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Die lieben Kollegen ticken einfach anders

Yasmine Limberger

© Shutterstock.com / Pressmaster

Frisch im ersten Job oder in einem neuen Team stellen sich nicht nur Fragen nach eingesetzten Tools und Technologien. Mindestens ebenso wichtig ist herauszufinden, wie das Team an sich funktioniert. Das ist nicht immer einfach. Denn Kollegen ticken einfach anders.

Widmen wir uns nun mal ganz essenziellen Fragen: Warum ist eigentlich jeder so wie er ist? Warum kommt es im Team überhaupt immer wieder zu angespannten Situationen? Warum hat man oft den Eindruck, dass der Vertriebskollege einen einfach nicht verstehen will oder der Leiter der Anwendungsentwicklung einen nicht einmal anschaut, wenn man ihn anspricht? Warum ticken andere anders als man selbst, und ticken manche eigentlich noch ganz richtig?

Dazu muss man ein bisschen in die Psychologie eintauchen, um zu verstehen, welche Charaktertypen es gibt, welcher Typ man selbst ist und warum verschiedene Typen einige Regeln beachten müssen, wenn sie zusammentreffen. Das gilt übrigens im Beruflichen wie auch im Privatleben. Einige können sich gut und andere sich gar nicht riechen, und tatsächlich nehmen unsere Sinne die Menschen auf unterschiedliche Weise wahr und reflektieren wiederum unbewusste Botschaften zurück, mit denen der eine oder andere Kollege eventuell nichts anzufangen weiß. Das Ganze hängt damit zusammen, dass jeder Mensch zwar die gleichen so genannten „Wahrnehmungstüren“ besitzt, bei jedem Menschen ist jedoch die eine oder andere Tür der bevorzugte Einlass für Eindrücke von außen.

In der Psychologie gibt es dazu verschiedene Modelle, die sich mit der Kommunikation und den Beziehungen zwischen dem „Ich“ und den „Anderen“ beschäftigen. Denn genau auf dieser Basis entstehen im Umgang mit Kollegen Konflikte oder Stresssituationen, die am Ende zu einem regelrechten Teufelskreis führen können. Nehme ich eine Situation anders wahr als die anderen, empfinde ich deren Verhalten oft als unangenehm bzw. unangemessen. Anders herum überrumpele ich mit meiner Art vielleicht die Kollegen und diese wiederum reagieren entsprechend unsicher auf mein Verhalten.

Im Alltag sollte ich daher erkennen, wie mein Kollege tickt, und mit einem angemessenen Verhalten auf ihn zugehen, um durch seine Wahrnehmungstür näher an seine Persönlichkeit zu gelangen. Schauen wir also zunächst einmal auf die verschiedenen Wahrnehmungstüren, die wir in uns tragen. Stellen wir uns vor, wir leben in einem bunten Haus, das sechs Türen hat:

Abbildung 7.2: Die Wahrnehmungstüren nach Eric Bernes (Quelle: SIZE Success auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Transaktionsanalyse von Eric Bernes)

Abbildung 7.2: Die Wahrnehmungstüren nach Eric Bernes (Quelle: SIZE Success auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Transaktionsanalyse von Eric Bernes)

Jede Tür steht dafür, wie wir unsere Umwelt und unsere Mitmenschen wahrnehmen. Bei jedem Menschen ist in der Regel eine Tür am weitesten offen und diese bestimmt seinen Grundcharakter und seine verlässlichste Art und Weise, wie er an die Dinge herangeht und wie er anderen Menschen begegnet. Jeder Mensch hat jedoch die Veranlagung zu allen Wahrnehmungstüren. Je nach Situation und Erfahrung kann es aber sein, dass die eine oder andere Tür aufgeht und das Verhalten bestimmt.

Die Wahrnehmungstüren sind also unsere Kontaktbrücke zur Umgebung. Wir haben prinzipiell alle sechs Wahrnehmungstüren zur Verfügung. Allerdings bevorzugen wir eine bestimmte Art, die Welt und die „Wirklichkeit“ wahrzunehmen. Daraus entsteht insbesondere unter Stress ein (eingeengter) Blickwinkel und wir interpretieren die Realität durch unsere (eingefärbte) Art und Weise. In diesen Situationen wird unsere Wahrnehmung eingeschränkt. Unsere im Beruf notwendige Flexibilität, mit verschiedenen Personen und Charakteren positiv und produktiv umzugehen, wird vor allem unter Stress stark reduziert. Was charakterisiert die einzelnen Wahrnehmungstüren?

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Der Emphatiker

Beim „Empathiker“ steht die Tür „Fühlen“ im Vordergrund. Durch diese Tür nimmt er in der Regel seine Mitmenschen war und möchte auch selbst entsprechend wahrgenommen werden. Er interessiert sich für seine Kollegen, fragt immer zunächst nach dem persönlichen Befinden oder erinnert sich an persönliche Geschichten. Er fällt nie mit der Tür ins Haus, sondern benötigt immer erstmal ein bisschen Small Talk, bevor er zur Sache kommt. Der „Fühlmensch“ nimmt seine Umgebung mit allen Sinnen wahr und entscheidet auch mal aus dem Bauch heraus. Er erwartet von seinen Mitmenschen Respekt und einen freundlichen Umgangston und mag es gar nicht, wenn man sich nicht für seine persönlichen Belange interessiert. Er hat ein großes Harmoniebedürfnis und geht Konflikten auch lieber aus dem Weg. Sie erkennen einen „Fühlmenschen“ daran, dass er häufig Worte wie „ich fühle“, „ich fürchte“ oder auch „mein Bauchgefühl“ etc. benutzt.

Der Denker

Beim „Denker“ dagegen trifft man auf einen „Logiker“, der sich gerne ausreichend Zeit nimmt, die Umstände zu analysieren, sie aufzunehmen und gerne in Berichten und Statistiken festzuhalten. Der Denker empfindet privates Gequatsche oft als störend und möchte lieber Daten, Fakten und klare Informationen. Am besten kommt man bei ihm direkt auf den Punkt und formuliert sein Anliegen klar und deutlich. Eine wahre Freude macht man dem Denker mit bunten, komplexen, aber dennoch übersichtlichen Excel-Tabellen und regelmäßiger Berichterstattung. Der Denker benutzt in seiner Sprache gerne Worte wie „ich denke“, „rechnen Sie damit“ oder auch „Tatsachen“, „Maßnahmen“ und „Garantie“.

Der Beharrer

Kennen Sie in Ihrem Team auch jemanden, der zu allem eine „Meinung“ hat und meist auch alle daran teilhaben lässt? Das ist der „Beharrer“. Er beginnt seine Sätze meist mit Worten wie: „Also, wenn Sie mich fragen…“ oder „Ich meine…“, „Ich finde…“, oder er ergänzt seine Ausführungen mit dem Zusatz: „Meine Meinung!“ Davon lässt er sich auch nur schwer abbringen und mit ihm gerät man schnell in eine Diskussion. Der Beharrer sucht vielmehr die Bestätigung in seiner Meinungsäußerung. Begegnen Sie ihm mit Toleranz und nennen Sie immer die Vorzüge, von denen er profitieren kann, wenn Sie ihn für Ihre Ideen begeistern wollen. Wer den Beharrer gezielt nach seiner Meinung zu Themen fragt, zu denen er Bescheid weiß, gewinnt Sympathiepunkte und kann sich auf eine gute Zusammenarbeit freuen.

Der Träumer

Der inaktive „Träumer“ wirkt auf den ersten Blick etwas schüchtern und introvertiert. Er hält sich in Diskussionen meist zurück, spricht – wenn überhaupt – nur leise und in kurzen, präzisen Sätzen. Während andere gerne im Mittelpunkt stehen, drängt sich der Träumer nie nach vorne, sondern geht eher unter. Dennoch sollte man ihm ausreichend Beachtung schenken, da er seine Umwelt sehr genau betrachtet und Dinge sieht, die andere unter Umständen in der Hektik und in lautstarken Auseinandersetzungen schnell übersehen. Die Arbeit des Träumers ist meist sehr zuverlässig und er verhält sich immer korrekt, unauffällig und loyal. Man sollte ihn daher aktiv ins Team integrieren und auf ihn zugehen, da man nicht damit rechnen darf, dass er von sich aus Vorschläge macht.

Der Rebell

Beim „Rebellen“ steht die Tür „Reaktion“ weit auf. Mit ihm haben Sie einerseits oftmals viel Spaß, denn er „reagiert“ auf Vorschläge oder Meinungsäußerungen meist mit einem flotten Spruch. Anderseits nimmt er nie etwas einfach so hin, wie es ist, sondern will immer alles kommentieren. „Ja, aber“ lautet sein Credo. Das kann einem auch mal auf den Wecker gehen. Es hilft aber nichts, den Rebellen in seine Schranken zu weisen, da er auf Ihren erhobenen Zeigefinger abermals mit Ironie reagieren wird. Begegnen Sie ihm lieber ebenfalls mit Humor und einer gewitzten Schlagfertigkeit, ohne das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Gönnen Sie ihm seine kurze Showeinlage, aber kommen Sie schnell und sachlich auf das eigentliche Thema zurück.

Der Aktionsmensch

Der „Aktionsmensch“ ist der „Macher“ im Team. Er ist schnell bei der Sache und leicht zu begeistern. Er „probiert“ gerne aus, aber „agiert“ manchmal auch überstürzt. Er ist extrem ungeduldig und erwartet schnelle Ergebnisse, auch wenn diese nicht immer perfekt sein müssen. Er neigt zum Aktionismus und ist meist ein Visionär, der vieles anfängt, aber nur wenig zu Ende bringt. Dennoch kann man von ihm und seinen Ideen profitieren. Nutzen Sie seinen Tatendrang und seine Begeisterungsfähigkeit, aber weisen Sie ihn immer wieder freundlich auf die Mindestanforderungen und Bedingungen hin. Erwarten Sie nicht, dass er sich gerne viel Zeit für die Analyse nimmt. Er ist vielmehr derjenige, der gute Aufbauarbeit leisten kann.

Nachdem nun alle grundlegenden Charaktertypen mit ihrer persönlich bevorzugten Wahrnehmungstür beschrieben wurden, nehmen Sie sich ein bisschen Zeit, um herauszufinden, welche Tür bei Ihnen in welcher Situation gewöhnlich offen steht und wie man Ihnen am besten begegnen sollte. Denken Sie dann an Ihre Kollegen im Team und ordnen Sie jedem eine Tür und entsprechend einen Charaktertyp zu. Stimmen Sie Ihre Verhaltensweise ab sofort auf diese Wahrnehmungsunterschiede ab. Ist Ihr Kollege ein „Fühlmensch“, fragen Sie ihn ab sofort, was er am Wochenende gemacht hat oder ob ihn sein Heuschnupfen in diesem Jahr wieder so heftig plagt, bevor Sie buchstäblich mit der Tür ins Haus fallen. Erkennen Sie in Ihrem Chef den „Denker“, dann achten Sie darauf, dass Sie ihm die Fakten und Informationen, die er benötigt, immer mundgerecht und pünktlich liefern. Haben Sie einen „Meinungsmenschen“ in Ihrem Team, dann gehen Sie mal auf ihn zu und fragen Sie ihn nach seiner Meinung zu einem bestimmten Problem, bevor Sie ihn von einer ganz anderen Sache überzeugen wollen. Sie werden überrascht sein, wie Sie Ihre Kollegen auf diese Weise „besser in den Griff“ bekommen und feststellen, dass es seltener zu Missverständnissen und Querelen kommen wird. Solange Sie genügend Toleranz mitbringen und nicht versuchen, Ihre Mitmenschen ändern zu wollen, sondern ab sofort die richtige Eingangstür nutzen, werden Sie die Kollegen mit Ihrer Botschaft besser erreichen. Probieren Sie es aus!

Dieser Artikel ist ein Auszug aus:

IT-Survival-Guide_2_Auflage_1400px_rgb„IT Survival Guide – Karriere- und Alltagsratgeber für die IT-Branche“ von Yasmine Limberger

Preis: 24,90 Euro (DE), 25,60 Euro (A), 35,50 Euro (CH)
Verlag: entwickler.press
ISBN: 978-3-86802-105-9
ISBN ePub: 978-3-86802-629-0

Alle weiteren Informationen zum Buch sowie die Bezugswege finden Sie im Entwickler Kiosk.

Beachten Sie auch die 3. ergänzte und aktualisierte Neuauflage des IT Survival Guides von Yasmine Limberger, die im März 2017 erscheinen wird.

 

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Geschrieben von
Yasmine Limberger
Yasmine Limberger
Yasmine Limberger ist Diplom-Betriebswirtin und war viele Jahre in der IT-Beratung tätig. Verantwortlich u. a. für die Bereiche Recruiting, Personalmarketing und Personalentwicklung hat sie langjährige Erfahrungen in der Auswahl von IT-Fach- und Führungskräften. Als Karrierecoach berät Yasmine Limberger heute junge Berufseinsteiger sowie Professionals bei ihrer beruflichen (Neu)Orientierung und Karriereplanung. Die Idee zu dem Buch entstand aus den zahlreichen Feedbacks der Leser ihrer regelmäßigen Karrierekolumne im Windows Developer sowie durch ihre eigenen Alltagserfahrungen in der IT-Branche. Mehr Infos über Yasmine Limberger auch unter: www.karriere-welten.de
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