(Keine) Zeit für Herzrasen!

Ticken wir noch richtig?

1990 klagten 48 Prozent der Arbeitnehmer
über Zeitmangel und Zeitfristen, zehn
Jahre später waren es schon 58 Prozent.
Stress ist zu einer Volkskrankheit geworden,
die Unternehmen und Volkswirtschaft
jedes Jahr Millionen Euro kostet
und als Hauptursache psychischer Erkrankungen
gilt. Körperliche Aktivitäten
nehmen ab – auch Sportvereine lassen sich
mit Vollzeitbeschäftigung immer weniger
vereinbaren – während die psychischen
Belastungen rapide zunehmen. Der Computer,
das verheißungsvolle Instrument,
sollte in Kombination mit dem „Wunderkind
Internet“ Zeiteinsparungen mit sich
bringen, und nicht nur das: alles sollte effizienter
und effektiver vonstatten gehen,
sogar von papierlosen Büros war die Rede.
Der Effekt ist indes paradox: weniger
Menschen müssen immer mehr arbeiten.
Die Folge: Der Mensch der Gegenwart
ist unaufmerksam, gereizt und übermüdet.
Er arbeitet hoch konzentriert und
ergebnisorientiert unter Dauerstress bei
abnehmenden sozialen Kontakten. Die
vergangenen 30 Jahre produzierten mehr
Informationen als fünf vorangehende
Jahrtausende. Mit der Informationsflut
gerieten die Menschen jedoch ins Fahrwasser
der Überforderung. Depressionen
sind mittlerweile neben Krebs und Herz-
Kreislauf-Erkrankungen die drittgrößte
Volkskrankheit. Laut DAK-Gesundheitsbericht
2007 leiden über zwölf Prozent
der Frauen und acht Prozent der Männer
an psychischen Erkrankungen. Jeder
fünfte Deutsche zeigt inzwischen typische
Stresssymptome wie Kopfschmerzen,
Herzrasen, Schlafstörungen. Eine Studie
des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen
ergab, dass arbeitsbedingte
Erkrankungen jährliche Kosten von mehr
als 28 Milliarden (!) Euro verursachen.
Der Umsatz von Beruhigungstabletten
und Antidepressiva steigt jedes Jahr um
zehn Prozent.

Zeitnot wird so zum Geschäft. Und
Zeitgenossen in der gehetzten Gesellschaft
sind nicht mehr in der Lage, einfachste
Gedanken zu Ende zu denken,
geschweige denn sich mit komplexeren
Fragestellungen wie etwa den eigenen
Lebenszielen auseinander zu setzen. Und
Projekte scheitern, weil Prozesse nicht zu
Ende gedacht werden.

Zeit heißt Effizienz

Mit der Überforderung schwindet das
Wissen um unser Wesen, der Blick für
das Wesentliche, der Sinn für die Sinne.
In Stresssituationen verkürzt das Gehirn
drastisch die Informationsmenge, die es
verarbeiten muss und greift stattdessen
auf bewährte primitive Urprogramme
zurück: Flucht, Angriff, Erstarrung. Die
Denkleistung sinkt. Damit nimmt das
Übel seinen Lauf. Unter Dauerstress werden
Menschen zu Robotern, Marionetten
an Glasfaserkabeln, funktionierenden
Kreaturen im Laufrad der – wie nennen
wir es am besten? – Produktivitätsmaschine,
des Fortschritts, der Hetzjagd auf die
Zukunft, der Überforderung, Erschöpfung.
Stress nagt erst an der Seele, dann an
der Gesundheit. Die Japaner – immer ein
wenig ihrer Zeit voraus – haben schon ein
Wort für jenes zeitgenössische Phänomen:
„Karoshi“, Tod durch Überarbeitung.
Muße oder Müßiggang sind inzwischen
zu Fremdworten geworden. In
Deutschland erstattet die Bahn Fahrpreise, wenn der ICE mehr als 30 Minuten Verspätung
hat. In den meisten
Ländern der Erde gibt es gar kein Schienennetz,
geschweige denn Fahrpläne.
Dort fahren Busse (vielleicht) – nach dem
Motto: „Morgen ist auch noch ein Tag…“
In den deutschen Bahnhöfen werden hingegen
bei einer Verspätungsansage von
Minuten im einstelligen Ziffernbereich
die Mobiltelefone gezückt – der Wartende
hat schließlich auch keine Zeit. Effizienz
ist das Schlagwort.

Wenn wir von der Zeit sprechen,
verwenden wir hierzulande in der Regel
räumliche Bilder und zwar meist solche,
in denen die Zeit aktiv dargestellt wird
und wir selbst passiv. Effizienz baut aber
nicht auf ständigem Optimieren und Vergleichen
auf, sondern setzt die Konzentration
auf das Wesentliche voraus. Effizienz
kommt vor allem von Ausgeglichenheit.
„Es gibt wichtigeres im Leben, als beständig
dessen Geschwindigkeit zu erhöhen“,
hat Mahatma Gandhi gesagt. Andere meinen,
das „Keine-Zeit-Haben“ sei die modernste
Form menschlicher Armut. Zeit
sei das Kapital der Konsumenten von morgen,
hauen Trendforscher in die gleiche
Kerbe.

Genau hier liegt ein Ansatzpunkt für
Entschleunigung. Projektmanager, Verantwortliche,
Firmen, müssen möglichst
vorher und mit ausreichend Zeit dazu darüber
nachdenken, den an Projekten Beteiligten
mehr Zeit und mehr Entscheidungsspielräume
über diese Zeit einzuräumen.
Wie oft heißt es, „für eine ausführliche
Dokumentation ist keine Zeit“, „das machen
wir später“, „das wird noch gefixt“,
„das ist erst einmal gut so“, „Hauptsache,
es funktioniert erst einmal beim Kunden“.
Das Wort einmal lässt grüßen und
dient hier nicht nur als rhetorisches Mittel,
sondern ist in unserer Gegenwart Zeuge
immer häufigerer Rückrufaktionen als
Folge nicht durchdachter Prozesse, nicht
ausreichender Tests, falscher Entscheidungen
und so weiter.

Bei Auslieferung (k)ein Legacy-System

Gegenbeispiel Microsoft, und dort im
Speziellen Scott Guthrie, General Manager
in der Developer Division: Dieser
Mann hat eine beeindruckende Karriere
zurückgelegt, ist auf seinem Gebiet eine
Koryphäe und für manche auch (berechtigterweise)
ein Guru oder IT-Gott.
Guthrie führt die Entwicklungsteams, die
Software wie CLR, ASP.NET, WPF, Silverlight,
Windows Forms, IIS 7.0, Commerce
Server, .NET Compact Framework
und die Visual Studio Web and Client
Development Tools entwickeln, an. Der
Manager hat über Zeit und Prinzipien
nachgedacht: „Ich unterscheide zwischen
testgesteuerter Entwicklung als Methode
für die frühe Förderung von Qualität und
als Methode für die Bereitstellung einer
Basis, anhand derer ich meine Codebasis
umschreiben und anpassen kann, ohne
mir Sorgen um Rückschritte machen zu
müssen.[…] Ich bin der Meinung, dass
sich eine Prototypphase sogar lohnt, bevor
man zum Produktionscode übergeht.
Das ist eines der erfolgreichen Dinge, die
wir bei ASP.NET taten. Wir sagten: Lasst
uns in den nächsten paar Monaten jede
Zeile Code, die wir schreiben werden,
wegwerfen.“[3] Ja, richtig, Microsoft hat
Prototypen zum Verständnis, nicht für
produktiven Code, entwickelt und dann
rigoros weggeworfen. Scott Guthrie: „Wir
werden nicht sagen: ‚Ach, wir nehmen das
und passen es an, das können wir schon
hinbiegen.‘ Nein. Wir werfen es weg. Wir
werden dieses Unterverzeichnis an einem
Punkt komplett löschen, und so können
wir viel abenteuerlicher neue Dinge ausprobieren.
Wir müssen uns nicht darum
kümmern, dass alles einwandfrei funktioniert,
um in der finalen Version enthalten
zu sein.“[3]

Für gute Entwürfe, basierend auf dem
mit Prototypen gewonnenen Verständnis,
und daraus resultierende gute Projektlösungen,
braucht es Zeit. Der Erfolg von
.NET ist mit Sicherheit auch jenen Managern
bei Microsoft zu verdanken, die das
Risiko mit einem solchen Ansatz wagten.
Zeit, nicht nur als einfacher Puffer, der
Verstrickungen in Projekten auffängt,
muss für eine ausführliche Analyse/Design-
Phase vorhanden sein. Zeit muss
dafür da sein, über die Problemstellung
nachzudenken und jeden Stein umzudrehen,
wenn es sein muss. Wenn das nicht
der Fall ist, wird die erstellte Lösung tendenziell
schlecht, den Mitarbeitern geht
es nicht gut und alles trägt den Charakter
einer Hau-Ruck-Aktion. Harte Arbeit
wird dann zu beschwerlicher Arbeit, auch
wenn die Opportunitätskosten hoch bezahlt
sind.

Ständige harte Arbeit ist kontraproduktiv.
Sie trübt den Blick, vor allem aber
bremst sie den Motor aller Innovation:
Fortbildung und Freiräume. Das Ökosystem
der Softwareentwickler hat sich
geändert. Microsoft hat sich geändert,
andere Softwarehersteller, Hersteller an
sich haben sich geändert. Vor Jahren war
alles äußert geheim, Informationen gab
es zu neuer Software, neuen Frameworks,
neuer Hardware, aus dem Unternehmen
an sich und überhaupt so gut wie keine.
Ganz anders ist das heute. Ständig kommt
eine neue Alpha, kurze Zeit später mittlerweile
schon eine Beta 2 und spätestens
dann, wenn man Zeit hat, sich damit zu
beschäftigen oder es gar braucht, eine
RTM mit dem ersten angekündigtem Service
Pack 1.

Über Blogs, Videoportale und mehr
kann man heute an aktuellen Informationen
zu Technologien, am Leben, der Ideologie,
dem Gefühl in den Unternehmen
und deren Umfeld teilhaben. Der Sinn
dahinter ist einfach: Die Unternehmen bekommen
so früh wie möglich Feedback,
um besser den Geschmack der Anwender
zu treffen – ein Ansatz, der etwas von dem
Scott Guthries hat. Im Endeffekt wachsen
Lernkurven so aber beständig, die Arbeit
wird ohne Refokussierung folglich beschwerlicher.
Das gilt gerade in der Softwareentwicklung,
in der sich die Menge
der verfügbaren und potentiell einsetzbaren
Technologien ständig erhöht, auch
wenn hin und wieder eine Technologie
wie z. B. Visual FoxPro „wegfällt“.

Das Diktat der Zeiger und Maschinen

Nach einer Studie des US-amerikanischen
Psychologen Robert Levine, der das Lebenstempo
in über 30 Ländern verglichen
hat, geht ein höheres Arbeits- und Lebenstempo
nicht zwingend mit einem Verlust
an Lebensqualität einher. Im Gegenteil:
Eine produktive Wirtschaft führt im Allgemeinen
zu materiellem Wohlstand und
höherem Lebensstandard. Sie führt aber
auch zu mehr (selbst gemachtem) Stress
und ungesunden Gewohnheiten. „Die
Früchte von Individualismus und harter
Arbeit“, so Levine, schufen „das Potential
für Wohl und Wehe gleichermaßen.“
Letztlich ginge es darum, so Levine, den
„Zyklus sinnloser Gewohnheiten und
Zwänge aufzubrechen“, und sein individuelles Tempo mit dem seiner Umgebung
in Einklang zu bringen. …

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.