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Kennen Sie den Mythos des Rockstar-Programmierers?

Selim Baykara

(c) shutterstock/alphaspirit

Genies trifft man zwar nicht jeden Tag, aber niemand würde bestreiten, dass nicht hin und wieder ein geniales Werk das Licht der Welt erblickt, egal ob es sich dabei um Kunst, Musik oder Wissenschaft handelt. Wenn es ums Programmieren geht, ist die Lage nicht so klar, obwohl Programmieren ja auch öfter als eine Kunst bezeichnet wird. Bei der Frage, ob es die Spezies „Rockstar-Entwickler“ gibt, also Programmierer, die so gut sind, dass sie mit ihren Fähigkeiten die Arbeit von 10 „normal begabten“ Programmierern ersetzen, scheiden sich allerdings die Geister.

Gibt es den 10x-Programmierer?

Für den Entwickler Yevgeniy Brikman ist die Sache ganz klar: Diese Wesen sind nicht nur ein Mythos, es gibt sie wirklich. Auf seinem Blog führt er seine Sicht der Dinge aus und erklärt, warum die Idee des „10x-Programmierers“ nicht einfach nur ein Hirngespinst ist. Er beruft sich dabei auf eine Studie der Wissenschaftler Sackman, Erikson, and Grant, die 1968 eine Gruppe von Programmierern untersuchten und einen deutlichen Unterschied in der Produktivität einzelner Programmierer feststellten.

Alle Probanden wurden vor die selbe Programmieraufgabe gestellt, wobei „begabte Entwickler“ Programme ablieferten, die bis zu 10 mal schneller liefen und eine bis zu 20 mal geringere Entwicklungszeit benötigten. Interessanterweise konnte eine größere Erfahrung der Individuen nicht in Zusammenhang mit einer besseren Qualität gebracht werden:

They studied professional programmers with an average of 7 years’ experience and found that the ratio of initial coding time between the best and worst programmers was about 20 to 1; the ratio of debugging times over 25 to 1; of program size 5 to 1; and of program execution speed about 10 to 1. They found no relationship between a programmer’s amount of experience and code quality or productivity.

Für Brikman ist klar, dass hier nicht einfach ein Zufall vorgelegen haben könne, zumal vergleichbare spätere Studien diese Ergebnisse bestätigten. Außerdem gibt er Folgendes zu bedenken: Selbst wenn Produktivität schwer in wissenschaftlich nachprüfbaren „harten Fakten“ ausgedrückt werden könne, gebe es doch eine intuitiv richtige Weise, ein Problem zu lösen. Für den Aufbau einer Webseite sei es z.B. wesentlich effektiver Ruby statt C zu verwenden. Genau dieses natürliche Verständnis unterscheide den 10x-Programmierer von seinen weniger begabten Zeitgenossen.

Brikman zufolge darf man Programmieren also nicht als eine ausschließlich manuelle Tätigkeit sehen, die sich in reiner Fließbandtätigkeit erschöpft. Es geht nicht darum, zehn mal mehr Code zu schreiben, sondern zehn mal besseren. Solche talentieren Individuuen hält Brikmann allerdings für äußerst selten. Genauso wie Rockstars und Spitzenwissenschaftler nicht von Bäumen fielen, dürfe man auch nicht erwarten, alle Nase lang auf Superentwickler zu treffen.

Mythos

Kritik am Begriff des „10x-Programmierers“ übt indes der Lehrer und Entwickler Scott Hanselmann. Für ihn ist der Mythos des „Rockstar“-Programmierers genau das – eine Legende, die der Wirklichkeit nicht gerecht wird und zudem gefährlich ist, weil sie unrealistische Erwartungen nährt und einzelne Programmierer dazu verleitet, sich auf Kosten der Mehrheit für den Star des Teams zu halten.

It’s an unfortunate myth for a number of reasons.
•    It sets an unreasonable expectation for regular folks.
•    Calling out rockstars demotivates the team.
•    Telling someone they are a rockstar may cause them to actually believe it.

Für Hanselmann stellt sich der Programmierer-Alltag nicht als Gegensatz zwischen Genies und „Normalos“ dar. Stattdessen sei das Verhältnis der verschiedenen Talente ausgewogen und entspreche der Standardverteilung, die man in allen Lebensbereichen antreffen könne: ein breites Mittelfeld, mit einigen Ausreißern im oberen und unteren Bereich.

Statt von Genies oder Rockstars spricht Hanselmann deshalb lieber von kompetenten Führungskräften. Diese gebe es durchaus, auch wenn er dazu rät, sich niemals für den Schlauesten zu halten, da es seiner Erfahrung nach immer jemanden gebe, der besser sei als man selbst. Jemanden hingegen als Genie zu bezeichnen, sei geradezu eine Aufforderung an ihn, sich wie eine Diva aufzuführen. Langfristig gefährde dies den Erfolg eines Projektes, da es nicht auf Einzelkämpfer, den „Rockstar-Developer“, ankomme, sondern auf eine möglichst große Bandbreite an Talenten, die alle zusammen das „Rockstar-Team“ bildeten.

Zwischen Kreativarbeit und Ingenieurswesen

Vermutlich wird es zu dieser Frage keine endgültige Antwort geben. Die Software-Entwicklung liegt eben im Spannungsfeld zwischen Kreativarbeit und Ingenieurswesen, zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Kunst und Handwerk. Je nach Aufgabe und Situation sind die Anforderungen an die Entwickler andere – Kreativität bei der Entwicklung innovativer Lösungen, Geschick bei der Auswahl der Technologien, solide Handarbeit beim Verdrahten von Komponenten, Genauigkeit beim Testen und Debuggen, Vorstellungsvermögen beim Umsetzen einer guten User Experience, soziale Kompetenz beim Team-Building und der Kommunikation mit dem Management, etc. Ob hier ein Team aus „Rockstars“ immer die beste Lösung für den Kunden hervorbringen würde, darf durchaus bezweifelt werden.

Aufmacherbild: Businessman drawing modern business concept von Shutterstock / Urheberrecht: alphaspirit

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Selim Baykara
Selim Baykara
Selim Baykara studiert Anglistik, Amerikanistik und Soziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
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