JCP-EC-Mitglied Werner Keil zum Ausgang der EC-Wahlen und die Zukunft des JCP

Kommentar: Oracle kommt im JCP letztlich die Rolle des "Präsidenten" zu

Die Wahlen zum JCP Executive Committee sind abgeschlossen und haben gezeigt, dass das von Oracle nominierte Unternehmen Hologic von der Community abgelehnt wurde. JCP-EC-Mitglied Werner Keil kommentiert das Wahlergebnis, beschreibt den Einfluss, den der JCP EC auf Oracles Java-Kurs überhaupt nehmen kann, und präsentiert seine Ideen für einen reformierten JCP.

JAXenter: Die Ergebnisse der JCP EC Wahlen stehen fest. Apache, Red Hat, Eclipse und Google haben es ins SE/EE EC geschafft. Wie sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Werner Keil: Als Begründer, oder besser „Neuentdecker“ eines Eclipse-Projekts, das u.a. von Red Hat durch einen Mentor unterstützt wird und wie andere Teile von Eclipse ICU4J nutzt, das an vielen Stellen sowohl von Apache Harmony als auch von Google verwendet wird, will ich durchaus „Ja“ sagen – ich bin zufrieden.

Alle wiedergewählten EC-Vertreter sind massiv an einer besseren Modularität für Java interessiert, und anders als bei bekannten Lizenz- und Rechtsstreitigkeiten ist man in dieser Sache mit Oracle vollkommen einer Meinung. Wie das genau aussieht, wird sich spätestens bei den ersten JSR-Vorschlägen zeigen. Nur so viel sei gesagt: Es soll das „Jigsaw Puzzle“, zu dem sich besonders auch Eclipse zuletzt sehr kritisch geäußert hat, endlich beheben helfen.

JAXenter: Bedeutet die Ablehnung des Unternehmens Hologic durch die JCP-Community ein Vertrauensbruch mit Oracle?

Keil: In gewisser Weise schon. Man hat hier leider eher undiplomatisch
versucht, einen treuen Kunden und langjährigen Nutzer von Oracle- und Java-Technologien in die „Siebenmeilenstiefel“ eines Doug Lea zu stecken. All das muss natürlich im Licht der gesammelten Streitigkeiten und Gerichtsverfahren gesehen werden, die oft nur indirekt mit Java zu tun haben, sondern meist mehr mit einer „Patent Bubble“ und einer gewissen Goldgräberstimmung speziell durch „Heuschreckeninvestoren“ wie Carl Icahn und seinesgleichen, die bereits an der Übernahme von BEA oder Sun durch Oracle kräftig verdient haben.

Schade ist, dass dabei übersehen wurde, wie verdient sich Hologic etwa in Medizinischen Fachbereichen wie HL7, DICOM oder damit verbundenen Standards gemacht hat, einem Sektor, den man nicht erst seit einigen JAX eHealth Days in Europa und gerade auch in Deutschland oft besser kennt, als in den USA.
 

JAXenter: Wen sollte Oracle Ihrer Meinung nach nun nachnominieren?

Keil: Ausgehend vom Ergebnis der freien Wahl, und wenn man bedenkt, dass Doug Lea auch jahrelang als frei gewählter Kandidat im Exekutivkommittee saß, bevor ihn noch Sun als Ersatz für einen amtsmüden Vertreter ratifizierte, wäre Bob Lee ein idealer Kandidat. Auch wenn das aus meinem Mund voreingenommen klingen mag, würde Bob sonst wohl nächstes Jahr wieder antreten, wenn meine Amtszeit endet 😉 Soweit denke oder plane ich allerdings jetzt noch nicht, dazu hat das JCP und auch EC bis dahin viel zu viele Bewährungsproben zu bestehen. Außerdem wurden, wenn auch mit unabhängigeren Kandidaten (Marktgigant Intel ausgenommen), damals fast 27% der Stimmen gegeben – fast so viel wie Eclipse diesmal erhalten hat. Auch konnten sich bei den JCP Awards scheinbar klare Favoriten wie Bob Lee oder Gavin King gegen weniger bekannte JSRs, an denen ich mitwirke (wie Trusted Computing), nicht durchsetzen. Ich war auf der JavaOne mehr als überrascht, also kein Grund für voreilige Schlüsse.

Letztendlich ist Bob Lee auch ein Kandidat von der US-Ostküste, aus St. Louis Missouri genauer gesagt, welcher Professor Doug Lea aus der Region voller Elite-Unis wie Harvard, MIT oder Princeton zwar akademisch nicht direkt ersetzen würde, aber nicht nur räumlich ein gesundes Gegengewicht zum „Silicon-Valley-Verein“ der meisten anderen SE/EE-Mitglieder bilden könnte. Genau wie er es schon schaffte, Spring als de Facto Standard für Dependency Injection zwar nicht zu ersetzen, aber auf ein vernünftiges Maß zu bringen und das Quasi-Monopol aufzubrechen.

Es gibt auch aus Europa sicherlich noch eine Menge anderer Kandidaten. Credit Suisse stammt ebenfalls aus einer fachspezifischen Branche wie Banken und Finanzwesen. Damals war kein Konflikt oder Rechtsstreit so drastisch wie heute, außerdem war da noch Sun formell am Ruder, dem man im Gegensatz zu führenden Anbietern von Branchensoftware wie Oracle, SAP, IBM oder teils auch Microsoft in diesem Bereich keine so große Bedeutung beigemessen hat. Ob das JCP dafür der richtige Ort ist, bleibt abzuwarten, aber die immer stärkere Verbreitung „domänenorientierter“ Frameworks à la Rails, Grails, etc. oder auch funktionaler Programmiersprachen erfordert hier auch ein Umdenken, will Java nicht gegenüber all dieser Sprachen und Plattformen gänzlich ins Hintertreffen geraten.

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