Leistungsdenken vs. Spaß: Ist Meritokratie ein Mythos?

Selim Baykara

Die Programmiererszene sieht sich selbst gerne als eine Art klassenloser Gesellschaft und als eine Kultur, in der das Handeln meritokratischen Prinzipien folgt: Nicht Alter, nicht Geschlecht, Nationalität oder Hautfarbe sollen darüber entscheiden, wie der einzelne von der Community gewürdigt wird, sondern einzig seine Leistung und die Qualität seiner Beiträge. Stimmen diese, so der Gedankengang, werden entsprechende Insignien des Erfolges (Geld, Ansehen, Macht) auf dem Fuße folgen.

Das leuchtet zunächst ein: Je nachdem, wie gut man ist, wird man gewürdigt. Die Schwierigkeiten fangen aber schon an, wenn man das Ganze im Umkehrschluss nimmt: Kommt man zu nichts, liegt das nicht an den anderen, sondern einzig und allein an einem selbst. Keine schöne Vorstellung – als Sozialist konnte man, selbst wenn es einem schlecht ging, die Schuld immerhin noch auf die Gesellschaft und die ausbeuterische Klassengesellschaft im Kapitalismus schieben. Ein weiteres Problem: Wie genau misst man den persönlichen Verdienst, der angeblich so entscheidend für die Anerkennung der Peer Group ist? Und wer sagt, dass die Community der Auserwählten und besonders Talentierten nicht einfach nur eine gewachsene Machtstruktur ist, die sich selbst reproduziert, indem sie willkürlich darüber Entscheidungen trifft, wer Zugang zur Elite hat und wer draußen bleiben muss?

Bleibt der Spaß auf der Strecke?

Genau diese Problematik nimmt auch der Entwickler Geoffroy Couprie in einem Blogbeitrag zum Ausgangspunkt. Manche Leute seien gut darin, Professionalität und angebliches Wissen vorzutäuschen. Andere wiederum, die tatsächlich über einen breiten Wissensfundus verfügten, könnten sich selbst nicht gut an den Mann bringen und würden deshalb auch niemals die ihnen eigentlich zustehende Anerkennung finden. In keinem Fall könne man aber einfach davon ausgehen, dass es ein „Wissen an sich“ gebe, das unmittelbar zum Erfolg führt.

Viel wichtiger ist für Couprie aber, dass es inzwischen zu viele Leute gebe, die sich mehr um Anerkennung und materiellen Erfolg kümmern würden, als um das, worum es beim Programmieren und Entwickeln eigentlich gehen sollte: Spaß an der Arbeit, der Erwerb von neuem Wissen und das befriedigende Gefühl, das sich einstellt, wenn man dieses Wissen mit seinen Mitmenschen teilt. Elitäre Gruppen, Anerkennung und materieller Erfolg seien zweitrangig und hätten erst einmal nichts mit der Arbeit eines Entwicklers zu tun.

Broterwerb vs. Selbstverwirklichung

Auch wenn seine Kritik an dem meritokratischen Leistungsdenken in Teilen zutrifft, bleibt für den Leser ein wenig unklar, welche praktischen Konsequenzen man daraus ziehen sollte. Dass es beim Programmieren in erster Linie um Spaß gehe und nicht um die berufliche Anerkennung, ist eine Sichtweise, aber sicherlich nicht das letzte Wort in dieser Sache. Im Prinzip gilt diese Frage auch nicht nur für Programmierer und Entwickler, sondern für alle Berufsgruppen: Arbeite ich, weil die Tätigkeit mich erfüllt oder wegen der materiellen und gesellschaftlichen Anerkennung? Eine endgültige Antwort darauf wird es vermutlich nicht geben, da letzten Endes jeder selbst über seine persönlichen Prioritäten entscheidet. Außerdem ist man versucht anzumerken, dass Spaß und Verdienst sich ja nicht zwangsläufig ausschließen müssen.

Dazu kommt, dass Couprie zwar Recht hat, wenn er sagt, dass man Wissen vortäuschen kann und dass die Wahrnehmung desjenigen, der über die Befähigung von anderen entscheidet, sich als falsch herausstellen kann. Eine Alternative zu der gängigen Praxis – Person wird aufgrund von mündlichen und schriftlichen Bezeugungen als qualifiziert wahrgenommen und dementsprechend behandelt – bietet er aber nicht an – und wahrscheinlich gibt es auch keine. Wie ein Leser des Blog-Beitrages anmerkt, sind persönliche Vorlieben, im Vorfeld festgelegte Erwartungen und das Hinzuziehen von Referenzen bei der Bewertung von anderen „nahezu unausweichlich.“ Oder, um es in den Worten eines anderen Kommentators auszudrücken: Ohne entsprechende Zeugnisse wird einen die NASA nicht einfach zum Raketenbau anheuern, selbst wenn man eine geniale Idee für einen neuen Antrieb hat.

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Selim Baykara
Selim Baykara
Selim Baykara studiert Anglistik, Amerikanistik und Soziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
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