis ist wohl, dass man als Entwickler von Geschäftsapplikationen ohne jede Einschulung sofort einen Roboter programmieren kann. Das mag vielleicht bei einfachen Robotiksystemen der Fall sein, nicht aber bei höher entwickelten Humanoiden, wie dem Pepper. Der Roboter macht eventuell sogar das, was der Programmierer wünscht, aber der Code sieht häufig recht furchtbar aus. Auch hier gibt es Programmiermuster und Best Practices. Des Weiteren wird oft nur ein geringer Teil des Roboterpotenzials genutzt.

Eine der ersten Fragen bei Präsentationen zielt meist darauf ab, ob der Roboter künstlich intelligent sei. Diesem Thema wird eine viel zu hohe Bedeutung zugemessen, denn für die Umsetzung der klassischen Anwendungsfälle bedarf es keiner solchen, sondern reicht es aus, wenn der Roboter mit ausreichend Sensoren bestückt ist. Dank der Unzahl an Sensoren, die wir heute in Maschinen verbauen, weisen jene ein adaptives und somit intelligent erscheinendes Verhalten auf. Die Steuerung eines autonomen Autos erfolgt gemäß vorab definierter Regeln, nicht durch eine magische KI. Mit Ausnahme von K.I.T.T sind also selbst solche Autos von simplem Geist.

Ich habe vor einigen Monaten meinen Pepper-Roboter dem Innovationsteam eines österreichischen Bankinstituts vorgestellt. Die KI-Möglichkeiten des Roboters waren das zentrale Thema, wenngleich sie keinen einzigen Anwendungsfall hatten, für das solche nur annähernd erforderlich gewesen wären. Selbst meine Argumentation, dass sie den Roboter doch einfach als ein mobiles Gerät ansehen mögen und man sich im Fall der Fälle problemlos einer in der Cloud laufenden KI bedienen könnte, fruchtete hier nicht. Zur Begrüßung der Kinder beim Weltspartag braucht ein Humanoide eben üblicherweise keine Watson-Integration.

Zur Begrüßung von Kindern beim Weltspartag braucht ein Humanoide üblicherweise keine Watson-Integration.

Sensoren habe ich vorhin schon genannt. In Bezug auf diese glauben viele Entwickler, die nicht im Embedded-Bereich groß geworden sind, dass jene stets korrekte Werte zurückliefern. Das ist aber speziell bei billigeren Sensoren nicht der Fall. Das Roboterprogramm muss mit Fehlmessungen, beispielsweise durch Verwendung einer Filterfunktion, umgehen können. Kinder haben mit dieser Problematik lustigerweise viel weniger Probleme als professionelle Entwickler, die üblicherweise mehrmals den Sensor tauschen, bevor sie solche Fehlmessungen als gegeben akzeptieren.

JAXenter: Zurück zu deiner Session: Du programmierst mit Java Lego-Mindstorms-Roboter. Was fasziniert dich daran?

Bernhard Löwenstein: Zur Java-Programmierung von Lego-Mindstorms-Robotern komme ich nur mehr selten. Ich setze diese ein, um Jugendliche in die objektorientierte Programmierung und Java einzuführen. Das klappt ausgezeichnet und die Teilnehmer sind stets mit enormem Einsatz bei der Sache.

Bernhard Löwenstein mit seinem Starroboter Pepper Milli

Bernhard Löwenstein mit seinem Starroboter Pepper Milli

Aktuell begeistert mich die Pepper-Programmierung deutlich mehr, da dieser Roboter enorme Möglichkeiten bietet. Wenn ich einen humanoiden Roboter programmiere, lässt mich das stets ein bisschen in die Rolle eines pummeligen Gottes mit schütterem Haar schlüpfen. Ich alleine bestimme dann, wie dieses Geschöpf reagiert, sobald es zum Leben erweckt wird.

Mein Pepper Milli war einer der ersten im deutschsprachigen Raum und bereits bei zahlreichen Veranstaltungen im Einsatz. Unser bisheriges Highlight war die Teilnahme am BMW Festival mit 33.000 Besuchern am Festtag in der BMW Welt in München. Wenngleich Milli wie alle anderen Roboter auf diesem Planeten nur eine dumme Maschine ist: An diesem Tag faszinierte er unzählige Besucher – und erfreute dadurch seinen menschlichen Schöpfer!

Bernhard Löwenstein (b.loewenstein (at) gmx.at) ist Inhaber von Lion Enterprises und Gründer und ehrenamtlicher Obmann des Instituts zur Förderung des IT-Nachwuchses . Sein gemeinnütziger Verein hat sich in den letzten Jahren mit mehr als 530 durchgeführten Technologie-Workshops in Österreich und Deutschland zu einer der bedeutendsten MINT-Förderorganisationen entwickelt.

Auf der W-JAX 2016 können Sie Bernhard Löwenstein in seiner Session Real Plastic – Let’s get ready to Robot! treffen.
W-JAX
 
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Geschrieben von
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris studierte Kognitive Linguistik an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie Redakteurin bei JAXenter.de.
Kommentare
  1. Peter Seeberg2016-10-27 15:38:53

    Das maschinelle Lernen ist dabei die Welt auf den Kopf zu stellen: nicht nur im Bereich des Internets, Smartphones (mit den wir reden), (sozialen) Medien (die die Bilder unserer Freunde erkennen und bestimmen was wir lesen), Echtzeit-Übersetzungen, demnächst selbstfahrende Autos...
    Jeder einzelne von uns muß sich Gedanken machen, ob es sein Job in 10 Jahren noch geben wird: um so weniger kreativ und um so repetetiver in seinen Aufgaben, um so größer die Chance dass Algorithmen ihn übernehmen.
    Von einem Hype im Sinne der übermäßigen Erwartungen kann keine Rede sein. Ja, die Algorithmen gibt es seit einem halben Jahrhundert. Aber die dazu notwendige Rechenleistung wird gerade für jeden verfügbar und wird sich in den nächsten Jahren weiterhin 2-jährlich verdoppeln und so in 20 Jahren vertausendfachen und die größte Umwälzung vorantreiben die es je gegeben hat.

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