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Soziale Medien im Katastrophenschutz: das Beispiel Hamburger Hafen

Pia Lembke

©Shutterstock / Gajus

Auf sozialen Medien geteilte Beiträge zu Krisensituationen können wertvoll für die Arbeit im Katastrophenschutz sein. Am Beispiel des Katastrophenschutzes im Hamburger Hafen, in dem seit Kurzem ein Touchtisch zum Einsatz kommt, wurde prototypisch getestet, ob Social-Media-Daten einen Mehrwert für Krisenakteure darstellen.

Social Media bietet über räumliche und zeitliche Barrieren hinweg Möglichkeiten zur Vernetzung. Es wird in den letzten Jahren auffallend viel sowohl alltäglich als auch in Krisensituationen verwendet. Ein Beispiel für eine Krisensituation sind die europäischen Hochwasser im Jahr 2013, bei denen über die gesamte Dauer Social-Media-Dienste wie Twitter, Facebook und Google Maps genutzt wurden.

Social Media erreicht heutzutage viele Menschen, die vorher nur über Rundfunk erreicht werden konnten. Zudem suchen die Menschen dort aktiv nach Informationen und sind motiviert, zu helfen. Besonders Twitter ist eine geeignete Plattform, um Informationen zu verbreiten. Durch die Zeichenbegrenzung muss sich beim Formulieren eines Beitrags auf die notwendigen Informationen beschränkt werden. Dadurch bleibt eine Übersichtlichkeit erhalten und es können schnell viele Informationen zu einem Thema gesammelt werden.

Durch Retweets können Beiträge zudem eine hohe Reichweite entwickeln. Facebook ist selbst aktiv geworden und hat einen Safety-Check eingeführt, mit dem Menschen in betroffenen Gebieten angeben können, dass sie in Sicherheit sind. Zudem laden die Menschen auf den sozialen Netzwerken Fotos und Videos hoch, um andere zu warnen oder über die Katastrophe zu informieren. Teilweise nutzen auch offizielle Stellen Social Media, um Informationen und Warnungen an die Bevölkerung zu geben.

Wie der Katastrophenschutz im Hamburger Hafen funktioniert

Der Katastrophenschutz im Hamburger Hafen liegt in der Verantwortung der Hamburg Port Authority (HPA). Im Normalbetrieb sorgt die HPA für einen reibungslosen Ablauf der Verwaltungstätigkeiten. Da Hamburg einen tideoffenen Hafen hat, sind Sturmfluten eine immer wiederkehrende Bedrohung und ständige Herausforderung.

Genauso wie Sturmfluten können unvorhergesehene Ereignisse auftreten, wie bei Großveranstaltungen im Hafengebiet. Diese müssen im Eintrittsfall rasch eingeschätzt sowie Maßnahmen getroffen, abgestimmt und priorisiert werden. Der Katastrophen- und Sturmflutschutz im Hafen ist aus diesem Grund eine spezielle Aufgabe der HPA, die über den Normalbetrieb hinausgeht. Kommt es zu einer Katastrophe im Hamburger Hafen, hat der sogenannte Hafenstab (HASTA) als regionaler Katastrophendienststab der Stadt die Aufgabe, alle erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung und der Betriebe im Hafen sicherzustellen.

Der HASTA besteht hauptsächlich aus Mitarbeitern der HPA und wird durch Fachberater der Polizei und Feuerwehr verstärkt. Der HASTA koordiniert sämtliche anfallenden Aufgaben, um die Bevölkerung vor einer Katastrophe zu schützen. Auch nach einer Katastrophe geht der Einsatz für den HASTA weiter. Das Treffen von Maßnahmen zur Nachsorge, wie Treibgut oder Fahrbahnschäden zu beseitigen, fällt ebenso in den Aufgabenbereich des HASTA. Deshalb sind Informationen über die Lage vor Ort auch nach einer Katastrophe relevant.

Seit Ende 2015 wird der HASTA digital unterstützt. Die IT-Anwendung nennt sich PORTprotect und ist von der HPA und der Firma WPS – Workplace Solutions entwickelt und erprobt worden. Die Gestaltung der Systeme brachte besondere Anforderungen mit sich, da Sturmfluten und Katastrophen nicht der Regelfall sind und diese Tätigkeit und Arbeitsabläufe für die Mitarbeiter nicht zur Routine zählen. Somit ist zu berücksichtigen, dass solche Einsätze unvorhergesehen und selten passieren und die Mitarbeiter das System nach langer Zeit wieder ungeübt benutzen werden. Aus diesen Gründen wurde die Software so unkompliziert, übersichtlich und selbsterklärend wie möglich gestaltet. Die digitale Unterstützung besteht aus drei miteinander vernetzten Systemen: Desktopanwendung, Lagebild und Multitouchtisch.

Der Multitouchtisch ist ein Kooperationsarbeitsplatz, auf dem aufbereitete Detailinformationen auf einer digitalen Hafenkarte dargestellt und visualisiert werden. Diese Detailinformationen werden von den Fachleuten des HASTA in der Lagebesprechung als Entscheidungsgrundlage genutzt. Die Stabsleitung tritt hier mindestens einmal stündlich zusammen, um sich zu beraten und Informationen im Detail anzuschauen. In kurzer Zeit werden anhand dort präsentierter hochverdichteter Informationen weitreichende Entscheidungen getroffen. So gibt es Detailinformationen zur Hafenkarte in Form einer Darstellung sowohl von Poldern (durch Eindeichung gegen Hochwasser geschützte Gebiete) und zugehörigen Daten als auch von überflutungsgefährdeten Flächen nach Meterstand. Ab einer gewissen Zoomstufe gibt es passende Orthofotos zur Hafenkarte, welche die Erdoberfläche maßstabsgetreu abbilden. Zusätzlich können während eines Einsatzes bereits im System eingetragene Ereignisse verortet angezeigt werden. Die Detailinformationen sind in verschiedenen Layern realisiert, die einzeln auf der zugrunde liegenden Hafenkarte eingeblendet werden können [1]. Über Knöpfe in einer Menüleiste ist die Einblendung dieser Layer möglich. In Abbildung 1 ist diese Menüleiste am unteren Ende zu erkennen.

Abb. 1: Touchtischanwendung von PORTprotect mit Überflutungskartenlayer

Social-Media-Beiträge der Bevölkerung sind noch nicht Teil der Informationsquellen. Beiträge mit relevanten Informationen zur Lage vor Ort, z. B. in Form von Bildmaterial, können als weitere Informationsquelle dienen. Diese Informationen können das Lagebild vervollständigen, das die wesentliche Grundlage der Arbeit im Katastrophenschutz darstellt. Es bietet sich folglich an, den vorhandenen digitalen Kooperationsarbeitsplatz des Katastrophenschutzes im Hamburger Hafen um Social-Media-Daten der Bevölkerung zu erweitern.

Prototypische Erweiterung des Multitouchtischs

Um Social-Media-Daten der Bevölkerung als Informationsquelle im Entscheidungsprozess zu berücksichtigen, wurde der Multitouchtisch von PORTprotect, der im Katastrophenschutz im Einsatz ist, prototypisch um einen Layer mit Social-Media-Informationen erweitert. Dabei wird sich auf einen Social-Media-Kanal konzentriert: Twitter. Relevante Beiträge von Twitter herauszufiltern, ist ebenfalls eine eigene Herausforderung, hier lediglich konzeptionell erarbeitet. Stattdessen wurde vorrangig auf die Gestaltung und Benutzerfreundlichkeit der Funktionalitäten und den daraus resultierenden möglichen Arbeitsablauf für die HASTA-Mitarbeiter Wert gelegt. Der Prototyp wurde dahingehend mit selbstgenerierten, beispielhaften Twitter-Beiträgen ausgestattet. Ein Ziel bei der Gestaltung war, die Funktion optisch in die Oberfläche der Touchtischanwendung anzupassen sowie eine hohe Usability zu erreichen. Die Katastrophenschützer sollen die Funktionalitäten leicht verstehen können, um diese schnell, fehlerlos und ohne großen Aufwand nutzen zu können.

Bei der Umsetzung galt es folglich, die Gestaltung so gut wie möglich an die Situation der Krisenakteure anzupassen. Dafür ermittelte Anforderungen wurden zuerst entwurfstechnisch und im nächsten Schritt prototypisch umgesetzt. Eine Anforderung war beispielsweise, nur vorgefilterte Beiträge der Bevölkerung mit Bildmaterial einzubeziehen und sie sowohl übersichtlich eingeordnet als auch verortet darzustellen. Außerdem sollten die relevanten Informationen der Beiträge sowie der zugehörige Standort schnell zu erkennen sein.

Die Standortangabe der Social-Media-Beiträge ist fundamental wichtig, da die Krisenakteure unter Zeitdruck handeln müssen und nicht die Zeit für hohen Zuordnungsaufwand oder Durchlesen bzw. -klicken von Beiträgen ohne Relevanz haben. Gefordert wird dementsprechend eine schnelle Zufuhr von Beiträgen, die einen Mehrwert darstellen können. Eine Bekanntgabe seitens der HPA mit Hinweis auf die Angabe eines Standorts, eines einheitlichen Hashtags (z. B. #hasta) und weiterer themengebundener Hashtags wäre hilfreich, um die Bevölkerung über dieses Verfahren zu informieren und so die Einordnung der Beiträge zu erleichtern. In Gruppen eingeordnete Beiträge stellen demnach Ereignisse im Hafen dar (z. B. brennende Lagerhalle), über die auf Social Media berichtet oder diskutiert wird.

Der PORTprotect-Multitouchtisch ist mit einer Hafenkarte ausgestattet, die genutzt wurde, um die Social-Media-Beiträge zu verorten. Zudem ist eine Menüleiste vorhanden, mithilfe derer sich vorhandene Funktionalitäten aufrufen lassen. Die Funktionalität für Social Media sollte sich konsistent zu den anderen Funktionalitäten benutzen lassen. Deshalb wurde ein eigener Layer für die Social-Media-Funktionalität entworfen, der sich ebenfalls über die Menüleiste aufrufen lässt und somit auf der Hafenkarte ein- und ausgeblendet werden kann. Entwickelt wurde ein horizontaler Prototyp. Ein horizontaler Prototyp stellt eine ausgewählte (Teil-)Ebene von Features des Gesamtsystems fertig [2]. Das Ziel dabei ist eine funktionierende Ebene, die getestet werden kann. Die Vorteile eines horizontalen Prototyps sind die Identifikation von Top-Level-Funktionalität und die Darstellung des Frontend-Interface. Nachteile des horizontalen Prototyps sind auf der anderen Seite, dass reale Arbeit nicht verrichtet werden kann und die Benutzer nicht mit realen Daten interagieren.

Die funktionierende Ebene ist in diesem Fall der Layer mit den Social-Media-Daten auf dem Multitouchtisch. Dafür wurden Testdaten entworfen, mithilfe derer ein Szenario realer Arbeit ermöglicht wurde, das mit den Nutzern getestet werden konnte. Das Szenario entält drei beispielhafte Ereignisse, zu denen jeweils fünf bis sechs relevante Twitter-Beiträge herausgefiltert wurden: Brand in Altenwerder, Hochwasser am Fischmarkt und Bombenfund in Wilhelmsburg. Die Filterung von Twitter-Beiträgen mit relevanten Inhalten sollten von einem Sichter im HASTA durchgeführt werden und stellen eine eigene Herausforderung dar.

Abb. 2: Eingeblendeter Layer mit verorteten Social-Media-Themen

Das Einblenden und Ausblenden des Layers funktioniert über den Knopf „Social Media“ in der Menüleiste (Abb. 2). Ist der Layer aktiviert, werden Standortpins auf der Hafenkarte zu auf Twitter diskutierten Themen angezeigt. Eine Liste von Social-Media-Themen gibt gleichzeitig eine Übersicht über diese Ereignisse, zu denen diskutiert wird. Jedes Thema ist nach enthaltenen Hashtags der dort eingruppierten Social-Media-Beiträge benannt und liefert somit Aufschluss über den Inhalt. Ein Thema wird zudem, sofern möglich, einem systemseitigen Ereignis zugeordnet und mit diesem gekennzeichnet. In den Beispieldaten hat jedes Thema ein zugeordnetes Ereignis. Das Thema „#brand #feuer“ ist beispielsweise dem Ereignis 1 zugeordnet. Durch Anklicken eines Themas werden die eingeordneten Social-Media-Beiträge der Bevölkerung angezeigt (Abb. 3).

Abb. 3: Eingeblendeter Layer mit Social-Media-Beiträgen zu einem Social-Media-Thema

In diesem Beispiel sind es fünf Beiträge zum Thema „#brand #feuer“, wie auch die Überschrift verrät. Durch die Überschrift sind das ausgewählte Thema sowie die Anzahl der Beiträge durchweg ersichtlich. Die Social-Media-Beiträge sind nach dem News-Stream-Prinzip sortiert; demnach steht immer der neueste Beitrag oben. Mittels Scrollen können auch ältere Beiträge eingesehen werden. Jeder Beitrag besteht aus einem Foto, einem Text, der Uhrzeit und bestenfalls dem Standort. Durch Anklicken eines Social-Media-Beitrags wird der zugehörige Pin auf der Hafenkarte zentriert ausgerichtet, sofern der Beitrag eine Standortangabe besitzt.

Abb. 4: Zwei eingeblendete Layer mit systemseitigen Ereignissen und zugehörigen Social-Media-Beiträgen

Es gibt eine weitere Möglichkeit, Social-Media-Beiträge der Bevölkerung auf dem Touchtisch einzusehen. Dies funktioniert über den PORTprotect-Ereignislayer. Wie in Abbildung 4 zu sehen, erscheint mit dem Einblenden des Ereignislayers eine Liste von im System eingetragenen Ereignissen, die ebenfalls auf der Karte verortet sind. Sind Ereignis und Social-Media-Thema einander zugeordnet, erscheint durch Anklicken eines Ereignisses in der Liste der Knopf „Fotos“. Hier erscheint der Knopf „Fotos“ bei Ereignis 1 „Lagerhalle brennt“, da diesem das Social-Media-Thema „#brand, #feuer“ zugeordnet ist. Durch Anklicken von „Fotos“ wird zusätzlich der Social-Media-Layer eingeblendet und die passenden Social-Media-Beiträge werden zu diesem Ereignis angezeigt. Hier werden also die Beiträge zum Thema „#brand, #feuer“ mit Fotos zum Brand der Lagerhalle angezeigt. Erneutes Klicken auf „Fotos“ blendet den Social-Media-Layer wieder aus.

Fazit

Das Bildmaterial der Bevölkerung, das über Social Media geteilt wird, stellt aus Sicht der HPA einen großen Mehrwert für den HASTA dar, um sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen und aufgrund dessen Entscheidungen treffen zu können. Um diese prototypische Erweiterung umzusetzen, gilt es noch einige Schritte zu gehen, wie einen HPA-Twitter-Account anzulegen und ihn aktiv zu pflegen. Der Ausbau des Prototyps zu einer produktiven Anwendung wäre nach diesen Schritten sinnvoll und ist in der HPA in Diskussion.

Geschrieben von
Pia Lembke
Pia Lembke
Pia Lembke ist Studentin der Mensch-Computer-Interaktion (MCI) an der Universität Hamburg und Werkstudentin bei WPS – Workplace Solutions GmbH. Sie interessiert sich besonders für die Gestaltung von Benutzeroberflächen, deren Umsetzung sowie Usability durch Nutzer.
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