(Keine) Zeit für Herzrasen!

Das heißt nicht,
dass die eingangs erwähnten Singapurianer
ihr Tempo an das der Fußgänger
in Blantyre, Malawi, Südostafrika, angleichen
sollen, die zeitlupenhafte 31,6
Sekunden für eine Strecke von 18 Metern
und damit drei Mal so lange benötigen
wie die Singapurianer. Dies könnte
vielmehr erfolgen, indem man sich in
schnelllebigen Kulturen immer wieder
zwei Fragen stellt: Erstens, muss ich das
tun? Zweitens, möchte ich das tun? Eine
Handlungsmaxime basierend auf Verneinung
der ersten, und Zustimmung zur
zweiten Frage beschert uns einen wesentlichen
Gewinn: Mehr Kontrolle über die
eigene Zeit, einhergehend mit Annehmlichkeiten
wie Seelenruhe, Gelassenheit
und offene Zeiten.

So hat es auch eine der größten Bedrohungen
von Microsoft vorgemacht:
Bei Google haben Mitarbeiter einen Tag
in der Woche frei. Die Mitarbeiter von
Google können in dieser frei verfügbaren
Zeit eigene Projekte verfolgen. Sie können
aber auch einfach auf dem Campus
spazieren gehen, die Urlaubsreise planen
oder einen Liebesbrief schreiben. Gerade
Softwareentwickler – Spielkinder,
oft deswegen auch als Nerds oder Geeks
verschrien – brauchen diese Freiheit. In
diesem Ökosystem entwickeln sie die besten
Ideen, fühlen sie sich wohl, reflektieren,
schrauben, basteln und spinnen sie.
So sind bei Google die besten Ideen wie
beispielsweise Google Mail oder Google
News entstanden, die mittlerweile einige
Firmen bedrohen.

Echte Innovationen, die genialen und
nicht nur guten Lösungen, brauchen Freiraum,
aufgespannt durch dafür verfügbare
Zeit, durch disziplinübergreifende
Diskussion und Anwendung schon der
Zwischenergebnisse, als auch der Freiheit
von Misserfolgen ohne Folgen. Ganz wie
z. B. bei Scott Guthrie oder den Mitarbeitern
bei Google. Das gilt gerade für den
experimentellen Bereich, im Rahmen der
Forschung großer Unternehmen, die zugegeben
auch finanzielle und personelle
Ressourcen dazu besitzen [4]. Es gilt aber
auch im Kleinen, bei kleineren bis mittleren
Unternehmen, wo es Natur gemäß
weniger experimentelle und dafür mehr
gezielte Projekte gibt, die hauptsächlich
durch das Tagesgeschäft bestimmt sind.
Dass das funktioniert, zeigt z.B. die
Axinom GmbH mit Sitz in Fürth. Hart
zu arbeiten heißt hier, dass durch das Management
genau dafür Ventile geschaffen
werden. Jeder Softwareentwickler muss
für seine benötigte Zeit „kämpfen“, seine
Überlegungen anderen vorstellen, sie
verteidigen und verantwortet so betriebswirtschaftliche
Komponenten des Unternehmens,
nicht nur das Management
an sich. „Ich hatte keine Zeit“ oder ähnliches
funktioniert als Entschuldigung
dann nicht mehr. Je nach Selbsteinschätzung
und Verhandlungsgeschick – die
Anspruchsniveautheorie (Kontrollinformationen,
Vorgaben führen i. d. R. zur
Leistungssteigerung durch Erhöhung des
eigenen Anspruches) lässt grüßen – können
so die Mitarbeiter abends pfeifend
nach Hause gehen und eine ausgeglichene
Work-Life-Balance leben, anstatt ein „Ich-bin-
einfach-zu-fertig“ als Entschuldigung
für Aktivitäten nach der Arbeit vorschützen
zu müssen. Ebenso wird auch Informationsasymmetrie,
durch dezentrale
Organisationsstrukturen in Unternehmen
bedingt, gerade auch zwischen den Welten
Manager und Softwareentwickler, zum
Vorteil aller genutzt.

Sich Zeit erkaufen

Was hat es überhaupt mit dem protestantischen
Ideal der Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung
noch auf sich? Max Weber,
deutscher Denker des Frühkapitalismus,
formulierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts
den Zusammenhang von protestantischer
Ethik und dem Geist des Kapitalismus.
Mit „Schaffe, schaffe, Häusle
bauen“ lässt es sich auf einen Nenner
bringen – nur, dass es heute mit einem
Häusle längst nicht mehr getan ist. Da sind
Kredite (verwiesen sei auf die platzende
Immobilienblase, die in den USA ihren
Ausgang nimmt), Hypotheken, Vorsorge,
des Nachwuchses Ausbildung, ein paar
Wochen (in deutschen Landen zumeist
bezahlten, wohlgemerkt) Urlaub im Jahr,
eventuelle schlechte Zeiten, Unsicherheit,
von den Versuchungen des Konsumsektors
mal ganz zu schweigen – man muss
sich ja auch mal was gönnen nach all
der harten Arbeit! „Schaffen“ meint vor
allem anschaffen, anhäufen. „Wir erkaufen
uns Güterwohlstand mit Zeitnot“
hält der Münchner Zeitforscher Karlheinz
Geißler
entgegen. Es sei das Diktat
der Gegenwart, menschliche Bedürfnisse
durch Produkte zu beantworten, meint
der österreichische Philosoph und „Verein
zur Verzögerung der Zeit“-Gründer
Peter Heintel.

„Time matters“ [5] – dieser Spruch ist
nicht neu. Vielleicht aber das Verständnis
dieser Aussage. Zeit ist heutzutage ein
Wohlstandsindikator geworden. Die Liebe,
die Gründung einer Familie, die Erholung,
alles das kostet sehr viel Zeit. Zeit, die
nicht für Karriere oder das Geldverdienen
zur Verfügung steht. Man muss halt Prioritäten
setzen! Ja, das mag gängige Devise
und nicht nur ein bekannter Werbeslogan
sein. Aber ist wirklich alles das, was wir
so tun, dermaßen wichtig, wie wir es uns
vormachen? Geht die Welt unter, wenn
wir uns ein paar Mal im Leben anstatt für
Arbeit für ein Abenteuer mit dem Partner
oder mit Freunden entscheiden oder einfach
einen Termin sausen lassen? Ist die
Arbeit, die wir heute tun, in 100 oder 1.000
Jahren im Rückblick wirklich noch so
wichtig, verglichen mit der Aufmerksamkeit,
mit der wir ihr heute nachgehen, mal
abgesehen von der Notwendigkeit zum
Lebensunterhalt? Bei auch nur einem einzigen
durch einen Arzt geretteten Leben,
da wird jeder zustimmen, ist diese Arbeit
wichtig. Aber wer will von einem übermüdeten
Arzt behandelt werden, der nicht auf
dem Stand der neuesten Medizin ist und
alles in „Auf-den-letzten-Drücker“-Aktionen
durchführt? Oder, wie heute längst
Realität geworden, der gerade noch ein
paar Überstunden an seinen 36-Stunden-
Dienst anhängt? Auch der Chefredakteur
des dot.net magazin hätte diesen Artikel
gerne viel, viel eher gehabt, aber ein guter
Artikel braucht neben mindestens einiges
an Recherche – wie guter Wein auch – vor
allem auch Zeit. Also muss der Verleger
warten; mit dem Risiko für die Autoren,
den Artikel nur woanders beziehungsweise
gar nicht publizieren zu können. Genau
solche Entscheidungen muss jeder für sich
selbst, jeder Manager und jedes Unternehmen
wieder bewusster treffen und damit
auch den Anteil der verfügbaren Zeit für
jede Aktivität, wie Projekte, Karriere, Familie,
Liebe und Erholung. Die guten alten
Zeiten, nach denen man sich in ein paar
Jahren zurücksehnen wird, finden schließlich
jetzt statt.

Abb. 1: Verlorene Zeit finden
Die Axt des Lebens schärfen: Zeitautonomie als neue Maxime

Es ist wie bei einem Waldarbeiter, der
beständig Bäume mit der Axt schlägt: Er
wird immer weniger Bäume pro Tag fällen
können, wenn er die Axt nicht immer
wieder neu schärft. Beste Arbeitsresultate
bedürfen Werkzeuge in (physischer und
psychischer) Topform, die zu erlangen es
wiederum Zeit und Hingabe erfordert.
Der Weg ist das Ziel.

„Machen Sie Zeitplanung wieder
zu einem echten Werkzeug, das Ihnen
untertan ist“, meinen auch Werner Tiki
Küstenmacher
und Lothar J. Seiwert in
ihrem Buch „Simplify your life“. „Sagen
Sie sich nicht mehr: ‚Ich muss heute diese
wichtige Aufgabe erledigen‘, sondern:
‚Ich muss für diese wichtige Aufgabe einen
guten Tag finden.‘ Der Unterschied
besteht darin, dass Sie nicht mehr auf das
reagieren, was der Terminkalender vorschreibt,
sondern dass Sie frei agieren.“
Sie raten außerdem, sich einmal pro Jahr
eine neue Stelle zu suchen, auch wenn
man nicht wirklich seinen Arbeitgeber
wechseln will. Denn nur wer die eigenen
Alternativen kennt, kann selbstbestimmt
handeln.

Mehr und mehr „Trendsetter“ hinterfragen
ihren Lebensstil, machen Gesamtrechnungen
auf, erwägen kürzer
zu treten, den Wettlauf im Hamsterrad
des hochgepitchten Angestelltendaseins
gegen einen angenehmen Spaziergang
durchs Leben einzutauschen. Individueller
„Erfolg“ drückt sich dann in der
Freiheit aus, mehreren erfüllenden Aktivitäten
Zeit zu widmen und vor allem
zu weiten Teilen selbst zu bestimmen,
wie man die eigene Lebenszeit gestaltet.
Vielerorts ist das bewusste „Herunterschalten“
von Konsum und Karriere zu
Gunsten von Lebensqualität ein schon
seit längerem anerkanntes Phänomen.
„Downshifting“ heißt das Zauberwort,
das schon eine Weile herumgeistert und
gerade neue Konjunktur erfährt. „Ende
des Rattenrennens: Das Phänomen
‚Downshifting‘ elektrisiert das Milieu
der einstigen Karrieristen“, beschrieb
die Süddeutsche Zeitung vor einem Jahr
jene freiwillige Reduktion von Arbeit
und materiellen Ansprüchen zugunsten
einer geistvolleren und womöglich sinnhafteren,
ökologischeren Lebensweise.
Die US-Amerikaner wie auch die Briten
feiern einmal jährlich die „National
Downshifting Week“ unter dem Motto
„7 Tage – 7 Wege – Herunter zu schalten
und Grüner zu werden“ („7 days – 7 ways
– to Slow Down and Green Up“) [6]. Soziale
Bewegungen wie „Slow Movement“
– langsames Essen [7], langsame Städte,
langsame Liebe (mit Herzrasen), langsames
Leben (ohne Herzrasen) [8] – oder
„Simple Living“ haben um sich gegriffen.
Balance finden, sich Zeit nehmen, auf das
Wesentliche besinnen, Nachhaltigkeit
anstreben, Einstellungen zur Arbeit überdenken,
Abkehr vom Verheizen-Lassen,
„Quality Time“ mit denen zu verbringen,
die einem wichtig sind, lauten die
Devisen. Kurzum: Es geht um Aussteigen
und Ausspannen statt Mitrennen und Gehetztsein.

Downshifting an sich ist natürlich
nichts Neues: Schon dem Philosophen
Diogenes von Sinope verdanken wir die
Gedankenfigur des Rückzugs von fragwürdigen
Wertmaßstäben. Und Sokrates
soll beim Gang über den Markt von
Athen gesagt haben: „Ich sehe mit Freude,
wie viele Dinge es gibt, die ich nicht
benötige.“ Das Phänomen ist demnach
mindestens zweieinhalb tausend Jahre
alt. Seine wahre Bedeutung liegt heute
jedoch in der Reduktion der 60-Stunden-
Woche auf die 50-, 40-, 30-Stunden-
Woche, der Hinwendung zum bezahlten,
umweltfreundlichen Kleinwagen, und
zum Urlaub in der Uckermark statt (jedes
Jahr) in der Karibik.

Nur wer rechtzeitig herunterschaltet,
kann auch wieder Gas geben: Wer sich
auf die Suche nach seiner Zeit begibt,
wird nicht unbedingt andere Dinge tun,
aber die Dinge anders betrachten. Gelingt
es dem einzelnen, seine Zeit selbst zu
bestimmen, gewinnt er Souveränität über
die Zeit. Er wird vermutlich den Wert der
Langsamkeit genießen, dort, wo sie angebracht
ist. Er wird sich fragen, was für
ihn wirklich Entspannung und Genuss
bedeuten. Er wird den Alltag zelebrieren,
vom Essen bis zur Liebe. Er wird Mut zu
Prioritäten beweisen, Mut hin und wieder
abzuschalten (im übertragenen wie
wörtlichen Sinne) und wird vielleicht
auch zu einem Schluss kommen, wie ihn
Thomas Sohnrey [9] irgendwann treffend
in einem Gespräch formulierte: „Ich
höre wieder den Vögeln zu, höre wieder
zu, wie das Gras wächst, beim Zuhause
sein, beim Rad fahren. und das ist wunderbar.“

Torsten Weber ist im Juli 2007 für seine Expertise
bei mobilen Geräten durch Microsoft ausgezeichnet
worden und hat Zeit verwendet, um zu zeigen,
dass es mehr als Expertise gibt. Sie erreichen ihn
unter feedback@torstenweber.de. Nadine Swibenko, Soziologin, lebt und arbeitet in
Thailand, wo die Menschen langsamer laufen und
öfter lächeln.

Links & Literatur

[1] Definition lt. Meyers Lexikon: Chronos (ç-; griechisch
„die Zeit“), im alten Griechenland die
Personifikation der Zeit, auch als Gott der Zeit
angesehen; mit Kronos gleichgesetzt.

[2] Definition lt. Meyers Lexikon: „Kairos“ (griechisch),
der, der „günstige Augenblick“, der
dem Menschen nach Auffassung der Antike
schicksalhaft entgegentritt und von ihm zu
nützen ist. Im Neuen Testament Bezeichnung
für die Heilszeit, die mit dem Kommen Christi
angebrochen ist.

[3] Architecture Journal:
Interview mit Scott
Guthrie über Architektur und Karriere

[4] Vgl. z. B. research.microsoft.com/users/
roylevin/OSRResearchMgmt.pdf
oder heise
.de/tr/result.xhtml?url=/tr/artikel/94997

[5] Benjamin Franklin: Advice to a Young Tradesman,
1748, Original engl.: „Remember that
time is money“

[6] www.downshiftingweek.com

[7] Der mit am meisten gelesene Blogeintrag in
Torsten Webers Blog ist
Chili-Honig-Hähnchenkeulen

[8] Janssen/Joraschky/Tress: „Wenn Herzrasen
nicht von verliebt sein kommt“, Titel aus „Leitfaden
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“,
Deutscher Ärzte-Verlag

[9] teddysohnrey.blogspot.com

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