Kommentar: Oracle kommt im JCP letztlich die Rolle des "Präsidenten" zu

JAXenter: Welche Rolle können Individual Members im JCP EC spielen?

Werner Keil: Außer dem wiedergewählten ME EC Vertreter Aplix haben den JCP Award nur JSRs gewonnen, die zu mehr als 90% aus Individual Members bestehen und in beiden Fällen auch von Individual Members geleitet werden. Ronald Tögl vertritt zwar den Grazer TU „Startup“ IAIK, ist aber durch seinen akademischen Hintergrund wohl noch eher mit einem Doug Lea vergleichbar, von seiner Tätigkeit her. Tögl ist etwas jünger, aber speziell die Verdienste um Java Cryptography und Security sind in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Individual Members schlüpfen immer öfter in die Rolle von Vermittlern zwischen sonst oft jahrelang verhärteten Fronten.

Individual Members können, wenn sie mehr als nur die Prozessdokumente oder Lizenzen des JCP auswendig lernen, oft helfen, Meinungen zu bilden oder zu schärfen. Ich selbst habe als erster für Constraint Programming gestimmt, ohne damals Mitglied zu sein. Viele EC-Mitglieder waren skeptisch und maßen dem Spec Lead geringere Erfahrung bei, was mit ein Grund war, weshalb ich später dort mit an Bord ging. Die Gemeinschaft hat es auf der JavaOne gewürdigt, da, zwar bei ähnlich geringer Beteiligung wie zur EC-Wahl, dafür alle JCP-Mitglieder abstimmen durften. Selbst ohne EG-Mitgliedschaft soll das EC den Arbeitsgruppen und Spec Leads helfen, wo das nötig ist. Auch hier kommt Individual Members oft eine leichtere Akzeptanz zu Gute, wenn der Spec Lead von einem Unternehmen stammt, das zu anderen EC-Mitgliedern durch Wettbewerb oder gar Rechtsstreitigkeiten ein getrübtes Verhältnis haben mag.

JAXenter: Welche Zukunft sehen Sie für das ME EC?

Keil: Schwer zu sagen, ganz ehrlich. Wie zuletzt in der öffentlichen Diskussion mit Oracle-Vertretern wie Adam Messinger oder JCP Mitglied und Apache-Entwickler Stephen Colebourne erwähnt, betrachte ich ganz nüchtern ME als einen derzeit etwas überbewerteten „Vertikalen“ Markt. Ich habe, als Sun noch den Begriff „PersonalJava“ bewarb, Ende der 90er fast jedes wichtige API oder Open-Source-Projekt gegen solche Profile getestet und wo möglich auf modulare, wiederverwendbare Architektur geachtet. Sun und auch OpenJDK ist das weniger gelungen, auch wenn man im ME-Bereich langjährige Erfahrung hat. Die Begeisterung und Bedürfnisse der Endverbraucher wurden leider oft vernachlässigt. Da kommt das Konzept von Apple „simple Bedienung für heutzutage immer simpler gestrickte Konsumenten“ (auf jeden Fall bei iPhone und iPad), wo alles nach vorgegebenen Regeln durch Apple bestimmt ist, scheinbar besser an. Auch Google und Android gelingt eine bessere Ausrichtung auf die Wünsche der Kunden, nicht zuletzt weil man sie dank allseits gesammelter Nutzerprofile wohl auch besser kennt.

Die jungen Nutzer von heute interessiert oft mehr, welche Farbe oder welcher Werbeträger auf ihrem Gerät prangt, und weniger, ob MIDP2, 3 oder CLDC drinnen stecken. Bei einer Umfrage in einer deutschen Schulklasse hat mir jüngst nur ein Schüler bestätigt, dass Java in seinem Handy läuft. Dafür haben rund 90% betont, sie hätten tolle Spiele darauf – mehr oder weniger viele davon auf Java-ME-Basis, wie sich herausstellte. Vom „musikbegeisterten Teenager“ über den „Versicherungsvertreter im Außendienst“ bis zum „Rentner mit Gesundheitsmonitor“ ergeben sich jede Menge möglicher Nutzerprofile. Das, und weniger die technischen Details, sollten eine größere Rolle spielen. So wie der Gewinner des diesjährigen Duke Awards, eine ägyptische Firma für Mobile Herzüberwachung, auch meinte, man wäre bei Nutzung der ME JSRs trotz Java-Basis vorsichtiger, um auch auf populären Plattformen wie Android, Blackberry oder iPhone kompatibel zu sein (letzteres wohl nur als Web oder Native App).

JAXenter: In welche Richtung sollte sich der JCP Ihrer Meinung nach weiterentwickeln?

Keil: Die Idee, es in einen unabhängigen „Verein“ wie Eclipse umzuwandeln, halte ich grundsätzlich nicht für verkehrt, wird diese doch auch von Leuten wie dem Java-Begründer James Gosling unterstützt. Apple oder Microsoft zeigen dagegen, dass auch unter meist sehr straffer Federführung durch ein großes Unternehmen erfolgreiche Gemeinschaften entstehen können – jedenfalls für Endverbraucher. Doch jene Entwickler, die darin akzeptiert und anerkannt sind, haben meist auch keinen Mangel an Arbeit oder Nachfrage.

Eine Alternative am etwas anderen Extrem wäre, den JCP mehr oder weniger stark in OTN zu integrieren, das Oracle Technology Network – was Oracle unterschwellig teils schon betreibt, siehe die Art, wie die JavaOne heuer lief. In letzter Konsequenz aber scheut sich Oracle vor diesem Schritt, um den Eindruck der herstellerunabhängigen Gemeinschaft nicht ganz zu zerstören. Individual Members auch an wichtigeren Positionen können hier, solange sie nicht als „Marionetten“ irgendeines Einflussbereichs enden, wieder sehr wichtige Rollen spielen, ebenso wie kleinere Unternehmen wie beispielsweise Aplix. Schwer zu sagen, ob es bei ME ausreicht. Der erwähnte Versuch, bessere Modularität zu schaffen – von zumindest dem Smartphone an bis zum Desktop oder Server – dürfte gerade dafür ein Schlüssel sein und wurde selbst von jenen EC-Mitgliedern getragen, die seit heute nicht mehr dabei sind. Das ist ein sehr guter Schritt in die richtige Richtung. Warten wir ab, wie es sich entwickelt.

JAXenter: Welchen Einfluss kann das JCP EC auf den Weg nehmen, den Oracle bzgl. der Weiterentwicklung Javas einzuschlagen gedenkt?

Keil: Das EC kann Oracle beraten, versuchen zu helfen, aber hat – wie mehrfach diskutiert wurde – kaum echte Befehlsgewalt. Wikipedia beschreibt die Rolle des „Executive officer“ in der US-Regierung oder Armee recht gut. „.serve at the pleasure of the President and may be removed at his discretion“, heißt es da. Auch wenn Oracle nur selten EC-Mitglieder während der Amtszeit feuern dürfte – abgesehen von freiwilligen Rücktritten oder andere Umstände (für Details bitte die JCP-Regeln nachlesen) -, so kommt Oracle oder CEO Larry Ellison im JCP letztlich die Rolle des „Präsidenten“ zu.

Einige Mitarbeiter im Stab dieses „Präsidenten“ scheinen pragmatischer und weniger von technischer Eitelkeit als noch unter Sun vorzugehen. Andererseits sind auch Oracle selbst schon Fehler unterlaufen, wie der Versuch, eine eigene Java-basierende Office-Suite als Microsoft-Konkurrenz zu etablieren (Ende der 90er) oder die ersten Gehversuche mit Portalen vor der Übernahme von BEA und anderen Anbietern.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Werner Keil ist Agile Coach und Principal Consultant bei emergn, einer Agile und Lean Beratungsfirma, die speziell Großkonzernen mit weltweiter Präsenz Agile Werte unternehmensweit nahe bringt. Er berät in dieser Funktion Global 500 Unternehmen im Bereich Mobile/Telekom, Web 2.0, Soziale Netze, Finanz, Automotive, Gesundheit, Umwelt und Öffentliche Hand, bzw. IT-Anbieter wie IBM, Oracle oder Adobe. Sein Schwerpunkt liegt im technischen Projektmanagement, dem Design und der Sicherheit verteilter Enterprise-Softwarearchitekturen. Er ist Entwickler und Mitbegründer zahlreicher Open-Source-Projekte, zumeist auf Basis von Eclipse oder Enterprise Java, Mitglied der Eclipse Foundation in mehreren Projekten, Leiter des UOMo-Projekts, Babel Language Champion sowie einziges unabhängiges nicht-US Mitglied im Exekutivkomitee des Java Community Process sowie Mitglied von JSR-316 (Java EE 6), JSR-321, 331 oder 333 (JCR 2.1).
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