Kommentar zum rechtlichen Vorgehen Oracles gegen Google

Hartmut Schlosser

Wer die Diskussionen zwischen Apache und Sun im JCP (Java Community Process) in den letzten Jahren mitverfolgt hat, dürfte über die kürzlich eingereichte Klage von Oracle gegen Google nicht sonderlich verwundert sein, denn Androids Anwendungsplattform basiert überwiegend auf dem Harmony-Projekt von Apache. Obwohl die Entscheidung für die proprietäre Dalvik VM oft damit begründet wird, dass es sich im Gegensatz zur Java VM um eine für den Einsatz auf mobilen Geräten optimierte VM handelt, war wohl von Anfang an auch ein wichtiger Grund, dass man rechtlichen Streitigkeiten mit Sun aus dem Weg gehen wollte.

Sun hatte zuvor über einen langen Zeitraum mit aller Vehemenz und entgegen den Regeln des JCP verhindert, dass Apache eine uneingeschränkte Java SE (Standard Edition) TCK-Lizenz für die Harmony-Implementierung bekommt und hat versucht, durch die sogenannte Field-of-Use Restriction bewusst den Einsatz Apaches Open-Source-Implementierung der Java SE auf mobilen Endgeräten zu verhindern, ohne aber ein eigenes Produkt in diesem Bereich zu etablieren.

Google hat sich mit dem Trick, den Java-Bytecode in Dalvik-Code zu konvertieren und auf einer eigenen VM auszuführen, geschickt aus der Affäre gezogen. Man darf zwar die Android-Anwendungsplattform nicht Java nennen, aber die Entwicklung erfolgt eben in der Java-Sprache. Google hat mit Android inzwischen eine erfolgreiche mobile Plattform etabliert. Obwohl Sun eigentlich von Anfang an der Auffassung war, dass bei Android Suns geistiges Eigentum unberechtigt verwendet wird, ist man nicht dagegen vorgegangen. Hierfür mag es verschiedene Gründe geben. Ob nun Sun seinerzeit mit internen Problemen beschäftigt war und man sich deshalb nicht mit dem übermächtigen Google anlegen wollte oder ob man gezielt erst einmal abwarten wollte, wie sich die Android-Plattform am Markt etabliert, ist nicht wirklich klar.

Für die Entwicklergemeinde und für den Fortschritt der mobilen Industrie insgesamt war es wohl ein Glück, dass Sun Android bisher nicht gestoppt hat. Dass Oracle nach der Übernahme von Sun Anfang des Jahres nun seine Rechte durchsetzen will, war zu erwarten. Wenn das allerdings bedeuten würde, dass Android nicht weiter existiert, wäre das vor allem für die Entwicklergemeinde, die viel in diese Plattform investiert hat, ein herber Verlust. Es ist jedoch zu vermuten, dass es letztendlich zu irgendeinem Deal zwischen Oracle und Google kommen wird.

Ein mögliches Szenario hierbei wäre, dass Google Java lizensiert und man dann als Entwickler nicht nur in Java entwickelt, sondern auch ganz offiziell Java-Applikationen auf Android ausführt, aber weiterhin die Android APIs verwendet. Dies könnte dazu beitragen, dass die Java SE und das abgespaltene Android-Java wieder in einer gemeinsamen Linie weiterentwickelt werden.

Ein anderes Szenario wären jahrelange Rechtsstreitigkeiten wie damals zwischen Sun und Microsoft wegen der Verletzung der Java-Lizenz durch proprietäre Erweiterungen für die Windows-Plattform. Microsoft hat den Streit letztendlich beendet, indem man mit C# und der Common Language Runtime (CLR) eine eigene Sprache und VM geschaffen hat. Die eigene VM hat Google ja bereits vorweggenommen, doch an Java hat man bisher zur Freude vieler Entwickler festgehalten. Wollen wir hoffen, dass die Sache für Android gut ausgeht und die offene mobile Plattform – egal ob mit getarntem oder offiziellem Java – ihren Erfolg fortführen kann.

Kay Glahn ist unabhängiger IT-Berater mit den Schwerpunkten mobile Applications und Services. Er berät internationale Kunden bei der Umsetzung von Projekten im Mobile-Bereich.

Wer Kay Glahns Mobile-Kompetenz live erleben möchte, dem sei der Mobile Day auf der W-JAX 2010 empfohlen, der umfassend über aktuelle Trends und Themen aus dem Umfeld mobiler Anwendungsentwicklung informiert. Ein Fokus liegt dabei auf der Android-Plattform, aber auch verschiedene weitere Ansätze, wie etwa Apples iPhone, JavaFX Mobile oder die standardisierte Mobile Service Architecture (MSA), werden thematisiert.
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Hartmut Schlosser
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