Kommentar: IBM und Oracle – Alleingang zu zweit oder Rückkehr der Multipolarität?

Hartmut Schlosser

Jetzt haben sich die beiden Großen – Big Blue und Big Red – also überraschend geeinigt. Java wird gemeinsam von ihnen entwickelt. IBM, dessen Strategen gewiss wild entschlossen waren, im Zweifelsfall Oracle den Java-Krieg zu erklären, gibt sich nun zahm und wird aktiv am OpenJDK mit entwickeln.

Das ist eine gute Nachricht für Java, zeigt es doch, dass es Oracle offenbar gelingt, wichtige Player an Bord zu holen. Oracle widerlegt damit den Argwohn vieler (auch ich zähle mich dazu!), es wolle das Schicksal der Plattform im Alleingang regeln.

IBM jedoch, das vor wenigen Tagen erst in seiner Keynote im Rahmen der JAX London und des OSGi Community Events die Vorzüge von Harmony und dessen modularem (OSGi- statt Jigsaw-basierendem) Aufbau gepriesen hat, hat sich offenbar entschieden, Ruhe und Stabilität zu fördern anstatt Krawall im Java-Lager anzustiften.

Aus für Apache Harmony

Bob Sutor, Vice President Open Systems bei IBM, erläutert in seinem Blog in klaren Worten die Motivation dazu: Es handele sich um eine pragmatische Entscheidung, denn weder Sun noch Oracle hätten Bereitschaft signalisiert, dem Apache-Harmony-Projekt das offizielle Test Compatibility Kit (TCK) zur Verfügung zu stellen. Nur durch diese Tests kann eine Java-Implementierung offiziell zertifiziert werden.

Was dies für Apache Harmony bedeutet, beschreibt er so:

IBM will be shifting its development effort from the Apache Project Harmony to OpenJDK. Bub Sutor

Damit ist das Ende für Hamony faktisch besiegelt – welches interessanterweise die Grundlage für Google Android darstellt. Wie die Androiden jetzt damit umgehen werden, bleibt abzuwarten. Mit der Dalvik Virtual Machine haben Sie bereits einen Fork der Java-Plattform entwickelt, verließen sich aber auf zahllose Bibliotheken aus Harmony, die jetzt offenbar ausgetrocknet werden.

Rückschlag für OSGi

Zudem bedeutet die Vereinbarung auch einen herben Rückschlag für die OSGi-Gemeinde, die ja den Kampf um den Einzug von OSGi ins JDK verloren hatte und nun große Hoffnungen in die weitere Etablierung von Apache Harmony setzte. Da sich IBM allerdings auch zu Oracles Roadmap in Richtung OpenJDK 7 bekannt hat, werden damit keine neuen OSGi-versus-Jigsaw-Debatten im Java-Lager aufkommen.

Duopol oder Oligopol?

Welche Auswirkungen die Vereinbarung in konkreten Entwicklerzahlen haben wird, ist noch nicht bekannt. Sicher ist nur, dass OpenJDK bislang zu einem Löwenanteil von den Sun-, bzw. später den Oracle-Ingenieuren entwickelt wurde, während die reinen Community-Contributions eher spärlich waren. Nun wird also das professionelle Entwicklungsteam Verstärkung aus dem Hause IBM erhalten.

Mit IBM hatte Oracle einen Verhandlungspartner auf Augenhöhe, mit dem nun eine Einigung geglückt ist. Ob damit die Weichen im Hinblick auf weitere Kooperationen gestellt sind, ist noch nicht klar. VMware/SpringSource, Red Hat, SAP befinden sich gewiss im Wartestand, um ihren Einfluss bei der weiteren Entwicklung von Java geltend zu machen. Ob die beiden Großen nun ein Duopol anstreben oder aber eine Kooperation aller wichtigen Java-Player, steht mit der jüngsten Vereinbarung noch nicht fest.

Fork abgewendet

Ein Fork von Java scheint damit vorerst abgewendet. Abgesehen von Google, das wie oben erwähnt mit Android bereits vor Jahren einen anderen Weg gewählt hatte, scheint es damit nicht auf eine multipolare Welt hinauszulaufen, sondern auf ein geeintes Java. Allerdings muss bedacht werden, dass das OpenJDK lediglich eine Implementierung der Standard Edition darstellt und bei weitem noch nicht einen vollständigen Stack für Web und Enterprise.

Ob in diesem Bereich ebenfalls eine Einigung erzielt wird oder wir eventuell hier unterschiedliche „Geschmacksrichtungen“ erblicken werden, scheint aktuell noch unklar. Denkbar wäre es, dass z.B. SpringSource sich entschließt, eine eigene Definition eines Enterprise-Stacks mit deutlichem Cloud-Bezug vorzuschlagen. Und vergessen wir nicht Eclipse, das ja mit seinem Runtime-Stack beinahe einen vollwertigen Ersatz für die traditionelle Java EE in die Waagschale werfen könnte.

Schlussbemerkung

Für die Industrie stellt die Einigung zwischen den beiden Großen ein großartiges Signal für Kontinuität und Stabilität dar. Auch werden Sutors Äußerungen, dass man sich nun endlich wieder einer straff organisierten Weiterentwicklung bei Java verpflichtet fühle, ihre Wirkung nicht verfehlen. Es ist dabei wohl kaum davon auszugehen, dass das Duo eine deutliche Verpflichtung verspürt, auf jeden Community-Impuls zu reagieren. Sie werden im Sinne der Einhaltung des Zeitplans einer effizienten Entwicklung den Vorzug geben – dafür werden sie womöglich nicht geliebt, sicherlich jedoch geachtet werden.

Für die Zukunft des JCP bedeutet die Einigung möglicherweise ebenfalls Gutes. IBM hatte gemeinsam mit Oracle während der letzten Jahre Sun traktiert, das Gremium endlich offener und demokratischer zu gestalten. Zudem hat IBM mit der Übergabe von Eclipse an eine unabhängig Foundation bereits 2004 bewiesen, dass es die Fähigkeit besitzt, trotz seiner Dominanz in glaubwürdiger Weise Communities zu organisieren.

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Hartmut Schlosser
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