Lisp-Erfinder John McCarthy verstorben

Hartmut Schlosser

John McCarthy, einer der Begründer der Künstlichen Intelligenz und Erfinder der Programmiersprache Lisp, ist gestorben. Wie die Stanfort-Universität bestätigt hat, wurde McCarthy am 23. Oktober im Alter von 84 Jahren tot aufgefunden.

McCarthy gilt als einer der Pioniere auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz. Geboren 1927 in Boston als Sohn irischer Einwanderer, studierte McCarthy Mathematik und erwarb den Doktorgrad an der Princeton University. Bis zum Jahr 2000 war McCarthy als Professor in Stanford tätig.

John McCarthy, Bildquelle

Als Geburtsstunde der Künstlichen Intelligenz gilt vielen die Dartmouth Conference, welche im Jahr 1956 von McCarthy organisiert wurde. Für diese Veranstaltung soll McCarthy eigens den Begriff Artificial Intelligence (AI) geprägt haben. McCarthys Motto lautete „Künstliche Intelligenz soll interaktiv sein“, ein Leitsatz, welcher von zahlreichen Ingenieuren aufgegriffen wurde und zu Studien wie dem interaktiven Computer-Programm Eliza bis hin zum Siri-Sprachassistenten der neuesten iPhone-Generation führt.

In Entwicklerkreisen ist McCarthy auch als Erfinder der Sprache Lisp bekannt, die er 1960 erstmals vorstellte. Lisp sollte in Anlehnung an den Lambda-Kalkül von Alonzo Church und Stephen Kleene Turing-Maschinen für die Rechner seiner Zeit ermöglichen. Lisp steht für „List Processing“ und war ursprünglich zur Programmierung von AI-Anwendungen konzipiert, wurde jedoch bald von der Industrie aufgenommen und erlangte eine große Popularität unter Entwicklern. Lisp ist bis heute einflussreich geblieben und gilt als Vorläufer von Sprachen wie Scheme und Clojure. Um Speicherverwaltungsprobleme in Lisp zu lösen, führte McCarthy das Prinzip der Garbage Collection ein, das bekanntlich zu den tragenden Säulen aktueller Plattformen wie Java und .Net gehört.

Viele von McCarthys Visionen sind heute Realität geworden. So propagierte er in den 60er Jahren die Idee des „Computer Time-Sharing“, die beinhaltete, dass Computer-Ressourcen auf Abruf von jedermann genutzt werden sollten – eine Idee, in der viele einen Vorläufer des Cloud Computing sehen. Die Zukunft von Rechenmaschinen, welche seinerzeit den Regierungs- und Forschungseinrichtungen vorbehalten war, sah McCarthy schon früh in der Reichweite eines jeden.

Im Jahr 1966 organisierte McCarthy das erste Computer-Schachspiel zwischen den USA und der UDSSR. Gegeneinander an traten die Schachprogramme der McCarthy Schüler Alan Kotok, Elwyn Berlekamp, Michael Lieberman, Charles Niessen, Robert A. Wagner und der sovietischen Computer-Spezialisten Georgy Adelson-Velsky, Vladimir Arlazarov, Bitman, Anatoly Uskov und Alexander Zhivotovsky. Nach neun Monaten endete das Spiel mit einem Sieg der sovietischen Kollegen, wobei die legitimen Umstände des Matches bis heute Gegenstand kontroverser Diskussionen sind.

Im Jahr 1972 gewann McCarthy den renommierten Turing Award für seine Leistungen auf dem Feld der künstlichen Intelligenz. 1991 erhielt er von der US-Regierung die National Medal of Science verliehen.

Mit McCarthy ist nach Steve Jobs und Dennis Ritchie ein weiteres Schwergewicht der Computer-Szene verstorben – ein visionärer Vordenker, wie sie langsam rar zu werden scheinen. Der materielle Fortschritt barg für McCarthy immer auch die Chance für sozialen Fortschritt – eine Erkenntnis, der man sich heute dringender denn je stellen sollte.

John McCarthy ist auch in unten stehender Reportage über künstliche Intelligenz zu sehen. Auf die Frage „Wo liegen die Grenzen künstlicher Intelligenz“, antwortet er:

I see no limits! John McCarthy

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Hartmut Schlosser
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