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Interview mit Markus Andrezak

Lean Business & Innovation – alle möchten es, keiner will den Preis bezahlen

Hartmut Schlosser

Wie etabliert man eine Kultur der Innovation und Offenheit für Wandel in einem Unternehmen? Unter diesem Motto steht der Lean Biz Day der DevOpsCon 2017. Wir haben uns mit DevOpsCon-Sprecher Markus Andrezak darüber unterhalten, was Innovation eigentlich ausmacht, welche Innovationsmythen überwunden werden sollten und was ein Business zu einem Lean Business macht.

Innovation – Chance oder Mythos?

JAXenter: Innovation – kaum ein anderes Wort wurde vom Marketing derart gekapert. Weshalb hältst du dennoch einen Talk über Innovation?

Alle möchten Innovation, keiner will den Preis bezahlen.

Markus Andrezak: Eine gute Frage, die ich mir selbst gestellt habe. Es gibt auch das Zitat „Leute, die Innovation machen, reden nicht darüber.“ Und genau deshalb möchte ich über Innovation sprechen. Unter dem Motto: Alle möchten es, keiner will den Preis bezahlen. Der Begriff ist so übervermarktet und mit Mythen und Ideologien gespickt.

Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es nicht zu Fehlsteuerung und Unglück führen würde. Die Firmen wollen wachsen und Geld verdienen. Den Mitarbeitern wird gesagt, sie sollen mal eben „innovativer“ sein. Nebenbei sollen sie aber „den Laden am Laufen halten.“ Zu 250 E-Mails, um den Laden aufrecht zu halten, kommen halt ein bisschen Design Thinking und tolle Meetingkultur dazu – und nochmal 90 E-Mails. Das klappt halt nicht.

JAXenter: Deine Session heißt „Innovation: Myths and Opportunities.“ Kannst du uns eine kleine Kostprobe von einem Mythos über „Innovation“ geben, der dir schon oft begegnet ist?

Markus Andrezak: Der berühmteste Mythos ist sicher der vom Innovations- oder Produktgenie. Der ist aber eher lustig. Schlimmer finde ich den Mythos, dass agile, „autonome“ Teams Innovation von alleine mitbringen. Den übelsten und schädlichsten Mythos finde ich aber, dass die gut ausgeforschten Wege von R&D, Befruchtung von außen als „Innovationssilos“ diskreditiert werden und wir damit bestehendes Wissen darüber vernichten, wie Innovation funktioniert. Da steckt ein bisschen Arroganz der Internet-Generation dahinter. Unsere Generation kann ja für einen Großteil der Innovation nichts, die wir genießen: Das Internet hat uns geholfen, erfolgreich zu sein, auch wenn wir nichts dazu beigetragen haben. Ich denke und sehe, dass viele Internetunternehmen der ersten Generation keine Wege und Fähigkeiten haben, sich neu zu erfinden.

Innovationswettlauf Startup vs. Großkonzern

JAXenter: Heute schaffen es kleine Startups immer wieder, große, etabliert scheinende Unternehmen und ganze Branchen herauszufordern. Weshalb gerade jetzt? Ist es die besondere Innovationsfreude? Sind es neue technologische Möglichkeiten, die es früher so nicht gab? Oder etwas ganz anderes?

Wie könnten drei schlaue Menschen mit Laptop unser Geschäft zerstören?

Markus Andrezak: Ich glaube schon, dass es vor allem neue Technologien sind, die in gewissen Bereichen vieles demokratisiert haben. Mein Lieblingsgedankenspiel ist: „Wie könnten drei schlaue Menschen mit Laptop unser Geschäft zerstören“. AWS und die leichte Verfügbarkeit von allerlei Datendiensten über APIs machen die Einstiegshürde in Geschäfte unglaublich niedrig.

Ich brauche kein eigenes Data Center, ich miete mir soviel ich brauche. Ich kaufe nicht alle Daten komplett, sondern nur Zugriff auf die, die ich brauche. Das bringt ganz neue Möglichkeiten und lässt riesige Hebel bei geringem Cashflow zu. All das erhöht die Lern- und Erfahrungsgeschwindigkeiten und lässt schlaue Leute schneller bessere Geschäftsmodelle finden.

JAXenter: Große, etablierte Unternehmen sind bürokratisch, schwer zu transformieren, innovationsscheu. Ist das nicht auch ein Mythos?

Markus Andrezak: Ich habe unglaubliche Hochachtung vor Großunternehmen, die schon lange existieren. Sie haben allesamt ein ums andere Mal bewiesen, dass sie sich neuen Gegebenheiten anpassen konnten – sonst wären sie nicht mehr da. In vielen dieser Unternehmen sehe ich unheimlich viel Wissen darüber, wie man immer wieder Neues generieren kann, und ich habe viel von ihnen gelernt. Für mich grenzt es an ein Wunder, dass Firmen mit 100.000 Mitarbeitern und mehr überhaupt zu steuern sind – und sie schaffen das. Und sie schaffen sogar Neues!

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Ein Problem, das es natürlich gibt, ist, dass der Wandel schneller wird. Und wir werden sehen, was Antworten darauf sind. Ich denke schon, dass die Riesen darauf reagieren werden, dass sie sich in kleinere Zellen aufteilen, um so eine bessere Gruppengeschwindigkeit zu bekommen. Viele von ihnen wissen aber unglaublich gut, wie man Neues macht. Es ist ein bisschen gegenintuitiv, aber ich sehe, dass viele kleinere Unternehmen genau das nicht wissen – weil sie es noch nie brauchten.

JAXenter: Wie kann man in saturierten, traditionellen Unternehmen die Innovation zurück bringen? Hast du hier ein paar Tipps aus deiner Praxis?

Markus Andrezak: Ich merke, dass es oft hilft, Denkmodelle und ein Vokabular einzuführen. Das bringt zwar nicht die Lösung, lässt aber überhaupt einmal eine Betrachtung des komplexen Themas Innovation – oder „Neues machen“ – zu. Und das ist genau das Problem der meisten Firmen, dass die Modelle von Innovation zu naiv und einfach sind und eben auf Mythen beruhen. Die einfache und platte Wahrheit, dass im Unternehmensalltag wirklich Neues nicht passieren kann („Innovator’s Dilemma“) liest sich sehr einfach. Wenn man aber darüber nachdenkt und operative Änderungen daraus vornehmen soll, wird es schnell kontraintuitiv und schwer. Da helfen dann die angesprochenen Modelle, ein bisschen Mut zu fassen und wirklich etwas zu tun.

Was macht ein Business zum Lean Business?

JAXenter: Du hältst deinen Talk ja im Rahmen des Lean Biz Days auf der DevOpsCon. Was ist für dich die Essenz eines Lean Business?

Ein Lean Business hat den Menschen und sein nachhaltiges Wohlergehen im Fokus.

Markus Andrezak: Ein Lean Business hat für mich den Menschen und sein nachhaltiges Wohlergehen im Fokus. Deshalb schafft es auf allen Ebenen Klarheit über Aufgabe und Auftrag. Dazu braucht es auf verschiedenen Ebenen unterschiedlichste Governance-Modelle. Es sollte auch eine Einsicht auf „wissenschaftliches Arbeiten“ anstatt „Meinungsschlachten“ geben.

Es sollte ein Einverständnis auf ressourcenschonendes Arbeiten geben – die Japaner haben ja interessanterweise Lean nicht erfunden, um einfach gut zu werden. Sie wollten gut werden in einem Kontext nach dem zweiten Weltkrieg, in dem ihr Nachteil war, dass Zugriff auf Ressourcen für sie sehr teuer war. Das heißt auch: Wir übernehmen Verantwortung für Mitarbeiter, indem wir nicht etwa möglichst viele einstellen – und später entlassen müssen -, sondern indem wir überlegen: Wie groß müssen wir wirklich sein? Wie stark müssen wir wirklich wachsen? Sind andere Marktteilnehmer wirklich Gegner?

JAXenter: Was ist die Kernbotschaft deiner Session, die jeder mit nach Hause nehmen sollte?

Markus Andrezak: Neue Dinge machen ist schwer, und zwar aus vielen Gründen. Deswegen ist Innovation eine Sache, die irgendwie ganz einfach ist. Es ist aber gegenintuitiv. In einem Bereich muss man unheimlich viele, sehr grobe Information sammeln. Dann muss man auf Basis unvollständiger Information eine große Wette eingehen. Und dann wiederum muss man in einem anderen Bereich wirklich sehr viel detailliert planen und präzises Wissen haben. Das ist ganz schön kompliziert und verwirrend. Deswegen sollte man sich genauer damit beschäftigen und dann informiert Dinge tun. Dazu will der Talk Anstöße und Motivation geben. Nebenbei wird der ein oder andere über die Situationen, die ich schildere, schmunzeln und vieles aus seinem Alltag wieder erkennen sowie Hinweise darauf bekommen, wo etwas nicht klappen konnte.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Markus Andrezak is involved in the development of products as well as innovation, big and small. He is the founder of überproduct, a small product, innovation and strategy consultancy. He also hosts the business podcast „Stories Connecting Dots.

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Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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