Kommentar: Free iPhone?

Claudia Fröhling

Am 8. April diesen Jahres führte der Apple-Konzern neue Bestimmungen für sein iPhone-Entwicklungsprogramm ein: fortan mussten iPhone-Anwendungen in einer der Sprachen C, C++, Objective-C, oder JavaScript geschrieben werden. Andere Programmiersprachen waren nicht mehr erlaubt. Was war der Grund für diese drakonische Regel, die Entwicklern vorschreibt, wie sie Anwendungen zu entwickeln haben? Apple kann immerhin schon seit der Einführung des iPhone entscheiden, welche Anwendungen in den AppStore kommen und welche nicht und Apple hat hiermit bereits einen Kontrollmechanismus, technisch-minderwertige (bzw. unliebsame) Anwendungen aus dem AppStore zu verbannen. Warum nun auch noch den Entwicklern vorschreiben, wie sie ihre Anwendungen zu entwickeln haben?

Ein kurzer Rückblick: Steve Jobs wird 1985 aus Apple herausgedrängt und schließt sich einer kleinen Software-Schmiede Namens NeXT Computer an. Ursprünglich entwickelte NeXT Computer sowohl Hard- als auch Software, spezialisierte sich jedoch später ausschließlich auf Software. Das Kernstück von NeXT Computers Technologie war einerseits die Programmiersprache Objective-C sowie die GUI Bibliothek NeXTSTEP. Als Steve Jobs nach seiner Verbannung 1996 zu Apple zurückkehrte, führte er beide Technologien bei Apple ein. NeXTSTEP mutierte zu Cocoa und Objective-C entwickelte sich zur Haus-und-Hof Sprache innerhalb von Apple. Viele Programmierer können sich jedoch mit Objective-C nicht so recht anfreunden. Außerhalb Apple hat Objective-C ungefähr die gleiche Verbreitung wie die Sprache Latein außerhalb des Vatikans. Wieso dann den Programmierern vorschreiben, welche Sprache sie einzusetzen haben? Was auch an Apples Vorstoß verwundert ist die Tatsache, dass ein Entwickler seine Anwendung nur als Binary beim AppStore einreicht; Apple bekommt die Quelltexte nie zu sehen. Insofern wäre es für Apple sehr schwer, diese neuen Lizenzbedingungen auch zu überprüfen.

Von dieser neuen Regelung waren einige Projekte betroffen: MonoTouch von Novell, das Open Source Projekt XMLVM sowie Adobe’s Creator Suite 5 (CS5) um nur einige zu nennen. Gerade bei letzterem vermuteten viele Blogger den eigentlichen Grund für Apples harte Regeln. Apple, oder genauer gesagt, Steve Jobs, ist nicht gerade als Freund von Flash bekannt. Selbst drei Jahre nach der Einführung des iPhone verweigert Apple beharrlich Flash-Unterstützung für seine mobilen Plattformen. Um Flash-Entwicklern dennoch das Schreiben von iPhone-Anwendungen zu ermöglichen, bot Adobe mit CS5 einen Cross-Compiler an, der Flash-Anwendungen direkt in native iPhone-Anwendungen übersetzen kann. Die meisten Erklärungsversuche zu Apples neuen Regeln gingen dann folglich in die Richtung, Apple wollte dem Erzfeind Adobe lediglich das Geschäft vermiesen, indem Cross-Compilierung kurzerhand verboten wird. Adobe blieb keine andere Wahl und kündigte in Folge an, in den Flash nach iPhone Cross-Compiler keine weitere Entwicklungsarbeit zu investieren.

Eine wahre Lawine über das Für und Wider von Flash war die Konsequenz, aber war das der wirkliche Grund für Apples Gängelung der Entwickler? Einer Studie von AppStoreHQ aus dem Juli diesen Jahres zufolge hatten sich insgesamt über 44.000 Android- und iPhone-Entwickler auf deren Webseiten registriert. Jedoch nur knapp 1.400 Entwickler gaben an, sowohl für Android als auch für das iPhone zu entwickeln. Die restlichen Programmierer entwickeln ausschließlich für die eine oder andere Plattform. Dies ist bei näherem Hinsehen auch direkt verständlich. Die Entwicklungsumgebungen von Android und iPhone könnten nicht unterschiedlicher sein. Eine Anwendungsidee muss i.d.R. von Grund auf neu für die jeweilige Plattform geschrieben werden, was logischerweise hohe Kosten verursacht. Apple setzt auf die Popularität seiner Plattform: ein Entwickler wird zunächst eine iPhone-Version der Anwendung herausbringen wollen. Sind dann noch genügend Ressourcen vorhanden, kommen andere Plattformen in Betracht. Indem nur bestimmte Programmiersprachen für die iPhone-Entwicklung zugelassen werden, sorgt Apple dafür, dass der Portierungsaufwand möglichst groß ist. Damit werden Entwickler an eine Plattform gebunden. Die Vermutung liegt nahe, dass das der eigentliche Grund sein könnte: Unterbindung von Cross-Plattform Technologien um eine Migration auf andere Smartphones zu erschweren.

Entsprechend groß war der Aufschrei in der Community. Apple kontrolliert nun nicht nur das Ziel, sondern auch die Mittel der iPhone-Entwicklung. Eine derartige Bevormundung hat es selbst bei dem ansonsten nicht gerade beliebten Microsoft gegeben. Man stelle sich ein ähnliches Szenario für Windows vor: Microsoft kontrolliert über einen zentralen App-Market welche Anwendungen auf einem Windows System installiert werden dürfen. Darüber hinaus schreibt Microsoft vor, das ausschließlich VisualStudio und C# für die Entwicklung eingesetzt werden darf. Für eine etablierte Plattform wie Windows vollkommen undenkbar, aber auf dem erst gerade entstehenden Markt für mobile Anwendungen hat Apple diesen Vorstoß gewagt.

Das Ende dieser restriktiven Lizenzpolitik kam am 9. September. Apple teilte in einer Pressemitteilung mit, man hätte das Feedback der Entwickler ernst genommen und würde ab sofort auf derartige Einschränkungen verzichten. Apple stellt sich als Gönner und verständnisvollen Hüter der iPhone-Entwicklung dar. In Wahrheit dürften jedoch andere Faktoren einen Ausschlag gegeben haben. Apples zunehmender Erfolg hat die Firma in das Fadenkreuz der Justiz gebracht. Sowohl in den USA als auch Europa laufen mittlerweile einige Untersuchungen zu Apples Geschäftsgebaren. Das dürfte eine gewichtige Rolle in Apples Rückzieher gewesen sein. Die EU hat dann auch prompt reagiert und ein Verfahren gegen Apple am 25.9. wieder eingestellt.

Ein bitterer Beigeschmack bleibt jedoch. Der ganze Streit wird letzten Endes auf dem Rücken der Entwickler ausgetragen. Apple hat mit dem iPhone sicherlich eine revolutionäre Plattform geschaffen. Allerdings kann man zu Recht behaupten, dass der Erfolg des iPhone auch sicherlich mit der Vielzahl der Apps direkt zusammenhängt, und somit von dem Beitrag unzähliger App-Entwickler. Angesichts der stärker werdenden Konkurrenz von Android würde Apple gut daran tun, ein wenig mehr Respekt dem Beitrag der iPhone-Entwickler zu zollen.

Arno Puder ist Associate Professor an der San Francisco State University. Vor seiner gegenwärtigen Position war er bei AT&T Labs Research und der der Deutschen Telekom AG angestellt. Seine Interessen umfassen Middleware, Ubiquitous Computing und Anwendungen für Sensor-Netzwerke. Er ist einer der Gründer der Open Source CORBA Implementierung MICO.

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Claudia Fröhling
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