Kann GROWS das neue Agile werden?

K(l)eine Experimente! Neue Versuchsanordnung für Agile

Moritz Hoffmann, Michael Thomas

Mit seinem Blog-Post „The Failure or Agile“ hat Andrew Hunt, Entwickler und Mitautor des Agilen Manifests, zuletzt eine Analyse des Scheiterns agiler Software-Entwicklung vorgelegt und eine neue Methode mit Namen „GROWS“ zur Diskussion gestellt. GROWS, das bedeutet Growing Real-World Oriented Working Systems und folgt dem Paradigma des Experiments, wie Hunt in seinem neuesten Beitrag betont.

Worauf es Andy Hunt in seinem Kampf um das bereits für tot erklärte Agile ankommt, versteht man wohl am besten, wenn man sich seine Interpretation einer Statistik vor Augen führt. So zitiert er den „State of Agile Survey“ aus dem Jahr 2014, dem zufolge 56% der befragten Teams Scrum nutzen und 10% einen Scrum/XP-Mix bevorzugen. 8% der Teams gaben an, eine Mischung agiler Methoden zur Anwendung zu bringen, ganz so, wie es für ihr jeweiliges Projekt am praktikabelsten sei. Und hier setzt Hunt an:

To me, that says that maybe 18% of the survey respondents are possibly doing the right thing. The rest, perhaps, are merely doing a stand-up meeting and calling it “agile.”

Derselben Untersuchung zufolge sind nur 26% der Teams bereit für Continuous Deployment. Eine Statistik, die Hunt zufolge tief blicken lässt: Denn es sei eine Sache, im Hintergrund ein Build-Maschine laufen zu lassen und das dann als „Kontinuierliche Integration“ zu bezeichnen; um wirklich bereit für Continuous Deployment zu sein, müsse man hingegen auch wirklich verstehen, was man da eigentlich tut.

Die im Survey genannten 8% sieht Hunt deshalb als diejenigen, die tatsächlich effektiv arbeiten und bereit für Veränderungen sind; sich je nach Anforderung der unterschiedlichsten Vorgehensweisen bedienen und diese miteinander vermischen. Dieses individuelle Inspizieren der Umstände und die Adaption an diese, ist Hunt zufolge genau das, was Agilität ausmacht. Als besten Weg dort hin schlägt Hunt das Experiment vor. Doch wie bewegt man Mitarbeiter dazu, sich darauf einzulassen?

Was zur Hölle habe ich mit „Time to Market“ zu tun?

Mit der Binsenweisheit, dass Menschen Gewohnheitstiere seien und eben keine Veränderungen wünschten, will Hunt sich keineswegs abfinden. Im Gegenteil weist er darauf hin, dass es darauf ankomme, ob mit der Änderung auch ein konkreter Vorteil oder ein persönliches Ziel verwirklicht werden kann.

Dann nämlich sieht die Sache ganz anders aus: Menschen sind durchaus bereit, teils gravierende Änderungen in Angriff zu nehmen, wenn sie etwas für sich, für ihre Wünsche und Ziele herausschlagen können. Ein Projektziel, so Hunt weiter, dürfe z. B. nicht allein anhand betriebswirtschaftlichter Gesichtspunkte formuliert werden, denn beispielsweise einem Vertriebler ist die Time-to-Market mitunter deutlich wichtiger als die Codequalität. In solchen Fällen muss man den Betreffenden laut Hunt deshalb einen Köder hinwerfen:

So for me to buy in to some new approach, and it requires me to do something differently, then I need to see how it specifically benefits me. And then maybe I’ll consider trying this new, wacky thing you’re proposing.

Inspect & Adapt, so Hunt, ist auf eine neue Praxis ausgerichtet. Weder aber kann man Motivation für Veränderungen erzwingen, noch gibt es Methoden – sei es Scrum, Kanban oder Chrystal – deren Zweck neue und im Zweifel noch unbekannte Praktiken sind.

First Practices – ein Experiment

Als bestmögliche Umsetzung des vorrangig theoretischen Modells Inspect & Adapt schlägt Hunt, wie bereits erwähnt, das Experiment vor. Das weist einige Plausibilität auf, kann doch eben im Experiment Neues immer nur aus alten Bedingungen entstehen. Dabei ist im Chemie-Unterricht und in der Software-Entwicklung gleichermaßen zunächst die genaue Bestimmung der Ausgangslage für ein geglücktes Experiment entscheidend.

Es geht hier um diejenigen Rahmenbedingungen, die selbst wiederum dem Einfluss von außen, den lokalen Faktoren unterliegen. Die Bestimmung von Problem und Lösung soll Stück für Stück erfolgen und je nach Status der beteiligten Teammitglieder eine umfassende Perspektive auf das immer variable Projektziel eröffnen. Hier liegt der Zusammenhang zwischen GROWS und dem Konzept von Inspect & Adapt, der für Hunt den Kern agilen Arbeitens bildet und im besten Falle auch ein Schlüssel für die Motivation im Team sein kann.

Jede neue Praxis wird im Rahmen eines Experiments bewertet, dessen Rahmenbedingungen wiederum eine neue Methode definieren. Auf dieser Stufe müssten Feedback und Analyse des Prozesses unvoreingenommen und sehr konkret eingegrenzt werden. Das ist im Sinne von GROWS vor allem für Anfänger entscheidend.

Once again: Inspect&Adapt

Die Beurteilung der jeweiligen Praxis habe zunächst hinter der Analyse zurückzustehen. Das entspricht dem Inspect-Element. Was dabei entstehen soll, nennt Hunt „first Practices“: Diese orientieren sich ausschließlich an Sicherheit sowie praktischer „Hygiene“ und sind möglichst konkret, möglichst unkompliziert und möglichst unmittelbar anwendbar. Erst nach der Bestimmung der sicheren, projektspezifisch getesteten Nutzanwendung, beginnt das Adopting:

This approach establishes a baseline environment where you have control over adopting practices, modifying them, or rejecting them – and are even encouraged to do so.

GROWS selbst ist für Hunt ein solches Experiment. Und dessen Ausgang ist immer nur projektspezifisch auszuhandeln – und ungewiss. Im Sinne der Erfinder, zu denen neben Hunt auch Entwicklerkollege Jared Richardson gehört, laufen seine Bestandteile auf die gelungene Umsetzung von Inspect & Adapt von und für alle Teammitglieder hinaus. Wie experimentell GROWS wirklich ist, will Hunt in weiteren Blog-Beiträgen und unter growsmethod.com erörtern.

Aufmacherbild: A group of people thinking on Agile process von Shutterstock.com
Urheberrecht: Pictofigo

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Geschrieben von
Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann hat an der Goethe Universität Soziologie sowie Buch- und Medienpraxis studiert. Er lebt seit acht Jahren in Frankfurt am Main und arbeitet in der Redaktion von Software und Support Media.
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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